Familie

Unser Sohn, der Amokläufer

Der 17-jährige Tim Kretschmer erschoss 15 Menschen, verletzte 14 weitere, tötete sich selbst. Seinen Eltern fehlt er dennoch

An dem Morgen, an dem alles endet und beginnt, fragt die Mutter den Sohn: Seit wann schauen wir denn morgens schon fern?

Es sind die Nachrichten. Am Tag zuvor hat ein Mann in Alabama seine Mutter erschossen, danach die Großeltern, eine Tante und einen Onkel, er brannte das Haus der Mutter nieder, fuhr ein paar Ortschaften weiter, tötete ein paar Fremde, dann sich selbst. Der Sohn sieht die Bilder von Trauernden und Polizeiwagen und streichelt die Katze, gedankenverloren.

Aus den Gerichtsakten, gekürzt: Am 11.3.2009 holte Tim Kretschmer, nachdem seine Eltern aufgestanden waren, die Pistole aus dem Kleiderschrank im elterlichen Schlafzimmer und verließ gegen 9.00 Uhr sein Elternhaus, um an seiner früheren Schule, der Albertville-Realschule, eine Vielzahl von Schülerinnen und Schülern zu erschießen, um größtmögliches Aufsehen zu erregen.

Der Tag ist in tausend Stücke zersplittert. Die Eltern können ihn kaum zusammensetzen.

Die Mutter:

Sie ist zu Hause, die Tochter ruft an, sie sei in einem Klassenraum des Gymnasiums eingeschlossen, sicherheitshalber. Mama, es heißt, an der Realschule war ein Amoklauf.

Was?

Die Mutter ruft im kaufmännischen Berufskolleg an, wo der Sohn zur Schule geht. Sie sagen, er sei nicht da.

Merkwürdig.

Sie sieht aus dem Fenster.

Männer mit Helmen und schusssicheren Westen.

Anruf bei der Polizei.

Wie heißen Sie?

Kretschmer.

Sind Sie die Mutter von Tim Kretschmer?

Ja.

Verlassen Sie das Haus mit erhobenen Händen, sagt die Stimme am Telefon.

Draußen wartet schon das SEK. In Hausschuhen wird sie weggefahren.

Der Vater:

Im Radio sagen sie was von Schüssen.

Er fährt nach Hause, seine Frau sitzt schon im Auto.

Wie in Trance führt er die Polizisten ins Schlafzimmer, zu der einen Waffe, die er nicht im Tresor aufbewahrt hat.

Sie ist nicht da.

Revier.

Verhöre.

Wo ist unsere Tochter?

Es geht ihr gut.

Ich will sofort meine Tochter sehen.

Weinen.

Ein Beamter.

Wie viele hat er getötet, fragt der Vater.

Nein. Das kann nicht sein.

Warum haben Sie die Waffe nicht im Tresor aufbewahrt, fragt jemand ihn.

Es wurde schon mal eingebrochen.

Wo hat er die Munition her?

Sie zeigen ihm ein Foto: Ist das ihr Sohn?

Ja. Ist er tot, fragt der Vater.

Ja.

Gut, entfährt es ihm. Was nach diesem Tag mit dem Sohn geschehen wäre, ist schlimmer als tot sein, glaubt der Vater.

Hätte er doch mich erschossen, sagt die Mutter.

In der Albertville-Realschule in Winnenden begab sich Tim Kretschmer zunächst auf die Toilette im Untergeschoss, wo er die Pistole lud und die übrige Munition in den aufgesetzten Taschen seiner Jacke verstaute. Gegen 9.30 Uhr begab er sich in das 1. Obergeschoss. Dort suchte er zunächst den Raum 305 auf, der im Schuljahr 2007/2008 sein letztes Klassenzimmer gewesen war und in dem die Lehrerin Marie-Luise B. gerade die Klasse 9c unterrichtete.

