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Ein Plädoyer für die Mode

Stilsicher zum Star: Gerichtssprecherin Andrea Titz glänzt auf der Münchner Prozessbühne

Neulich verlangte Andrea Titz als stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Richterbundes von der Regierung, doch endlich bitte schön die Vorratsdatenspeicherung zu regeln, das sei „zwingend“ für die Verbrechensbekämpfung. Große Schlagzeilen produzierte die Juristin nicht, und das, obwohl sie damit den zögerlichen Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) scharf kritisierte und ihr Bund 15.000 Richter und Staatsanwälte vertritt. Doch kurz darauf ging Titz in einem rotem Kleid zur Arbeit. Und prompt wurde sie zu einer der zurzeit bekanntesten Figuren der deutschen Justiz.

Ein Viertel ihrer Arbeitszeit erledigt die 44-Jährige in schwarzer Robe, als Richterin am Bausenat des Oberlandesgerichts München, wo es meist um Pfusch am Bau geht, und oft um Millionen. Doch in der restlichen Zeit ist die Regensburgerin, die ihr Abitur mit 1,0 und ihr Studium mit Prädikatsexamen abschloss, Sprecherin des Oberlandesgerichts. Und dann zeigt sie mit offenkundiger Lust, was Schuhschrank und Ankleidezimmer so hergeben.

Erwartungen konterkarieren

Im Justizalltag der schwarzen Anzüge und dunkelblauen Kostüme wirkt die Frau mit der dunklen Wuschelmähne wie ein Paradiesvogel. Oder zumindest wie jemand, der souverän Erwartungen konterkariert und Klischees entlarvt. Darunter jenes, dass sich ein scharfer Verstand und High Heels ausschließen. Oder Justiz und Leopardenlook. „Es ist wichtig zu erkennen, dass man sich auch so anziehen kann und trotzdem etwas zu sagen hat“, sagt sie mit ihrer sonoren, bayerisch gefärbten Stimme. Beim Prozess gegen Steuersünder Uli Hoeneß also stand sie im hautengen, roten Kleid im neobarocken Justizpalast, kerzengerade, hochkonzentriert, ein gutes Dutzend Mikrofone im Halbkreis auf sich gerichtet, die an ihren Verlängerungsstangen wirkten wie die Speere der Artusritterrunde. Der Fotograf muss sich sprichwörtlich auf die Füße geworfen haben für die „Lady in Red“, wie Titz fortan hieß in Boulevardzeitungen. Ihre schlanke, hochgewachsene Gestalt ist von hinten unten zu sehen auf dem Foto, jede Rundung davon, und ebenso die lilafarbenen Pumps mit den unglaublich hohen Absätzen.

Spätestens seitdem wird bei den großen Prozessen in München auch darauf geachtet, wie sich die Sprecherin kleidet. Die Gerichtssäle sind fast eine Art Catwalk, mal für ein Wickelkleid im Raubtierdesign, mal für ein grellgelbes Kostüm, mal für grünes Sommerjersey mit fliederfarbenen Ranken, Ring, Armbänder und Halskette natürlich farblich darauf abgestimmt. Zum Prozessauftakt gegen Bernie Ecclestone kombinierte Titz schlichtes Schwarz mit hohen, goldenen Pumps.

Andrea Titz weiß, wie man Eindruck macht. Aber nie kokettiert sie mit den Kameras, stets bleibt sie sachlich und doch gut verständlich, auskunftsfreudig und doch zurückhaltend. Wenn Journalisten ein Problem mit den Arbeitsbedingungen haben, kümmert sie sich. Mode, sagt sie, habe sie schon immer gemocht. Mit ihrem ebenfalls modebewussten Mann, Jurist wie sie und Justiziar bei einem Pharmaunternehmen, geht sie gern shoppen. Ohne Absatz verlässte sie nie das Haus, flach seien im Schuhschrank nur ein Paar Turnschuhe und ein Paar Wanderstiefel: „Das ist vermutlich das am wenigsten benutzte Paar Schuhe.“

Titz war vor dem NSU-Prozess zunächst nur als Unterstützerin der Pressestelle eingesetzt worden, weil sie schon Erfahrungen hatte. Nach dem Juraexamen, das sie schon mit 25 machte, kam sie zur Staatsanwaltschaft und wurde, nach einer Zeit als Amtsrichterin, auch schon Pressesprecherin der berühmten Münchener Staatsanwaltschaft München II, die schon vielen Großkonzernen das Fürchten lehrte. Doch als dann bei der Presseakkreditierung zum NSU-Prozess so viel schief ging und sogar das Bundesverfassungsgericht eingriff, weil kein türkischer Reporter einen Platz bekommen hatte, wurde Titz im vergangenen Jahr auf die Stelle der langjährigen Gerichtssprecherin Margarete Nötzel befördert. Seither läuft alles rund.

Im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen kann sie sich verständlich ausdrücken. „Gerade brillante Juristen tun sich oft schwer damit, Dinge einfach zu kommunizieren“, sagt sie. „Ich bemühe mich, Dinge so zu erklären, dass sie auch verstanden werden.“ Das hat wohl auch mit dem Elternhaus zu tun. Ihr Vater, einst Englischlehrer, las sich früher häufig ihre Texte durch, und oft lautete sein Urteil: Ein bisschen geschwafelt. Den wichtigsten Tipp, sich verständlich auszudrücken, bekam sie von einem Jura-Professor in Passau. Der sagte ihr einst: Lies dir deine Texte am Ende noch mal durch. Und streich‘ die Sätze raus, die dir am besten gefallen. Das habe geholfen, sagt sie.

Häufig in den Hauptnachrichten

Wenn sie spricht, dann klackern die Ketten an ihrem linken Arm. Sie nestelt an ihrer Halskette, wirkt natürlich, witzig, offen, humorvoll. Sie kocht gerne mit ihrem Mann, den sie schon in der dritten Woche ihres Jurastudiums kennenlernte, Kinder haben die beiden nicht. Sie genießen das Leben und reisen viel. Mit ihrer neuen Popularität geht sie gelassen um. „Es rangiert zwischen Gelassenheit und Stolz“, sagt sie dazu, wie Familien und Freunde darauf reagieren, dass sie so häufig in den Hauptnachrichten zu sehen ist.

Als Amtsrichterin in kleineren Städtchen Bayerns hat sie viel gelernt über Menschen. Oft musste Titz sich mit Fällen befassen, in denen es um die Unterbringung von Personen ging, sie besuchte Psychatrien und Heime. „Man lernt dort Demut“, sagt sie. Weitere 24 Tage sind für den Prozess gegen Bernie Ecclestone angesetzt. Wie viele Schuhe sie hat, verrät sie nicht. Nur eines: Es sind genügend, um an jedem Prozesstag ein neues Paar zu tragen.