Raumfahrt

Camping im All

Alexander Gerst wird Ende Mai als elfter Deutscher ins All fliegen. Sechs Monate arbeitet er in der Raumstation. Drei Jahre dauerte das Training

Wenn Alexander Gerst in diesen Tagen beim Kochen mit dem Küchenmesser hantiert, denkt er sich: Pass bloß auf, Junge! „Ich lebe im Moment schon sehr bewusst“, sagt der 37-Jährige, „denn es ist ja klar, dass wir ein Problem haben, wenn jetzt etwas passiert.“ Deshalb hat er im Winterurlaub mit Freunden zuletzt auch aufs Skifahren verzichtet. Er wanderte lieber durch den Tiefschnee. Das Fallschirmspringen hat er schon aufgegeben, als er ausgewählt wurde: „Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass ich als Astronaut einige Dinge vor dem Abflug lieber nicht tun sollte.“

Sorge um Experimente an Bord

Gerst ist der elfte Deutsche, der ins All fliegen wird. Am 28. Mai startet er gemeinsam mit zwei Kollegen vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan zur Internationalen Raumstation ISS, sechs Monate wird er dort arbeiten. Seit drei Jahren bereitet sich Gerst, eigentlich Vulkanologe, intensiv auf die Mission „Blue Dot“ („Blauer Punkt“) vor. Er lernte in einem dreimonatigen Intensivkurs Russisch, die Sprache wird auf der ISS gesprochen. Er unterzog sich unzähligen medizinischen Tests, er wurde vertraut gemacht mit der Technik an Bord. Das richtige Verhalten in Notfallsituationen wurde immer wieder geübt.

„Nun werde ich von Tag zu Tag entspannter. Die Wahrscheinlichkeit, dass noch etwas dazwischenkommt, wird von Tag zu Tag kleiner“, sagt Gerst, der aus Künzelsau in Baden-Württemberg stammt. Dass „Blue Dot“ durch die politischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen gefährdet ist, glaubt er nicht. „Ich habe von allen Seiten gehört, dass die Mission niemand infrage stellt. Die internationale Kooperation im Blick auf die ISS ist so wichtig, dass man daran unbedingt festhalten will. Alle wissen, was man mit einer Absage verlieren würde“, sagt Gerst, der mit seinen mitfliegenden Kollegen, dem US-Amerikaner Reid Wiseman und dem Russen Maxim Surajew, über das Thema gesprochen hat: „Es gibt kein Anzeichen dafür, dass die Zusammenarbeit auf der Raumstation von politischen Spannungen beeinflusst wird. Und das ist gut so.“

162 Experimente soll das Trio auf der ISS durchführen; einige davon sind wichtig für die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen, andere entstammen den Wünschen von Schülern. Und so wird Gerst auch begutachten, wie sich Seifenblasen in der Schwerelosigkeit bewegen. „Bei dieser Mission ist für mich sehr wichtig, dass ich bei meiner Arbeit keine großen Fehler mache. Für manche Experimente, die ich durchführen werde, haben im Vorfeld Hunderte Wissenschaftler gearbeitet. Teilweise stecken jahrelange Vorbereitungen dahinter. Deshalb würde ich mir Vorwürfe machen, wenn ich aus Versehen etwas kaputt mache“, sagt Gerst, der auch das große Ganze im Blick und schon vor dem Abflug eine Botschaft entwickelt hat. „Unser Planet ist nur eine kleine, blaue Steinkugel, die da durchs Universum fliegt. Man muss sich das vor Augen führen: Wenn wir diesen Planeten zerstören, dann ist es vorbei. Einen Plan B gibt es nicht.“

Mit seiner Familie und seinen Freunden hat er zu Beginn der Vorbereitungen ständig über seine Mission geredet, mittlerweile ist das Thema in den Hintergrund gerückt – trotz der nun bevorstehenden Abreise: „Wir machen die gleichen Witze und reden über die gleichen Themen wie früher. Da hat sich überhaupt nichts geändert, da bin ich immer noch der gleiche Alexander Gerst. Für mich ist das wichtig. Es ist mein Anker, mein Erholungsort. Wenn ich neue Leute kennenlerne, ist das natürlich anders. Da ist mein Beruf immer erst mal das dominante Thema“, sagt Gerst, der eine Freundin hat, die genauso weltraumbegeistert ist wie er. Sie mache sich keine Sorgen, so der Astronaut.

Was er vermissen wird? Gerst hat lange darüber nachgedacht. Er hat sich vor Augen geführt, dass er sechs Monate lang keine frische Luft atmen wird. Dass er keine Gelegenheit hat zu duschen, sondern sich nur mit Feuchttüchern waschen kann. Dass er kein frisches Obst und Gemüse essen kann und ihm keine gewöhnliche Toilette zur Verfügung steht. „Ich habe mich mit anderen Astronauten unterhalten, die schon oben waren und mir berichten konnten, welche Probleme es gibt“, sagt Gerst. Er ist zu dem Schluss gekommen: „Das sind alles keine großen Dinge, ich mache mir also keine wirklichen Sorgen. So habe ich das in meinem Kopf abgespeichert.“

Die Fußball-WM wird er vermissen

Er vergleicht seinen Trip ins All mit einem „Campingurlaub“: „Da weiß ich auch vorher schon, dass ich auf einiges verzichten muss. Wenn man mit so einer Einstellung startet, ist es nur halb so wild.“ Von der Erde nimmt Gerst einen handgroßen Stein des Kölner Doms mit, er will damit seine Verbundenheit zu der Stadt demonstrieren, in der er seit drei Jahren lebt. Außerdem hat er Fotos von seiner Familie und Bücher im Gepäck, darunter den Science-Fiction-Klassiker „Die Astronauten“ von Stanislaw Lem. Kontakt zur Erde kann er per Satellitentelefon halten.

So gibt es nur ein Problem, für das Gerst noch keine Lösung hat: Im Juni und Juli findet die Fußballweltmeisterschaft statt, die Internetverbindung ist zu langsam, als dass er die Spiele aus dem All verfolgen könnte. Einen Ansatz hat Gerst aber. Er will die Bodenkontrolle bitten, ab und zu ein paar Spielsequenzen zur ISS zu schicken; dann kann er die Spiele immerhin zeitversetzt sehen: „Das wäre natürlich großartig.“