Der Sohn ist jetzt Tim K., der Amokläufer von Winnenden. Ein Einzelgänger, einer, der stundenlang Leute am Computer erschossen hat, einer, der kaum Freunde hatte. Der sich altmodisch kleidete und Koteletten wachsen ließ. Ein großer Junge, den manche Kinder hinter seinem Rücken „Riesenbaby“ und – boshaft – „Sexiest Man Alive“ nannten.

Im Zimmer des Sohns war ein Zettel: „Man wird nicht so geboren, man wird so gemacht.“

Das erfahren sie aus der Presse.

Sie erfahren auch, wer sie sind, in den Augen der anderen. Der Vater, ein Waffennarr, einer, der einen instabilen Jungen mit zum Schießstand nahm.

Die Mutter, eine Frau, die ihn über Amazon Killerspiele hat bestellen lassen.

Man rät ihnen zu schweigen, das sei das Beste, denn sie würden, egal was sie sagen, für immer die Eltern des Massenmörders bleiben. Manche Angehörige fordern in der Presse öffentlich ein Bekenntnis der Eltern, die sich immer fester verschließen.

Eltern auf der Flucht

Es beginnen Wochen und Monate der Flucht. Sie ziehen um, immer wieder, nie zu weit weg, denn die Firma muss weiterlaufen, sie ändern ihren Namen, sie schicken die Tochter erst nach Frankreich, dann später nach Australien, damit sie dort zur Schule geht. Sie meiden Winnenden, sie steigen nicht aus, fahren nicht durch. Sie fahren überhaupt oft Umwege, weil sie verfolgt werden oder sich verfolgt fühlen. Der Vater sagt, er habe inzwischen auch hinten Augen. Er weiß nun, dass Reporter auch als Blumenbote verkleidet klingeln.

Sie verkaufen das Haus. Sie finden einen Käufer, er will ein Amok-Museum daraus machen, sie suchen einen anderen. Der Vater schleicht sich über das Grundstück des Nachbarn rein. Er packt die Dinge, die er von seinem Sohn behalten will, in eine Box: Fotos, Pulli, Tischtennisschläger, ein Buch aus dem Kindergarten.

Als das Haus leer ist, betritt auch die Mutter es wieder. Sie hockt sich auf die Treppe im zweigeschossigen Zimmer des Sohnes. Dort bleibt sie lange sitzen.

Er öffnete die Tür, trat in den Raum, gab wortlos Schüsse auf die ahnungslos mit dem Rücken zu ihm sitzenden Schülerinnen und Schüler ab. Hierbei erschoss er die 15-jährige Chantal S., die 15-jährige Jana S., die einen Kopfdurchschuss erlitt, und die 16-jährige Kristina S.. Chantal S. und Kristina S. verstarben sofort, Jana S. erlag ihren Verletzungen unmittelbar nach der Einlieferung im Klinikum.

Sie werden befragt, immer wieder. Es sind die Fragen, die sie sich auch selbst stellen.

Wann begann das alles?

Begann es, als er fast nur Vieren in der Schule bekam und auch die Nachhilfe kaum half?

Mit der Pubertät? Als er so plötzlich wuchs?

Begann es, als er gehänselt wurde? Begann es, als er der Mutter sagte: Mama, ich hab mich gegoogelt, ich glaube, ich bin bipolar? Sie suchten professionelle Hilfe für den Sohn, man sagte ihnen, er habe eine soziale Phobie. Es hieß aber auch: Das wächst sich wahrscheinlich raus. Begann es da? Begann es, als der Sohn sagte: Es geht mir wieder besser?

Oder als er immer stiller wurde und sich immer mehr zurückzog? Als er stundenlang im Zimmer blieb?

Aber sind nicht viele so?

Begann es, als der Vater, Sportschütze, den Sohn mit zum Schießen nahm, um ihn unter Leute zu bringen?

Wer war er?

Was wollte er?

So viele Fragen.

