Justiz

„Herumgereicht wie ein Stück Fleisch“

Der Schauspieler Michael Egan verklagt „X-Men“-Regisseur Bryan Singer und drei weitere Hollywood-Manager wegen sexuellen Missbrauchs

Als Michael Egan in der vergangenen Woche vor einem Gericht in Honolulu (US-Staat Hawaii) gegen den erfolgreichen „X-Men“-Regisseur Bryan Singer Klage wegen Missbrauchs eines Minderjährigen einreichte, kündigte dessen Anwalt weitere Prozesse gegen Manager und Filmemacher an. „Dieser Fall ist nur der erste von vielen, die wir vor Gericht bringen werden“, erklärte Jeff Herman. Seine Behauptung: „Hollywood hat ein Problem mit der sexuellen Ausbeutung von Kindern.“

Nach der Veröffentlichung der Gerichtsakten ist klar, Herman hatte nicht geblufft. Sein Mandant, Michael Egan, 31, erhebt Vorwürfe gegen Bryan Singer, der ihn Ende der 90er-Jahre mehrmals vergewaltigt haben soll. Damals war Egan 15 bis 17 Jahre alt. Doch die Vorwürfe gehen nicht nur gegen Singer, sondern auch gegen drei weitere Größen Hollywoods. Dazu zählen der frühere Präsident vom Warner Brothers Network, Garth Ancier, der Ex-Präsident von Disney TV, David Neuman, sowie der Produzent von „Tarzan, Herr der Affen“, Gary Goddard.

Die vier Beschuldigten sollen Egan laut Anklage mehrmals in einem Haus auf Hawaii sexuell missbraucht haben. „Sie haben mich herumgereicht wie ein Stück Fleisch“, sagt das heute 31 Jahre alte mutmaßliche Opfer. Die vier Hollywood-Manager bestreiten dagegen die Vorwürfe und sprechen von einer Rufmordkampagne. Dennoch, die Anklage zeigt bereits Folgen. Bryan Singer kündigte Ende der Woche an, sich ganz aus der Werbung für seinen im Mai anlaufenden neuen „X-Men“-Film zurückzuziehen. „Die Vorwürfe gegen mich sind empörend, bösartig und zu 100 Prozent falsch“, wehrte sich der 48-Jährige in einem Statement. Er wolle aber nicht, dass diese „völlig fiktiven Anschuldigungen“ von dem Film ablenken. „Wenn das alles vorbei ist, werden die Fakten zeigen, wie krank und wirr das ist.“

Berüchtigte Partys bei Los Angeles

Sein Anwalt, Marty Singer, will Beweise vorlegen, dass der Regisseur zum Zeitpunkt des angeblichen Missbrauchs im Jahr 1999 gar nicht in den USA war. „Bryan war außerhalb des Landes und hat einen Film gedreht“, so Marty Singer. „Wir haben dafür mindestens 100 Zeugen.“ Auch die Mitangeklagten wiesen die Missbrauchsvorwürfe entschieden zurück. „Ich habe niemals einen Fuß in das Haus auf Hawaii gesetzt, wo das alles passiert sein soll“, ließ Garth Ancier, Ex-Chef von Warner Brothers, mitteilen. Der 56-Jährige wurde durch die Produktion von „The Simpsons“ bekannt. Ähnlich reagierten auch die anderen Beschuldigten, sprachen von „purer Fantasie“ und erklärten die Anschuldigungen für „absolut falsch“.

Michael Egan kann sich noch genau erinnern, wie er sagt. Auf einer Party des Medienunternehmers Marc Collins-Rector soll 1997 alles begonnen haben. Egan war damals 15 Jahre alt. Die berüchtigten Feste in der Villa in Encino bei Los Angeles galten als Treffpunkt älterer Männer mit minderjährigen Jungen. Collins-Rector versorgte seine Gäste mit Teenagern und wurde dafür später verurteilt. Der Gründer von Digital Entertainment nahm Egan auf seine Gehaltsliste, überwies ihm ein „Monatsgehalt“ von 1500 Dollar und versprach dem jungen Schauspieler eine Karriere in Hollywood.

Nach dem ersten Zusammentreffen soll Egan 1999 von Singer nach Hawaii eingeladen worden sein. Dort soll er mit dem Regisseur in einem Raum geschlafen haben und „immer wieder zu sexuellen Handlungen gezwungen“ worden sein. Drogen und Alkohol hätten ihn damals gefügig gemacht.

Egans Geschichte klingt so wie von anderen Teenagern, die versuchen, Karriere im Showbusiness zu machen. Dass einige Hollywoodgrößen dabei ihre Macht ausnutzen und die Jungschauspieler missbrauchen, ist nicht neu. Zuletzt hatte das der frühere Kinderstar Corey Feldman in seiner Autobiografie geschrieben. Er bezeichnete „sexuelle Beziehungen in Hollywood zwischen älteren Männern und Jungen als normal“.

Wenig Unterstützung für Singer

„Ich habe diese Erlebnisse lange verdrängt“, begründete Egan seine späte Klage, knapp 17 Jahre nach der ersten Vergewaltigung. „Ich will nicht, dass diese Leute noch weitere Opfer quälen“, sagt Egan. Da die Verjährungsfrist für Missbrauchsfälle in seinem Fall in Kalifornien abgelaufen war, ging Egan auf Hawaii vor Gericht. Der Bundesstaat hatte die Frist kürzlich verlängert.

Einigen sich die Parteien nicht außergerichtlich, wie es in solchen Fällen häufig vorkommt, muss ein Richter entscheiden. Dabei geht es auch um die Karriere von Bryan Singer. In Hollywood scheinen sich einige bereits von ihm zu distanzieren. Das „X-Men“-Studio Fox erklärte, die Anklage sei Singers „Privatangelegenheit“. Eine öffentliche Unterstützung klingt anders. Noch einen Schritt weiter ging ABC, wo Singer gerade die TV-Serie „Black Box“ produziert hatte. Dort wurde sein Name kurzerhand aus dem Trailer genommen.