Todesfall

Nur ein bisschen blass sah sie aus

Kein Abschiedsbrief, kein Verbrechen, kein Drogenfund: Der Tod von Peaches Geldof stellt die Ermittler bislang vor ein Rätsel

Als Paula Yates im September 2000 starb, nannte man Frauen wie sie noch Glamour-Girls. Paula Yates war weder bemerkenswert schön noch besonders begabt, doch sie hatte das Talent, auf sich aufmerksam zu machen. Die letzten Jahre im Leben von Paula Yates gerieten so unglamourös wie nur vorstellbar. Sie verlor das Sorgerecht für ihre ersten drei Töchter, verlor ihren Partner, weil er sich das Leben nahm, und starb im Alter von nur 41 Jahren an einer Mischung aus Wodka und Heroin. Yates war vereinsamt, doch sie war nicht allein. Auch ihre vierte Tochter Tiger Lily, für die sie noch sorgen durfte, war damals in der Wohnung. Vielleicht war sie mit ihren vier Jahren zu jung, um sich an den Tag erinnern zu können.

Yates zweitälteste Tochter Peaches war damals schon elf, doch sie schaffte es, wie sie später sagte, erst Jahre danach, um ihre Mutter zu trauern. Sie führte das wilde Leben einer Popstar-Tochter, mit Partys und Drogen, wurde von Paparazzi durch London verfolgt. Dann änderte sie ihr Leben von Grund auf. Im September 2012 heiratete sie den Musiker Thomas Cohen und bekam im Abstand von nur einem Jahr zwei Söhne. Nun ist die junge Mutter völlig überraschend im Alter von nur 25 Jahren gestorben. Knapp zwei Wochen vor Astalas zweitem und Phaedras erstem Geburtstag. Die Polizei fand weder Drogen noch einen Abschiedsbrief oder Spuren von Gewalteinwirkung. Die Todesursache ist bislang ein Rätsel.

Obduktion am Mittwoch

Wegbegleiter und Prominente zeigten sich erschüttert vom frühen Tod der jungen Mutter. Irlands Präsident Michael Higgins, der seit Dienstag auf Staatsbesuch in Großbritannien ist, sagte: „Das ist so ein schweres Schicksal für eine Familie und all unsere Gedanken in dieser Zeit sind bei Peaches’ Familie und ihren Freunden.“ Ihr Vater, Bob Geldof, schrieb in einer Mitteilung, die von ihm, seiner Partnerin Jeanne, den Schwestern Fifi und Pixie sowie ihrer Halbschwester Tiger unterzeichnet war: „Sie war die Wildeste, Lustigste, Klügste, Geistreichste und die Verrückteste von uns allen. „War“ zu schreiben, zerstört mich aufs Neue.“ Die Leiche von Peaches Geldof soll am Mittwoch obduziert werden. Danach werde über das weitere Vorgehen entschieden, hieß es bei der Polizei der englischen Grafschaft Kent am Dienstag. Derzeit befinde sich die Tote in einem Krankenhaus in Dartford.

Heute bezeichnet man Frauen wie Peaches Honeyblossom Geldof als It-Girls. Das gewisse Etwas sollen sie haben, wie Clara Bow, das erste offizielle It-Girl aus dem gleichnamigen Film von 1927. Doch bei Frauen wie Peaches, ihren Schwestern Little Pixie, 23, und Fifi Trixibelle, 31, wie Paris Hilton, 33, oder Nicole Richie, 32, ist es wohl weniger der unbedingte Wille zum Ruhm als ihre ohnehin prominente Herkunft: Das „It“ als Erbe, als Geschenk und als Bürde zugleich. Peaches Geldof hatte schon eine Vergangenheit, noch bevor sie auf die Welt kam.

Paula Yates war bei ihrer unsteten Mutter, einer früheren Schönheitskönigin, aufgewachsen, die mehr Zeit mit ihren wechselnden Liebhabern verbrachte als mit ihrer Tochter. Paulas Kindheit endete bald in den Nachtclubs von London und als Groupie von Punkrockern. 1978 lernte sie den Musiker Bob Geldof kennen. Ein Jahr später sollte er mit dem Lied „I don’t like Mondays“ über den Amoklauf der Amerikanerin Brenda Ann Spencer seinen größten Hit landen. „Wir sind Charles und Diana in der Undergroundversion“, sagte Paula Yates, und ähnlich groß war die öffentliche Aufmerksamkeit für das Paar, das immerhin 18 Jahre zusammenblieb und drei gemeinsame Töchter bekam.

Geldof widmete sich immer mehr seinem Wohltätigkeitsprojekt „Live Aid“. Paula Yates macht TV-Karriere, moderierte Pop-Sendungen und interviewte Musiker für die Reihe „In Bed With Paula“. Dabei lernte sie Michael Hutchence, Sänger der australischen Band INXS und die zweite große Liebe ihres Lebens, kennen. Und durch ihn eine weitere, diesmal tödliche Sucht.

Man muss das Leben ihrer Mutter betrachten, um zu verstehen, warum Peaches Geldof sich so ungewöhnlich früh für ein ruhiges Leben in der kleinen Stadt Wrotham abseits vom Londoner Nachtleben entschied. Yates war ihr Leben lang hin- und hergerissen zwischen dem wilden Punkrockleben und der Normalität einer Familie. Durch ihren frühen Tod hatte sie ihrer Tochter gezeigt, dass beides zusammen nicht ging. Dass sie das eine für das andere zurücklassen musste. Als die Nanny in der Wohnung von Hutchence und Yates Opium in einer Smarties-Packung fand, verlor sie das Sorgerecht an ihren Ex-Mann. Hutchence, der unter Depressionen litt, erhängte sich 1997, Yates ging an den Drogen zugrunde. Ihre jüngste Tochter Tiger Lily kam ebenfalls in die Obhut von Bob Geldof.

Sorgenvolle Kindheit

Peaches Geldof hatte vor nicht mal einem Monat das Familienmagazin „Mother & Baby“ in ihr Haus gelassen. Sie könne ihre Söhne niemals verlassen, sagte sie, selbst Mutter zu werden, habe sie von ihrer sorgenvollen Kindheit geheilt. Zwar hieß es in den letzten Jahren, sie habe sich, ruhelos und suchend, wie sie war, einer obskuren esoterischen Sekte namens Ordo Templi Orientis zugewandt, nachdem sie schon mit Scientology Erfahrungen gemacht hatte, doch was man von Peaches Geldof zuletzt zu sehen bekam, waren vor allem Schnappschüsse mit Ehemann und Kindern bei Ausflügen und Picknicks. Nur ein bisschen blass sah sie aus und schmaler als früher, angeblich die Folge einer Gemüsesaft-Diät, bei der sie in kurzer Zeit viel Gewicht verlor. Britische Boulevardmedien spekulieren bereits, dass dies eine Todesursache sein könnte.

Noch am Sonntag hatte Peaches Geldof Fotos ihrer Kinder, ihres Golden Retrievers und der Bastelarbeiten für die Osterfeiertage online gestellt. Bilder einer heilen Welt. Das letzte Bild des Tages zeigte sie auf dem Arm ihrer verstorbenen Mutter. Man konnte das als Botschaft einer Trauernden verstehen, oder einer jungen Frau, die sich mit ihrer Vergangenheit ausgesöhnt hat. Einen Tag später war sie tot.