Bootshavarie

Hunderte Vermisste nach Fährunglück

Nachdem vor Südkorea ein Schiff gesunken ist, warten verzweifelte Familien auf Neuigkeiten

Für Jeong Song-Sin war es ein langer Tag. Die 49-Jährige ist Englischlehrerin an der Danwon-Schule in Ansan bei Seoul. Dieser Mittwoch begann anders als sonst. Wenn sie davon erzählt, spät abends, spricht sie leise, weil um sie so viele Eltern stehen, die von dem Unglück betroffen sind. „Nach der ersten Stunde wurde über Lautsprecher verkündet, dass der Unterricht für heute ausfalle“, sagt sie. „Kurz darauf kamen die ersten besorgten Eltern in die Schule.“ Eltern, die schrien und weinten, weil sie in den Nachrichten erfahren hatten, dass ihre Kinder zu den Opfern eines Schiffsunglücks gehören könnten.

Um 8.59 Uhr Ortszeit traf der erste Notruf des Schiffes „Sewol“ ein, das vor der Insel Jindo gekentert war. 459 Passagiere waren an Bord, 164 konnten schnell gerettet werden, zehn weitere etwas später. Sechs Menschen wurden tot geborgen, 280 sind am Abend noch vermisst. Klar ist am Abend auch: Von den 459 Passagieren waren mehr als 300 Schüler. Fast alle um 17 Jahre alt. Die Fahrt sollte eine Exkursion nach Cheju sein, einer Insel im Süden von Südkorea, die als Ferienort gilt, meist gutes Klima hat und eine atemberaubende Vulkankulisse.

Ursache des Unglücks ist möglicherweise ein Felsen gewesen, auf den das Schiff fuhr. Gerettete Passagiere sprachen von einem lauten Schlag, bevor das Schiff Schlagseite bekommen habe. Der Rundfunksender KBS berichtete unter Berufung auf die Küstenwache, dass das Schiff möglicherweise außerhalb der üblichen Route gefahren sei. Dazu passt, dass der TV-Sender Yonhap News erklärt, der reguläre Navigator habe Urlaub gehabt. Sein Ersatz habe offenbar nicht so viel Erfahrung mit der Strecke gehabt. Vielleicht eine Erklärung?

Helfer bezweifeln, dass es noch mehr Überlebende gibt. Sie fürchten, dass viele Passagiere im Inneren des Schiffs eingeschlossen wurden. Aufgrund der Wassertemperatur von zwölf Grad und der Meerestiefe seien die Überlebenschancen gering, zitierte die Zeitung „The Korea Herald“ Einsatzkräfte. Starke Strömung und schlechte Sicht unter Wasser behinderten die Rettungsarbeiten. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Mitglieder einer Marine-Spezialeinheit nach dem gesunkenen Schiff tauchten. Mehr als 100 Schiffe und Flugzeuge suchten das Gebiet um die Unglücksstelle ab.

Die Verwandten, die in der Turnhalle der Danwon-Schule ausharren, geben einander Trost, umarmen sich oder raunen sich Neuigkeiten zu, die man gehört habe. Vielleicht eine neue Hoffnung. Aber auch: „Hast du gehört, morgen soll das Wetter noch schlechter werden, ein Sturm, das macht die Suche noch schwieriger.“ Den ganzen Tag über war die Schule belagert: von Eltern, Medien des ganzen Landes, Politikern, die sich auf die Bühne der Turnhalle stellten und versicherten, dass alles getan werde, um die Schüler zu retten. Der Bürgermeister von Ansan war da, Kim Cheol-Min, mehrere Abgeordnete. Staatspräsidentin Park Geun-Hye hat auf der Leinwand ebenfalls Mut zugesprochen.

Nur drei Stunden nach dem Unglück wurden Busse organisiert, die betroffene Eltern nach Süden fahren sollen. Kurz darauf gab es erste Rot-Kreuz-Stände, die kostenlos Wasser verteilten, schließlich auch Essen, Kaffee und Decken für Menschen, die an diesem kalten Frühlingstag in der Eile zu leicht bekleidet kamen. Am Abend gab es kostenlose Aufladestationen für alle Handy-Typen, schließlich auch Wlan, damit das Funknetz nicht überlastet wird.

Falsche Anweisung vom Kapitän?

Gegen neun Uhr abends steht in der Danwon-Schule ein Mann vorn am Mikrofon, er verliest stoisch die Namen derer, die gerettet wurden. Plötzlich ruft eine Frau dazwischen: „Sagen Sie mir endlich, wie viele wirklich überlebt haben.“ Der Mann macht eine lange Pause und liest dann weiter die Namen vor. Jeong Song-Sin denkt auch an die 14 Lehrer, die an Bord waren. „Ich kannte alle“, sagt sie. „Nur zwei von ihnen wurden bisher gerettet.“

Abends gegen elf Uhr wird das Stimmengewirr durch einen älteren Mann unterbrochen, der Vater eines der vermissten Jugendlichen. Er erhebt schwere Vorwürfe: „Die Regierung hat uns doch bisher nur belogen. Erst sagen sie uns, dass fast alle gerettet wurden, und dann ist plötzlich ein Großteil doch tot!“ Er erzählt, dass seine Frau noch eine Stunde nach dem Unglück mit dem Sohn telefoniert habe. „Er hat gesagt, über Lautsprecher hätte er die Anweisung bekommen: ‚Bleiben Sie, wo Sie sind.‘“ Daran habe er sich gehalten, die Schwimmweste angezogen und sei im Zimmer geblieben. Der Vater ruft: „Vielleicht ist er deswegen nicht mehr am Leben!“