Fernsehen

Lanz bleibt, „Wetten, dass..?“ wird abgesetzt

Der Moderator hält sich während der Sendung gut – und überrascht am Ende die Zuschauer

Das Wichtigste kam ganz am Schluss, es ging fast unter im Applaus des Offenburger Publikums. Markus Lanz sagte nahezu beiläufig, man sehe sich dann ja nach der Sommerpause wieder, im Oktober. Und dann hielt er drei Finger in die Kamera und ließ den entscheidenden Halbsatz folgen: „...für die drei letzten Sendungen von ,Wetten, dass..?‘“. Der 45-Jährige hatte gerade nicht weniger getan, als die Einstellung der traditionsreichsten Unterhaltungsshow im deutschen Fernsehen zu verkünden. Sie ist seit 33 Jahren auf dem Sender.

Überraschend war das nicht nach all den Scharmützeln, die es rund um die Sendung im Vorfeld gegeben hatte. Erst Ende März hatte ZDF-Intendant Thomas Bellut im Gespräch mit dem „Handelsblatt“ öffentlich darüber nachgedacht, was wohl mit dem Quotensorgenkind geschehen solle. Sein Argument lief darauf hinaus, es gehe darum, den Moderator Markus Lanz vor weiterem Schaden zu schützen. Da klang schon durch, womit ZDF-Programmchef Norbert Himmler gleich gestern Abend die Einstellung Ende 2014 begründete: Mit veränderten Sehgewohnheiten, mit einem Verlust an Anziehungskraft. Fast muss man Mitleid mit Markus Lanz haben, dass er nun noch drei Sendungen durchzustehen hat. Show-Erfinder Frank Elstner twitterte noch am Abend, dass ihm das Aus „an die Nieren“ gehe – schloss aber positiv: „Dem Nachwuchs gehört die Zukunft im Netz! Ich bin dabei. Freue mich!“

Eins kann man über die mithin viertletzte Sendung des gestrigen Abends sagen: Sie war nicht peinlich. Es gab keine Pfeifkonzerte und keine Buhrufe, keine Zoten und keine Kalauer, keine Eiswürfel in der Hose, kein Schlammbad und auch keinen Limbotanz. Alle, die auf den großen öffentlichen Einbruch des Moderators Markus Lanz gewartet hatten – und das waren nicht wenige – , bekamen ihn nicht zu sehen.

Lanz hatte sich offenbar eisenhart vorgenommen, diesmal nicht in die gefürchtete Humorfalle zu tappen, die schon vorher so oft schmerzhaft zugeschnappt war. Das ersparte dem Zuschauer das Gefühl des Fremdschämens, aber es tat sich ein anderes Problem auf: Die Langatmigkeit der Sendung, die Vorhersehbarkeit der Wetten, auch die Inhaltsleere des Prominententalks: All diese Quälgeister wurden so sichtbar wie schon lange nicht mehr.

Da waren zum einen die Wetten: Sie nahmen sich allesamt aus wie der statistische Mittelwert aller bislang in drei Jahrzehnten gesendeten Wetten. Toastbrote beim Rausschnellen aus dem Toaster mit einem Pfeil abschießen. Musikstücke am Aufleuchten von Bremslichtern erkennen. Eine Gedächtniswette von Kindern. Ein Buddelschiff, das von einem riesigen Kahn in seine Flasche praktiziert wird: Da war so oft das Schweigen mit Händen zu greifen, da tickte die Uhr derart vernehmlich, dass man dem ZDF Recht geben muss: Ja, diese Art der Unterhaltung hat sich überlebt.

Jedenfalls dann, wenn man sie nicht, wie Gottschalk es vermochte, dauernd ironisch bricht und kommentiert – und so die völlig absurden Seiten dieser Show in gute Comedy verwandelt. Lanz dagegen wurde in den letzten Monaten und Wochen öffentlich derart gescholten, dass er das Wagnis des Humors schlichtweg nicht mehr eingehen wollte. Was blieb, war so eine Art Frank Elstnersches „Wetten, dass..?“ in zeitgemäßer Kleidung: eine seltsam biedere, aus der Zeit gefallene Nummernrevue. Leider.

Und das schien auch auf all die prominenten Gäste abzufärben, die sich trotz der zuletzt dramatisch gesunkenen Quoten auf dem Sofa versammelt hatten. Hape Kerkeling hatte einen seltsam blassen Auftritt, der mit einem Schlagermedley begann und sich dann im Gespräch zu einer Art Bilanz des Lebenswerks auswuchs. Hurz, der Auftritt als Königin Beatrix, die Wanderung auf dem Jakobsweg: Jeder kennt das, warum war das eigentlich Thema? Kerkeling wirkte jedenfalls still, behutsam, zurückgenommen. Wusste er schon, was Lanz noch verkünden sollte?

Dann waren da Cameron Diaz, die ihren neuen Film präsentierte; Anastacia mit ihrem ersten Auftritt nach krebsbedingter Pause, Modedesigner und Shopping-Berater Guido Maria Kretschmer, Komikerin Annette Frier, Schauspielerin Veronica Ferres – eigentlich fast ein Übermaß an Prominenz. Doch sie alle schienen verunsichert, wie infiziert von der Angst, auf einem sinkenden Schiff eine schlechte Figur zu machen.

Lanz trug einen taubenblauen Anzug, auch wenn Grau irgendwie passender gewesen wäre. Seine Gäste hatten eine andere Wahl getroffen. Da saßen sie am Ende nebeneinander auf dem größten Sofa des deutschen Fernsehens, und irgendwann fiel Lanz auf, dass sie alle Schwarz trugen. Von links bis rechts: schwarze Kleidung. Wie Trauergäste auf einer Beerdigung.