Beinahe-Unglück

„Ich fühlte, wie mein Körper schwebte“

Wie ein waghalsiges Manöver eines Boeing-Piloten den Crash mit einem anderen Jet verhinderte

Als Kevin Townsend vor ein paar Wochen ins Flugzeug von Hawaii nach Los Angeles stieg, wusste er noch nicht, dass ihn das fast das Leben kosten würde. Denn die Boeing 757 von United Airlines, in der der Autor saß, war am 25. April über dem Pazifik auf Kollisionskurs mit einem anderen Flugzeug – und zwar in etwa 10.000 Meter Höhe. Der Unfall von Flug UA1205 hätte wohl insgesamt 590 Menschen das Leben gekostet und wäre damit zu einer der schlimmsten Unglücke in der Geschichte der Luftfahrt geworden. Nur die schnelle Reaktion des Piloten in Townsends Maschine rettete allen das Leben. Er riss die Maschine runter, um fast 180 Meter in wenigen Sekunden sackte die Boeing ab.

Panik und Chaos in den Reihen

„Ich fühlte, wie mein Körper zu schweben begann und gegen meinen Gurt drückte. Passagiere um mich herum schrien. Es gab einen lauten Knall im hinteren Teil – eine Kaffeetasse war zu Boden gefallen und polterte über den Mittelgang“, beschreibt Townsend in einem Essay für das Magazin „Medium“ die Szene. Alles wackelte, die Tische begannen zu rattern bei dem Manöver, das „eher für einen Kampfjet gedacht“ sei als für eine Boeing 757. In den Sitzreihen herrschte Panik und Chaos. Schließlich stabilisierte der Pilot die Maschine wieder, es kam eine Durchsage: „Okay. Das war offensichtlich unerwartet.“ Danach erklärte die Crew, dass Bordentertainment sei für alle Passagiere kostenlos, diejenigen, die bereits bezahlt hatten, bekämen ihr Geld auf die Kreditkarte zurücküberwiesen. Townsend wurde misstrauisch. „Es musste etwas Schlimmes passiert sein“, vermutete er – und begann zu recherchieren.

Das Ergebnis: Der Pilot reagierte mit seinem unerwarteten Manöver auf einen Flieger der Fluggesellschaft US Airways, der sich auf gleicher Flughöhe befand. Für solche Fälle besitzt das Flugzeug zwar ein Alarmsystem (Traffic Alert and Collision Avoidance System, kurz: TCAS), das reagiert, falls sich zwei Maschinen zu nahe kommen. Im Fall von Townsends Flug war die andere Maschine mit mehr als 200 Passagieren an Bord allerdings bereits in Sichtweite.

Der Pilot soll daraufhin im Cockpit geschrien haben: „Heilige Scheiße. Da ist sie!“, und sofort die Boeing in eine niedrigere Höhe gesteuert haben. Die schnelle Reaktion sei auch notwendig, schreibt Townsend weiter. Das Flugzeug fliege immerhin mit einer Geschwindigkeit von etwa 900 Kilometern die Stunde. Eine Distanz von fast vier Kilometern wäre in etwa 15 Sekunden zurückgelegt.

Der Flug konnte anschließend ohne weitere Zwischenfälle beendet werden, die Boeing landete sicher in Los Angeles. Aber während seiner anschließenden Recherchen entdeckte Townsend, dass die Kollision die schlimmste in der Geschichte der Luftfahrt hätte werden können. Als bisher schlimmstes Unglück gilt der Zusammenstoß zweier Maschinen im Jahr 1977 auf der spanischen Insel Teneriffa, 583 Menschen kamen in den zwei Boeing 747 ums Leben.

„Wäre es zur Kollision gekommen, hätte das einen neuen Rekord bedeutet, mit vermutlich 590 Toten, ich wäre einer davon gewesen“, schreibt Townsend weiter und plädiert dafür, dass die Luftfahrtindustrie einer strengeren Aufsicht der Behörden bedarf.

Seiner Meinung nach finden zwar am Boden starke Kontrollen statt und das Fliegen gelte auch deshalb heutzutage als besonders sicher, aber was in der Luft passiert, bleibt häufig im Dunkeln – wie auch der Fall der Malaysia-Airlines-Maschine MH370 beweist. Seit dem 8. März fehlt von den 239 Menschen an Bord jede Spur. Nach dem letzten Funkkontakt änderte die Maschine ihre Route und ist bis heute verschollen. Die Kommunikation in der Luft sei einfach zu schlecht, bemängelt Townsend. Aber nicht nur das.

Immer weniger Erfahrung

Schon 2013 schlug die US-Luftfahrtbehörde Alarm, weil sich immer mehr Piloten auf die Technologie im Cockpit verlassen würden und gleichzeitig immer weniger Erfahrung mitbrächten. Es war sogar davon die Rede, dass Piloten das Fliegen verlernten. Hintergrund war der Absturz der Air-France-Maschine AF447, die am 1. Juni 2009 in den Atlantik stürzte.

Die Piloten an Bord hatten falsche Werte angezeigt bekommen, weil die Sonden für die Geschwindigkeitsanzeige vereist waren. Sie verließen sich trotzdem darauf und interpretierten die Anzeige falsch, wodurch der Airbus aus elf Kilometern auf die Wasseroberfläche schlug und zerschellte. 228 Menschen kamen ums Leben. Auch im Fall von Townsends Beinaheunglück erklärte ihm einer der Ingenieure auf Hawaii: „Die moderne Technologie stattet Flugzeuge mit all diesen Geräten aus. Es hat alles einwandfrei funktioniert, und weil alles einwandfrei funktionierte, werden die (Untersuchungen, Anm. d. Red:) nicht fortgeführt.“