Den Eltern wird klar, dass sie den Sohn schon lange vor dem 11. März verloren hatten.

Tim Kretschmer begab sich zum Raum 301, in dem gerade die Klasse 10d unterrichtet wurde. Er trat in den Raum und gab wortlos Schüsse auf die ahnungslos mit dem Rücken zu ihm sitzenden Schülerinnen und Schüler ab. Hierbei erschoss er die 15-jährige Jacqueline H., den 17-jährigen Ibrahim H., die 16-jährige Stefanie K., die 15-jährige Selina M., die 16-jährige Victorija M., und die 16-jährige Nicole N..

Im Lehrerzimmer auf die Schussgeräusche im 1. Obergeschoss aufmerksam geworden, begaben sich die Lehrerinnen Michaela K. und die Referendarin Nina M. in das 1. Obergeschoss. Beide wurden von Tim Kretschmer vor dem Raum 305 in den Rumpf aus nächster Nähe erschossen. Anschließend schoss Tim Kretschmer zweimal auf die kurz vorher sicherheitshalber verschlossene Tür des Raumes 317, in dem die Referendarin Sabrina S. gerade die Klasse 9b unterrichtete. Beide Geschosse durchschlugen die Tür. Eines traf Sabrina S., die hierbei einen Rumpfdurchschuss erlitt, an dem sie verstarb. Als die ersten Polizeibeamten eintrafen, ergriff Tim Kretschmer die Flucht.

Am Ende des Tages wird Tim 15 Menschen getötet, 14 weitere verletzt haben. Und sich selbst erschossen haben. Gerade ist es fünf Jahre her. Überall waren wieder die Geschichten über ihn.

Doch es gibt auch Geschichten, die keiner wissen will und die dennoch wahr sind. Sie handeln von dem Baby, geboren am 26.07.1991, 3000 Gramm, 52 Zentimeter. Von dem Neunjährigen, der plötzlich sagte, Papa, ich will Tischtennis spielen. Drei Leitz-Ordner erzählen von ihm: Lokalzeitungsausschnitte von Tischtennis-Siegen, Bilder von Treppchen und Pokalen, ein lächelnder Sohn, Bildunterschrift: „Erfolgreich: Tim Kretschmer.“ Sie handeln von Familienrundreisen durch Amerika und von nächtelangen Fahrten mit dem Vater zu Turnieren, zu Armwrestling-Wettbewerben. Stundenlang schläft der Sohn neben dem Vater, um beim Aussteigen zu sagen: Bist gut gefahren.

War das auch Tim K.?

Es sei so, sagt die Mutter: Man könne natürlich nicht erwarten, dass jemand um ihren Sohn trauert. Oder ihn vermisst. Man könne nicht erwarten, dass sein Name irgendwo steht, an einem der Denkmäler, wo die Namen derer eingraviert sind, die er erschossen hat. Man könne eigentlich gar nichts erwarten. Das wisse sie, sagt die Mutter. Aber es sei nicht so, dass der Amokläufer von Winnenden nie geliebt wurde, auch nicht, dass er nicht mehr geliebt wird.

Die Mutter weint viel, der Vater wenig. Nur einmal kommen ihm die Tränen. Als er sagt: Er fehlt mir so.

Zweimal im Jahr, an seinem Geburtstag und an seinem Todestag, fahren der Vater und die Mutter ein paar Autostunden zu einem Waldfriedhof. Sie haben ihn anonym begraben. Sie wussten lange nicht, wohin mit ihm, die Polizei warnte vor einem Begräbnis, man könne nicht für die Sicherheit der Beerdigungsteilnehmer garantieren. Also haben sie ihn verbrannt und die Urne erst mal stehen lassen.

Zu ihm führt kein Pfad. Er liegt im Gestrüpp.

Vielleicht, sagt der Vater, wird er es irgendwann schaffen, den Namen seines Sohnes doch an das Grab zu schreiben.