Unglück

Nordkorea zeigt seine Trauer

23-stöckiges Hochhaus eingestürzt. Rohbau war bereits bewohnt. Regierung entschuldigt sich, verschweigt aber die Opferzahl

Beim Einsturz eines 23-stöckigen Hochhauses in Nordkorea sind womöglich mehrere Hundert Menschen ums Leben gekommen. Ein südkoreanischer Regierungsbeamter sagte am Sonntag, in dem Gebäude in Pjöngjang hätten vermutlich 92 Familien gewohnt. Nordkorea meldete den Zwischenfall, schwieg aber über die Zahl der Toten. Die Opferzahl dürfte „beträchtlich“ sein, sagte ein Regierungsbeamter.

Die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA berichtete, bereits am Dienstag habe sich ein „unvorstellbares“ Unglück auf einer Baustelle in der Hauptstadt ereignet. Dabei habe es Verletzte gegeben. Über Tote wurde nicht berichtet. Der Unfall habe den nordkoreanischen Herrscher Kim Jong-un bestürzt, hieß es. Offenbar war der Rohbau eines Hochhauses eingestürzt. Dutzende Familien, die bereits auf der Baustelle wohnten, wurden offenbar getötet.

Regierung entschuldigt sich

In ungewöhnlicher Offenheit räumte KNCA ein Fehlverhalten der Verantwortlichen ein. Für das abgeschottete Land ist es äußerst ungewöhnlich, dass über offizielle Kanäle schlechte Nachrichten verbreitet werden. Ebenso selten wird Fehlverhalten öffentlich eingeräumt. Laut KCNA hatten die für den Bau zuständigen Beamten in „unverantwortlicher“ Weise Aufsicht geführt.

Der Minister für Volkssicherheit, Choe Pu Il, und der Chef des örtlichen Parteikomitees, Kim Su Gil, entschuldigten sich öffentlich für das Unglück. Nach Kims Angaben wies Kim Jong-un Vertreter von Partei, Staat und Armee an, „alles stehen und liegen zu lassen und die Rettungsarbeiten zu leiten“. Auf einem am Sonntag von der staatlichen Zeitung „Rodong Sinmun“ veröffentlichten Foto ist ein nicht näher identifizierter Offizier zu sehen, wie er sich an einer Baustelle vor Hunderten Menschen entschuldigt.

Auf den Straßen von Pjöngjang zeigten sich Passanten am Sonntag wütend. „Dieser Unfall passierte, weil sie die Regeln und Methoden am Bau gebrochen haben“, sagte Pak Chol. „Nach diesem Unfall müssen wir sicherstellen, dass diese Art schreckliches Unglück nicht mehr vorkommen kann, indem wir uns an die Bauregeln halten.“ Ein anderer Passant, Hong Nam Hyok, sagte, alle in Pjöngjang trauerten mit den Familien um die Opfer.

Nordkorea hatte vor fünf Jahren zu Ehren von Staatsgründer Kim Il Sung den Bau von 100.000 neuen Wohnungen in drei Bezirken von Pjöngjang angekündigt. Die Bauarbeiten gingen trotz der Hungersnöte in dem verarmten Land weiter. Südkoreanische Medien berichteten im Juli 2011, dass Studenten und Soldaten für den Bau rekrutiert wurden, nachdem Geldmangel und Engpässe bei den Materialien immer wieder für Verzögerungen gesorgt hatten.

Auch Kim Jong-un hatte seit seinem Machtantritt im Dezember 2011 eine Reihe eigener prestigeträchtiger Bauprojekte angestoßen; im vergangenen Jahr eröffnete er unter anderem einen gigantischen Wasserpark, einen Reitclub, Wohnungen für Wissenschaftler, Lehrer und Sportler in der Hauptstadt sowie ein gewaltiges Skigebiet im Nordosten des Landes.

Bauprojekte als Imagepflege

Nach Angaben politischer Beobachter sollen die Projekte das Image des unerfahrenen Machthabers aufpolieren. Auch die ungewöhnlichen öffentlichen Entschuldigungen nach dem jüngsten Unglück dienen nach Einschätzung des Nordkorea-Experten Kim Yong Hyun von der Dongguk-Universität in Seoul dem Image Kim Jong-uns. Sie sollten zeigen, dass er „als Führer die Gefühle der Menschen sehr ernst nimmt“.

Nordkoreas kontrollierte Medien berichten nur selten von größeren Unglücken. Zuletzt hatte es im April 2004 eine schwere Zugexplosion in Ryongchon im Nordwesten des Landes öffentlich gemacht und um internationale Hilfe gebeten. Damals waren mehr als 150 Menschen getötet und rund 1300 verletzt worden.