Musikwettbewerb

Hier stehe ich und kann nicht anders

Conchita Wurst, die Siegerin des ESC, inszeniert in Perfektion das Pathos des Coming-outs – und seine befreiende Kraft

Allein die Twitter-Bilanzen sagten schon alles. Über 40.000 Wortmeldungen des Kurznachrichtendienstes produzierte der Auftritt der späteren Siegerin Conchita Wurst am Samstagabend – pro Minute. Überall in Europa begann sich die Internetgemeinde Bärte anzuschminken und anzukleben; andere malten der österreichischen Kaiserin Sissy auf einem Ölgemälde einen Bart an oder entwarfen am Computer katholische Heiligenbildchen mit ihrem neuen Idol. Wieder andere versuchten sich am Wortwitz. „Der von Österreich sah grad aus wie der Bill Kaulitz von Tokio Hotel“, meinte ein Nutzer namens Christian. Viele forderten, Conchita Wurst als das neue Bondgirl einzusetzen.

Und Propheten fanden sich auch einige, während der aus Oberösterreich stammende Travestiekünstler Tom Neuwirth noch auf der Bühne stand und seine Schmachthymne „Rise like a Phoenix“ schmetterte. „Ich habe da so ein Gefühl“ orakelte einer von ihnen, „alle singen ein Lied, nur die Wurst singt zwei.“

Und tatsächlich hatte Conchita Wurst dann den von allen Künstlern ersehnten zweiten Auftritt in Kopenhagen und durfte die Trophäe für den Sieg beim Eurovision Song Contest 2014 entgegennehmen. Die Begeisterung für die vollbärtige Dragqueen schlug sich in einem beispiellosen Punkteregen nieder. Allein 14 Mal bekam sie die Höchstwertung von 12 Punkten zugesprochen. So waren es am Ende ganze 290 Punkte – bei nur traurigen 39 Punkten für den deutschen Beitrag von Elaiza. Die ebenfalls nationenübergreifende Begeisterung auslösende Lena hatte es 2010 in Norwegen nur auf 246 Punkte gebracht.

Natürlich muss man sich die Frage stellen, wie diese einhellige Verliebtheit zustande kommt angesichts eines Künstlers, dessen Äußeres beim ersten Anblick auf viele verstörend wirken muss. Dazu ist der Siegertitel selbst lehrreich und auch die Art, wie er in Dänemark inszeniert wurde. Während der drohenden, überdeutlich an die Soulhymnen von Shirley Bassey erinnernden Eingangstöne, die man als klare Paraphrasen auf die Melodien der James-Bond-Filme wiedererkannte, fuhr die Kamera auf ein verschattetes Gesicht zu, das erst mit dem Beginn des Gesangs dramatisch von unten beleuchtet wurde. Der Moment inszenierte in Perfektion das Pathos des Coming-outs, das viele Homosexuelle als Zäsur in ihrer Biographie erfahren, das sie oft viel Mut und Kraft kostet.

Hier stehe ich und kann nicht anders: Die gesamte Performance des Österreichers schien angelehnt an den berühmten Ausspruch Martin Luthers, mit dem dieser auf dem Reichstag in Worms den Widerruf seiner Thesen abgelehnt haben soll. Auch wenn die Worte so vielleicht nicht gefallen sind: Das couragierte Bewahren der eigenen Haltung ist zum Gehalt dieses Satzes geworden, und auch Conchita Wurst stand. Sie hüpfte nicht herum wie ihre Konkurrenten, sie bediente keine absurden Musikinstrumente. Sie stand und breitete die Arme aus und bekam in der Kombination aus langem, glattem Haar und dem gepflegten Bart etwas Ikonographisches. Dazu passte der Text des Liedes, der mystische mit alttestamentarischen Anklängen verband. Jeder kennt den Vogel Phönix, der sich alle 500 Jahre selbst verbrennt und aus seiner Asche wieder neu ersteht. Auf mehreren Ebenen spielt die orientalische Sage auf die Neuerschaffung von Identität an, die auch Tom Neuwirth mit seiner Verwandlung in die Kunstfigur Conchita Wurst hinter sich bringt – und die vielleicht auch der homosexuelle Mensch vollzieht, wenn er seine Mitmenschen über sich ins Bild setzt. Hierher rührte das drängende Pathos dieses Liedes und seine existenzielle Wucht, die in Europa von Lissabon bis Kiew jeder verstand.

Das grundsympathische, weltoffene und schwule Familientreffen, das der Eurovision Song Contest schon seit Jahrzehnten ist, hat in Conchita Wurst nun ein überaus talentiertes Maskottchen gefunden. Gewisse Parallelen zum Jahr 1998 drängen sich auf, als mit Dana International eine israelische Transsexuelle in Birmingham den ESC gewann. Wie Conchita Wurst hatte sich auch Dana im Vorfeld mit Anfeindungen auseinanderzusetzen.

Schwulsein nicht verstecken

Während es bei der Israelin konservative, religiöse Kreise ihrer Heimat waren, beschwerte sich im Vorfeld des diesjährigen Wettbewerbs der armenische Interpret Aram Mp3 über das Äußere der Österreicherin, musste aber bald kleinlaut zurückrudern.

Ein großer Unterschied freilich ist sofort sichtbar und erzählt viel von den Emanzipationserfolgen der Schwulenbewegung: Während Dana International niemand ansehen konnte, dass sie einmal ein Mann gewesen war, ließ sich Conchita Wurst die männliche Identität einfach ins Gesicht wachsen: Hier stehe ich und kann nicht anders.

Ein 23-jähriger Oberösterreicher hat also das Pathos des Bekenntnisses zurück nach Europa gebracht, flammenumzüngelt und von dunkel dräuender Musik untermalt. Und die schöne Pointe ist, dass er es im Kostüm einer Kunstfigur mit ziemlich lustigem Namen tat.