Gefangenschaft

Flucht zurück ins Leben

Entführt, geschlagen und missbraucht: 25-Jährige entkommt nach zehn Jahren ihrem Peiniger

Auf den Monat genau ein Jahr nach der Befreiung von drei Frauen, die über Jahre gegen ihren Willen in einem Haus in Cleveland festgehalten und von ihrem Peiniger immer wieder vergewaltigt wurden, meldet die Polizei in Kalifornien erneut das spektakuläre Ende eines Entführungsfalls. In Bell Gardens, 15 Autominuten südlich von Los Angeles, konnte sich eine junge Frau nach zehn Jahren lebend aus den Fängen ihres Peinigers befreien. Sie meldete sich bei der Polizei.

Das Opfer kannte seinen Entführer gut: Die heute 25-Jährige war bereits als Teenager von dem Ex-Freund ihrer Mutter entführt und immer wieder misshandelt und vergewaltigt worden. Die Polizei nahm den mutmaßlichen Kidnapper Isidro García unter „dem Verdacht des Kidnappings, der Vergewaltigung, Misshandlung einer Minderjährigen sowie Freiheitsberaubung“ in Haft. Seine Kaution wurde auf eine Million Dollar festgesetzt. García hatte sein Entführungsopfer, dessen Name noch nicht bekannt ist, 2007 offenbar sogar zur Heirat gezwungen. Vor zwei Jahren bekam die junge Frau ein Kind von ihm.

Der Fall erinnert dabei an ein anderes Entführungsdrama, das in Amerika im vergangenen Jahr wochenlang für Schlagzeilen gesorgt hatte. Im Mai 2013 waren in Cleveland, Ohio, die drei Frauen Amanda Berry, Gina DeJesus und Michelle Knight befreit worden, die zwischen 2002 und 2004 verschwunden waren und fast ein Jahrzehnt lang in einem Haus eingesperrt, misshandelt und vergewaltigt wurden.

Berry brachte in Gefangenschaft ein Kind ihres Entführers zur Welt. Ihr 52 Jahre alter Peiniger, Ariel Castro, wurde im August 2013 zu lebenslanger Haft und 1000 Jahren verurteilt. Einen Monat später erhängte sich Castro in seiner Zelle. Michelle Knight berichtete am Mittwoch in einer Spezialausgabe der ZDF-Reihe „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ von ihrem Martyrium. Der 41-jährige Isidro García, ein Angestellter einer Reinigungsfirma, muss sein Opfer laut Polizeisprecher Anthony Bertagna mit Drogen betäubt und fortwährend psychisch und physisch so unter Druck gesetzt haben, dass die Frau am Ende nicht mehr den Mut zur Flucht hatte. „Sie hat es am Anfang zweimal versucht“, sagt Bertagna, „doch er konnte sie immer wieder einfangen und hat sie dann verprügelt.“

Opfer eingeschüchtert

„Leider hat es solche Fälle in der Vergangenheit immer wieder gegeben“, sagt Robert Lowery von der Vermisstenorganisation National Center for Missing und Exploited Children gegenüber der „Los Angeles Times“. „Die Opfer werden gefangen gehalten, vergewaltigt, gefoltert und denken irgendwann, dass ihre Familien sie nicht mehr wollen.“ Auch García soll seiner Gefangenen immer wieder erzählt haben, dass die Mutter sie nicht mehr liebe, sie aufgegeben habe und nicht mehr nach ihr suche. Außerdem drohte er damit, dass die ganze Familie aus den USA deportiert werde, wenn sie sich der Polizei stelle. Die Familienangehörigen des Opfers leben offenbar als illegale Einwanderer aus Mexiko in Kalifornien.

García habe im Jahre 2004 die damals 15-Jährige zunächst in ein Haus im heruntergekommenen Stadtteil Compton in Los Angeles gebracht. Dann habe er das Mädchen mit falschen Papieren ausgestattet und sei immer wieder mit ihm umgezogen, um der Polizei zu entgehen. Zuletzt lebten die beiden in einer Wohnanlage in Bell Gardens. Dort wurde García auch von der Polizei festgenommen. Erst ein Zufall beendete jetzt das Martyrium der jungen Frau. Die 25-Jährige fand vergangene Woche bei Facebook das Profil ihrer Schwester. Diese hätte ihr Mut gemacht, sich der Polizei zu stellen.

García war der Lebensgefährte der Mutter und lebte mit im Haus seines späteren Opfers und deren Schwester. „Die Mutter hatte damals Probleme mit ihrem Freund“, erinnert sich Nachbarin Silvia Suarez. García soll auch die Mutter misshandelt haben. „Sie hatte ihn in Verdacht, dass er das Mädchen sexuell missbrauchte und sie bald mit ihrer Tochter verlassen werde.“ Als die beiden dann tatsächlich verschwanden, erstattete die Mutter eine Vermisstenanzeige. Doch die Suche der Behörden brachte keinen Erfolg. Der Fall landete bei den Akten.