Abschiebung

Geiselnahme im Flugzeug

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Abschiebehäftling bedroht Stewardess mit Rasierklinge. Polizei nimmt ihn nach der Landung fest

Mit dem Schrecken davongekommen sind am Dienstagvormittag die Insassen eines Lufthansa-Fluges LH 1676 von München nach Budapest. Ein illegaler Einwanderer aus dem Kosovo nahm kurz nach dem Start um 11.20 Uhr eine Stewardess als Geisel und verletzte sie leicht. Das Flugzeug der Lufthansa musste umdrehen und zum Flughafen zurückkehren. Der 28 Jahre alte Mann hatte die 50-jährige Flugbegleiterin mit einer abgebrochenen Rasierklinge bedroht und in seine Gewalt gebracht.

„Nachdem das Flugzeug in der Luft war, gab es einen Konflikt zwischen dem Täter und den Flugbegleiterinnen“, sagte ein Polizeisprecher. Was bedeutet: Der Airbus A320 befand sich rund zehn Minuten in der Luft, als der Mann aus den hinteren Sitzreihen plötzlich eine der Flugbegleiterinnen in den Schwitzkasten nahm und bedrohte. Ihre Kolleginnen kamen der Frau zur Hilfe. Es kam zu einem Handgemenge, doch die Flugbegleiterinnen konnten den Albanisch sprechenden Kidnapper nicht überwältigen. Nachdem der Pilot von der Bedrohung erfahren hatte, löste er Alarm aus und kehrte um. Das Cockpit war während des Fluges abgeschlossen. Der Airbus landete um 11.38 Uhr wieder auf dem Flughafen „Franz Josef Strauß“. Der Polizeisprecher widersprach Berichten, wonach sich der Passagier mit der Stewardess in der Flugzeugtoilette verschanzt habe. Das Geschehen habe sich in der Flugzeugkabine abgespielt. Polizisten der Flughafenwache hätten direkt nach der Landung das Flugzeug geräumt. Dies sei geordnet und ohne Schwierigkeiten abgelaufen. Die 75 übrigen Passagiere und ein Teil der sechsköpfigen Besatzung konnten nach der Landung unverletzt das Flugzeug verlassen. Zurück blieben nur der 28-Jährige und die Stewardess.

Dolmetscher auf dem Rollfeld

Die Stewardess sei auch beim Eintreffen der Beamten der Flughafenpolizei von dem Angreifer weiter mit einer abgebrochenen Rasierklinge bedroht worden. Mit Hilfe eines Dolmetschers habe die Polizei dann Kontakt zu dem Mann aufgenommen, sagte Harald Lindacher, der Sprecher der Flughafenpolizei. Der Mann sei nach zweiminütigen Verhandlungen noch auf dem Rollfeld in der Maschine festgenommen worden, er habe keinen Widerstand geleistet. „Es gab keine Erstürmung des Flugzeugs“, betonte der Polizeisprecher – auch wenn es anderslautende Berichte gegeben habe. Ein Spezialeinsatzkommando war demnach angefordert, musste aber nicht mehr eingesetzt werden. Drei Flugbegleiterinnen wurden verletzt. Eine erlitt eine Schnittwunde an der Hand, eine zweite Prellungen, eine dritte einen Schock. Die bedrohte Stewardess erlitt während der Geiselnahme Schnittverletzungen und Rötungen am Hals.

Der 28-Jährige befindet sich nach Polizeiangaben in einem Asylverfahren in Ungarn und war illegal nach Deutschland eingereist und festgenommen worden. Die vergangenen vier Wochen hatte er in Passau in Abschiebehaft verbracht. Beamte der Bundespolizei hätten ihn zum Flugzeug begleitet, aber keine Veranlassung gesehen, mit einzusteigen, sagte der Polizeisprecher. Wie es dem Mann gelang, die Klinge mit an Bord zu nehmen, war zunächst unklar. Er kam ins Polizeigewahrsam am Münchner Flughafen.

Die Passagiere wurden auf andere Maschinen umgebucht und im Laufe des Tages wie geplant nach Budapest geflogen. Am Nachmittag zeigte die Online-Abflugtafel des Flughafens folgende Anzeige: Linienflug LH1676 um 11.10 Uhr nach Budapest: „annulliert“. Im Zuge des gesamten Zwischenfalls habe der Mann keinerlei Forderungen gestellt. Es müsse nun juristisch geprüft werden, wie der Fall eingeordnet werde, ob es sich etwa um eine Geiselnahme handle. Der Lufthansa-Airbus wurde auf dem Rollfeld anschließend von der Spurensicherung untersucht. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie der Mann unbemerkt einen scharfen Metallgegenstand an Bord bringen konnte.

Die bisher letzte Flugzeugentführung in der Geschichte der Lufthansa ereignete sich am 28. Dezember 1999. Auf dem Flug von Prag nach Düsseldorf drohte ein 41-jähriger Libanese, er habe eine Bombe im Gepäck. Der Mann stellte allerdings keine Forderungen. Nach der planmäßigen Landung in Düsseldorf sagte der psychisch Verwirrte, dass es sich um einen Scherz gehandelt habe. Er ließ sich ohne Widerstand festnehmen.

Am 11. Februar 1993 wurde der Lufthansa-Airbus „Chemnitz“ mit 94 Passagieren und zehn Besatzungsmitgliedern an Bord auf dem Weg nach Kairo entführt und zur Landung in Hannover gezwungen. Der psychisch gestörte Entführer hielt dem Kopiloten eine Pistole an den Kopf und erreichte, dass die Maschine aufgetankt wurde und nach New York flog. Dort wurde er nach der Landung festgenommen.

( BM )