Berliner Chirurgenkongress

Warum gute Arztserien Leben retten können

Der Uni-Mediziner Jürgen Schäfer nutzt in seinen Seminaren „Dr. House“. Von „In aller Freundschaft“ oder „Sachsenklinik“ rät er ab

Operationen in der „Sachsenklinik“ findet Schauspieler Thomas Rühmann eher langweilig. „Ich kriege da keinen chirurgischen Flash im OP“, sagt er. „Man sieht ja sowieso nur die Augen.“ Die ARD-Fernsehserie „In aller Freundschaft“, in der Rühmann Chefarzt Roland Heilmann spielt, schalten rund sechs Millionen Zuschauer ein. Oft geht alles gut aus in dieser heilen Fernsehwelt. Auf dem Berliner Chirurgenkongress fragten sich Mediziner und Medienwissenschaftler jedoch, ob sich aus Arztserien im öffentlich-rechtlichen TV nicht mehr machen lässt – in Sachen Gesundheit und Bildung. In den USA funktioniere das mit Formaten wie „Dr. House“ bereits wunderbar.

Der Marburger Uni-Mediziner Jürgen Schäfer ist bekannt dafür, dass er „Dr. House“ mit Hugh Laurie in der Hauptrolle seit sechs Jahren in Seminaren für seine Studenten nutzt. Er findet die US-Serie, in der es um seltene Erkrankungen geht, ausgezeichnet recherchiert. So gut, dass er sich bei dem schweren Leiden eines Patienten nach dem Einsatz einer Hüftprothese an eine Dr.-House-Folge erinnert fühlte: Es könnte ja auch eine Kobaltvergiftung sein – und es war tatsächlich eine. „Gutes Entertainement kann Leben retten“, sagt er dazu.

In dem konkreten Fall war im Mai 2012 ein Patient ins Zentrum für unerkannte Krankheiten in Marburg gebracht worden. Er hatte eine Herzschwäche, geschwollene Lymphknoten, unerklärlichen Fieberschübe, sein Seh- und Hörvermögen nahmen ab. Das Ärzteteam fand in seiner Krankengeschichte aber nichts. Nur eine OP, bei der dem Mann zwei neue Hüftgelenke eingesetzt worden waren. Bluttests bestätigten den Verdacht auf eine Kobaltvergiftung. Die Metallprothese wurde durch eine Keramikhüfte ersetzt.

Dass Gesundheitsaufklärung in amerikanischen Fiction-Fernsehformaten so gut funktioniert, hat einen Grund. Die nationale Gesundheitsbehörde biete Drehbuchschreibern medizinische Beratung an, berichtet Schäfer. „So etwas würde ich mir in Deutschland auch wünschen. Wir verschenken da viel Potenzial bei der Gesundheitsaufklärung.“

Marion Esch, Medienwissenschaftlerin an der Technischen Universität, hat die Inhalte von deutschen Arztserien schon länger auf dem Kieker. „Es gibt bei uns kein ausdrückliches Verständnis dafür, dass Fernsehunterhaltung bilden soll“, kritisiert sie. Das Hightech-Land Deutschland mit seinen Forschungserfolgen in Medizin und Naturwissenschaften, Technologie und Informatik spiegele sich im „Süßstoff“ der Produktionen kaum wider. Dabei hätten Serien durchaus Einfluss auf Berufswünsche. Die US-Produktion „CSI“ mit ihrem Schwerpunkt auf Beweis- und Spurensicherung habe in allen Ländern, in denen sie ausgestrahlt wird, für mehr Studienanfänger im Fach Forensik gesorgt.

Weichzeichner für die Zielgruppe

Edmund Neugebauer, Experte für chirurgische Forschung an der Uni Witten/Herdecke, hat nichts gegen deutsche Arztserien. Aber auch er sieht Möglichkeiten für mehr. „Wenn Folgen zeigten, wie sich selbstbewusste und mündige Patienten im Krankenhaus verhalten, wäre das toll“, sagt er. „Ich berate das Fernsehen da gern“. Denn noch immer erklärten viele Ärzte zu wenig – und Patienten fragten auch oft kaum nach.

Sven Miehe, Produzent von „In aller Freundschaft“, sieht deutsche Arztserien in einer extremen Heile-Welt-Tradition stehen. Auch wenn Krankheit in der Realität oft das Gegenteil bedeute, fürchtet er, bei einem Wandel Zuschauer zu verlieren. Medienwissenschaftlerin Esch hält mit Blick auf die Zukunft dagegen. Junge Leute schauten ohnehin die US-Serien auf privaten Sendern. Die deutschen Formate bei ARD und ZDF würden von Senioren bevorzugt.

Auch Schauspieler Thomas Rühmann, seit 16 Jahren TV-Chirurg, sieht seine „Sachsenklinik“ weichgezeichnet, hat damit aber kein Problem. Die Zuschauer wollten danach ja gut schlafen können. Als es eine Folge über Vogelgrippe gab, habe es Vorwürfe gehagelt, dass das Fernsehen die Leute verrückt mache. Medizin spielt für Rühmann auch nicht die größte Rolle in der Serie. Zwar hat er sich zur Vorbereitung eine Operation im Uniklinikum angesehen. „Ich mag aber mehr die unterhaltenden Konflikte in der Serie.“