TV-Kritik

Wenn ein Kind nicht zur Schule darf, weil es behindert ist

In Berlin kommen dieser Tage in vielen Haushalten Briefe an. Sechstklässler, die sich für eine weiterführende Schule beworben haben, erfahren, ob ihre Wunschschule sie nimmt. Und bei vielen ist die Antwort ernüchternd. Abgelehnt. Hart für die Kinder, hart für die Eltern. Aber was, wenn die Ablehnung erfolgt, weil das Kind mit einem Down-Syndrom geboren wurde – wegen geistiger Behinderung? Und das in Zeiten der Inklusion, dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. Günther Jauch fragte am Sonntag im Ersten: „Stößt die Inklusion da an ihre Grenzen?“

Nehmen wir Henri, elf, Sohn der Journalistin Kirsten Ehrhardt, Down-Syndrom. Er lebt in Baden-Württemberg und geht in die vierte Klasse einer normalen Grundschule, die längst Inklusion praktiziert. Nun wechseln seine Freunde aufs örtliche Gymnasium oder die Realschule. Beide Schulen haben Henri abgelehnt, weil er wohl nie einen Abschluss schaffen wird. Darum sitzt Kirsten Ehrhardt bei Jauch. „Er soll mit seinen Freunden zusammenbleiben“, argumentiert sie, und seine Mitschüler müssten so eine Behinderung kennenlernen, das mache sie sozialer. Nur Eltern und Lehrer seien das Problem, sie schielten ständig auf Leistung. Rasch wird klar: Sie will das Gymnasium grundsätzlich reformieren. Zugang für alle, weg mit dem Leistungsdenken! In Zeiten des Turbo-Abis und gestresster Schüler irgendwie rührend, aber nicht realistisch.

Um zu zeigen, wie wunderbar das Leben auf der Regelschule für ein Down-Kind klappen kann, sitzt Carina Kühne aus Berlin in der Runde. Auch sie hat ein Down-Syndrom, allerdings wohl weniger heftig als Henri. Sie hat sich damals in Berlin – in Zeiten der Zwangseinweisung in eine Sonderschule – vor Gericht erkämpft, eine Hauptschule besuchen zu dürfen. Und sie hat den Abschluss geschafft, Notendurchschnitt 2,3. „Ich bin eigentlich sehr fit“, sagt sie.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) laviert sich diplomatisch durch die Sendung, sie versucht nicht anzuecken. Wie wohltuend ist da der Lehrer Jan-Martin Klinge in der Runde, der an einer Gesamtschule arbeitet, die Inklusion umsetzt. Er sagt: Inklusion ist richtig, aber sie hat Grenzen. Ab der 7. Klasse sei das Zusammenlernen oft ein Problem. Und: „Unser Schulsystem basiert nicht darauf, dass man mit seinen Freunden zusammen ist.“ Sein Fazit: Die Mischung macht’s. Man muss halt schauen, welche Mischung eine Klasse verträgt. Dass Kinder dabei immer wieder von Schulen abgelehnt werden, gehört dazu. Das trifft behinderte und nicht behinderte Kinder. Man nennt es Realität.