Musik

Die Politik singt mit beim „Eurovision Song Contest“

Im zweiten Halbfinale wird Österreich wild gefeiert – und Weißrussland ausgepfiffen

Als nur noch ein Qualifikationsplatz zu vergeben war und Israel und Österreich unter den Wackelkandidaten waren, da wollte man schon kurz vom Glauben abfallen. Denn sowohl der rockige Liebeskummersong der Israelin May Finegold wie auch die fast jamesbondhafte Hymne der österreichischen Travestiekünstlerin Conchita Wurst waren vorher von Experten zu den Favoriten gerechnet worden – und hatten auch in den Wettquoten der britischen Buchmacher Ränge im vorderen Drittel gelegen. Nun hat es also, zur hörbaren Freude in der Kopenhagener ESC-Arena und unter deutlichem Applaus in den sozialen Netzwerken, die bärtige Amazone aus Oberösterreich in das Finale am Sonnabend geschafft. Neben Israel müssen auch die Kandidaten aus Litauen, Georgien, Mazedonien die Koffer packen – und auch der ESC-Rekordsieger Irland hat es überraschenderweise nicht geschafft. Aber sonst ist auch in diesem Vorentscheid das große Favoritensterben ausgeblieben.

Man konnte auch bei diesem Halbfinale sehen, dass die Zeit des groben Klamauks und der Monstermaskeraden nun endgültig der Vergangenheit angehört. Musikalisch war man ja schon in den letzten Jahren zum Bewährten zurückgekehrt – und so verwob sich auch diesmal Folkloristisches und Balladeskes mit lange erprobten Disco- und Dancefloor-Routinen zu einer Mischung, die seit vielen Jahrzehnten den Klangteppich dieses Wettbewerbs bildet.

Das war auch textlich so. Die Sehnsucht, ach, die Sehnsucht, aber auch die Hände in der Luft, die Augen des Liebsten, Sterne, Wunder, Stürme: Das alles war da. Der weißrussische Interpret fügte noch einen Käsekuchen hinzu, und man war schon kurz dankbar aufgeschreckt, als sich herausstellte, dass damit auch wieder nur ein ungeliebter Kosename gemeint war.

Und doch: Eine politische Grundierung des Wettbewerbs ist in diesem Jahr stärker zu spüren als in den vergangenen. Der frenetische Jubel für die Combo aus Griechenland mit dem vielsagenden Namen „Freaky Fortune feat. Risky Kidd“ und dem noch mehr sagenden Rocktitel „Rise up“ sprach eine deutliche Sprache angesichts der harten Lage dieses Landes. Und es mischten sich deutlich hörbare Buhrufe unter den Applaus, als mit Weißrusslands Sänger „Teo“ ein Bürger der Lukaschenko-Diktatur auf der Bühne stand. Das hatte es zuletzt am Dienstag gegeben, als den russischen Tolmatschewa-Zwillingen vernehmliche Pfiffe entgegentönten, wohingegen die ukrainische Interpretin Marija Jaremtschuk gefeiert wurde. Der „Eurovision Song Contest“, einst als Akklamationsveranstaltung für das europäische Projekt erfunden, will nicht mehr die atmosphärischen Turbulenzen des Kontinents verstecken. Das ist eine gute Nachricht.