Film

Mit 86 doch noch ein Star

Johanna Penski hat in 860 Filmen als Komparsin mitgespielt. Jetzt wird sie berühmt – in einem Werbespot, der ihre Geschichte erzählt

Vergangene Woche erst ist sie wieder mal gestorben. Eine Leiche spielen, also stumm und blass geschminkt in einem Bett liegen, das kann die 86-Jährige besonders gut. Johanna Penski ist ehemalige Sportlehrerin aus Tempelhof. Seit sie in Rente ist, verdient sie sich als Komparsin was dazu. Es läuft gut. 860 Filme hat sie in den letzten 26 Jahren gedreht. Doch seit zwei Monaten ist sie kein namenloses Gesicht mehr. In einem Telekom-Spot flimmert sie als Hauptaktrice über die Mattscheiben. Sie spielt sich selbst, denn der Spot erzählt ihre Geschichte.

Nun hat man sie auch noch zum Deutschen Filmpreis eingeladen. So richtig fassen kann Penski das nicht. Gemeinsam mit zwei PR-Damen sichtet sie nun im 14. Stock eines Berliner Fünfsternehotels Kleider und Hüte, die zwei Stylistinnen für sie ausgesucht haben. Modern ist die Auswahl: armfrei, beinfrei und buntes Kunstfell. Also nein, Penski schüttelt den Kopf, das könne sie in ihrem Alter nicht tragen. Die zwei Stylistinnen müssen noch mal los, etwas Altersgerechtes suchen. Übel nehmen kann man den Stylistinnen ihre Wahl nicht. Damit haben sie nur das Konzept der Werbung, in der Penski mitspielt, aufgreifen wollen: alt und modern zugleich.

Das ist gerade Trend unter Telekommunikationskonzernen. Vodafone setzt in seiner Werbung auf zwei drollige ältere Damen, die zum ersten Mal mit dem Flugzeug reisen. Ihr Erlebnis teilen sie per Tablet-PC und Smartphone mit den Enkeln. Der Clip im Dokustil wurde schon mehr als zwei Millionen Mal auf YouTube angeklickt.

Die Telekom erzählt Johanna Penskis Geschichte als „Deutschlands beliebteste Komparsin“. Da ist die Regieassistentin Tina Rexilius, die sagt, Regisseure würden Penski mittlerweile extra ins Drehbuch schreiben, da sie als Talisman gelte, Schwenk auf Penskis strahlendes Gesicht. Der Clip endet mit den Worten der alten Dame, die sagt, sie hoffe noch lange weitermachen zu können. Allein das ist schon emotional, aber dann gibt man der Rentnerin noch einen Tablet-PC in die Hand, mit der sie ihre Komparsenkarriere per Fingerwisch Revue passieren lässt.

Kinder, Tiere und auch Alte werden schnell zu einer Sensation. Denn ihr Können hat schnell etwas Besonderes, etwas Rührendes, weil – und das macht die ganze Geschichte für Senioren so traurig – man es ihnen eigentlich nicht mehr zutraut. „Ich kenne kaum jemanden, der so fit und agil ist in dem Alter“, sagt Tina Rexilius im Telekom-Spot. Wäre Penski 36, würde sie niemand zum Filmpreis einladen.

Die Komparsin selbst erklärt sich ihren Erfolg mit ihrer Natürlichkeit. Den auffallenden pinkfarbenen Hut setzt sie nur den PR-Damen zuliebe auf. Als Komparsin komme sie, im Gegensatz zu ihrer schauspielerisch hochkarätigen Konkurrenz, immer ohne Schmuck und Schminke zum Casting. So hat sie es schon bei ihrem ersten Film gehalten, den sie vor 70 Jahren gedreht hat. Anschauen kann man sich den heute nicht mehr ohne Weiteres, er gehört zu den rund 40 gelisteten volksverhetzenden „Vorbehaltsfilmen“. Damals spielte sie in dem Durchhaltefilm „Kolberg“ von Veit Harlan.

Peinlich war’s bei Til Schweiger

Seit sie Pensionärin ist, hat Penski beim Film wieder gut zu tun und lehnt nichts ab außer Zigarettenwerbung. Der Dreh zu „11/2 Ritter“ von Til Schweiger sei der peinlichste gewesen, sagt sie. Fotos zeigen sie mit langen verfilzten Haaren in grauer Kutte. So stellte sich Schweiger offenbar eine eiserne Jungfrau vor. Penski sollte als ebensolche ihr Jugendidol Johannes Heesters verführen. Schweiger machte es Penski vor: Mit weit ausgestreckter Zunge über die Lippen fahren. 13-mal mussten sie die Szene wiederholen. 13-mal musste Heesters in seiner Rolle entgegnen, dass er lieber gehängt werden würde, als sich mit ihr einzulassen. „Was hätt’ ich in meiner Jugend dafür gegeben, den Heesters mal anzumachen“, sagt Johanna Penski und lacht „Aber doch nicht so. Das war mir sehr peinlich.“

Schauspielerin habe sie nie wirklich werden wollen. „Das, was jetzt passiert, kommt mir wie ein Traum vor“, sagt die 86-Jährige, öffnet ihre schwarze Tasche, holt ein Taschentuch heraus und muss sich vor Rührung die Nase schnäuzen. Die Stylistinnen werden gleich wiederkommen. Einen neuen Schwung Kleider bringen.