Mobilfunk

Keine Stille, nirgends

Wer im Ruhebereich des ICE telefoniert, wird von der Bahn nicht rausgeworfen

Für die ältere Dame ist es natürlich schön, dass sie ihren reservierten Sitzplatz gefunden hat und sich freut, nachher in Berlin ihre Lieben wiederzusehen. Aber das gilt für die meisten Leute in diesem ICE und bedarf deshalb keiner lautstarken Erwähnung. Gewiss lehrreich werden es Wirtschaftswissenschaftler finden, dass der Herr dort drüben beim jüngsten Meeting mit „totalen Pfeifen“ zu tun hatte, mit denen er „aber auch so gar nichts anfangen konnte“, weshalb er morgen im Büro „mal sehr deutlich machen“ wird, dass so etwas „nie wieder passiert“.

Aber wir sind hier nicht auf einem Kongress von Wirtschaftswissenschaftlern. Wir sind im Ruhebereich. Und deshalb verspüren wir, wenn die Frau am Fenster per Mobiltelefon der Therapeutin von ihrem psychischen Zusammenbruch erzählt, keinerlei Mitgefühl, sondern geraten selbst an den Rande des Zusammenbruchs. Weil hier dauernd die Schildchen mit durchgestrichenem Handy genauso ignoriert werden wie die „Pssst“-Piktogramme an der Wand und die „Ruhebereich“-Aufschriften auf den Türen des Großraumwagens.

Kein verbrieftes Recht

Wer aber nun den Schaffner holt und um die Durchsetzung des doch offensichtlich hier geltenden Handy-Verbots bittet, kann nicht davon ausgehen, dass hart durchgegriffen wird. Zwar sind viele Zugbegleiter – auch wenn sie vorher schon von Reisenden mit ungültigen Fahrscheinen aufs Unverschämteste angepöbelt wurden – durchaus bereit, sich auch noch mit Telefonlärmern abzumühen. Aber verpflichtet ist das Zugpersonal dazu nicht.

Denn wie eine Sprecherin der Deutschen Bahn AG gegenüber der Berliner Morgenpost bestätigt, ist die Handy-Benutzung in den Ruhebereichen der ICE nicht in dem Sinne verboten, wie es beim Rauchen der Fall ist. Vielmehr handele es sich nur um ein „Gebot der Rücksichtnahme“, mit dem man alle Reisenden in den entsprechend gekennzeichneten Bereichen dazu auffordere, die anderen Fahrgäste nicht zu stören. Anders als beim Zigarettenkonsum im Waggon gibt es also keine Sanktionsmöglichkeit, können also telefonierende Störenfriede nicht am nächsten Bahnsteig abgesetzt werden.

Nach einigem Überlegen lässt sich das auch verstehen. Denn wer Handy-Nutzer rauswürfe, müsste auch gegen jenen Freundeskreis vorgehen, der in der Vierergruppe mit Tisch sämtliche Erlebnisse des vorangegangenen Abends ganz ohne Mobiltelefon, aber unter erheblichem Gelächter durchhechelt. Außerdem gibt es ja noch Kleinkinder, die halt hin und wieder schreien.

Insofern hat die Bahn, indem sie für rund 25 Prozent aller Sitzplätze in ICEs Ruhebereiche einrichtete – Intercitys und Regionalzüge haben so etwas gar nicht – den stilleren Zeitgenossen kein verbrieftes Recht zugestanden, sondern umgekehrt den lärmaffinen Reisenden nur die informelle Pflicht auferlegt, sich ausnahmsweise mal etwas dezenter zu benehmen. Was allerdings faktisch bedeutet, dass die Ruhebedürftigen den Schwarzen Peter bekommen haben: Denn sie sind es ja nun, die beim Schlafen oder Lesen nicht nur gestört sind, sondern auch aufstehen müssen, um die Dampfplauderer um Ruhe zu bitten.