Flugzeugunglück

China zweifelt an der Absturztheorie

Wie können die Ermittler wissen, ob MH370 ins Meer stürzte? Die letzte Spur bleibt vage

Vor der malaysischen Botschaft in Peking entlädt sich die Wut der verzweifelten Angehörigen. „Bringt unsere Verwandten zurück“, schrien etwa 200 Hinterbliebene, die zuvor mit geballten Fäusten und Tränen in den Augen Arm in Arm von einem Hotel der chinesischen Hauptstadt zur Botschaft marschiert waren. Dabei beschimpften sie die malaysischen Behörden als „Mörder“. Als einige Demonstranten auf anwesende Journalisten losgingen, kam es zu einem Handgemenge mit dem Sicherheitspersonal der Botschaft.

Offiziell wurde Flug MH370 für verloren erklärt und die Hoffnung auf Überlebende unter den Passagieren des Flugzeugs von Malaysia begraben. Doch die leidgeprüften Hinterbliebenen sind misstrauisch und fordern Beweise. Hunderte Angehörige der mehrheitlich chinesischen Flugzeuginsassen verlangten in Peking endlich Antworten auf ihre quälendsten Fragen: Wo sind die Wrackteile? Und was steckt hinter dem stundenlangen Irrflug über den Ozean?

Die Theorie vom Absturz stößt in der Volksrepublik auf Skepsis, vor allem wegen der komplizierten Analyse der Satellitendaten, die auf einen Absturz der Boeing 777-200 im südlichen Indischen Ozean hindeutet. Experten sehen noch keinen schlüssigen Beweis, zumal keine Wrackteile gefunden worden sind. Außerdem fühlt sich Chinas Regierung offenbar auch überrumpelt durch die rasche Verkündung der tragischen Schlussfolgerungen durch Malaysias Regierungschef Najib Razak.

Was lässt die Ermittler so sicher sein, dass sie die letzte Spur von Flug MH370 auch tatsächlich gefunden haben? Die Hauptarbeit leistete das britische Unternehmen Inmarsat, das einen weltweiten Mobilfunkdienst über Satelliten betreibt. Nach dem Abschalten der Kommunikationsgeräte an Bord sendete das verschwundene Flugzeug nur noch ein stündliches Signal an den Satelliten – nach dem Motto: „Ich bin hier“, während der Satellit ein „Hab dich gesehen“ zurückfunkte.

Anhand dieses „Ping“ wurden in der ersten Phase zwei mögliche Korridore nach Norden und nach Süden ermittelt. Das Signal braucht 0,12 Sekunden zum Satelliten in 36.000 Kilometer Höhe über dem Äquator, wie David Stupples, britischer Elektronikprofessor der City University London, der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua erklärte. Von einer weiter nördlich oder südlich gelegenen Position braucht es entsprechend länger.

„Wir haben die Differenz der Geschwindigkeit benutzt, mit der das Signal des Flugzeugs die feste Position des Satelliten im All erreicht“, erklärt Inmarsat-Vizepräsident Chris McLaughlin der britischen Zeitung „Telegraph“. Geholfen habe der sogenannte „Doppler-Effekt“: „Stellen sie sich vor, wie das Pfeifen eines Zuges lauter wird, wenn er auf sie zukommt, und wieder leiser, wenn er sich weg bewegt.“

Detektivische Signalanalyse

In der zweiten Phase seien die Signale mit denen anderer Flugzeuge vom Typ Boeing 777 der Malaysia Airlines auf beiden Korridoren verglichen worden. Das identifizierte „Muster“ sei noch von anderen Wissenschaftlern gegengeprüft worden. Auch seien die Annahmen über Geschwindigkeit und Verhalten der Maschine mit dem US-Flugzeugbauer Boeing abgeglichen worden. Durch die genaue Eingrenzung sei schließlich die Südroute „als die passendste“ ermittelt worden, wie McLaughlin in einem „Telegraph“-Video am Ende – wenn auch etwas ungenau – sagt.

Das Blatt zitiert ihn jedoch an anderer Stelle mit den Worten, die Experten könnten „definitiv sagen, dass das Flugzeug ohne Zweifel die südliche Route genommen habe“. McLaughlin räumt ein, dass die Suche für sein Unternehmen „völlig ungewöhnlich“ gewesen sei. „Es war das erste Mal, das wir gebeten wurden, zu versuchen, etwas anhand eines einzelnen Signals zu finden.“ Die letzte Spur muss demnach vom Indischen Ozean westlich von Australien gekommen sein. „Wir wussten, dass das Flugzeug seinen Treibstoff vor dem nächsten automatisierten ‚Ping‘ aufgebraucht haben musste“, sagt McLaughlin.

Zwar sprach die Staatsagentur Xinhua in einem Bericht aus London von einem „bemerkenswerten Stück hochtechnologischer Detektivarbeit“, doch sind Experten in China keineswegs überzeugt. Ohne Trümmerteile seien die Schlussfolgerungen „ein bisschen blind“ gezogen worden, heißt es in den Staatsmedien. Es brauche „lange Zeit“, um die Ergebnisse zu verifizieren, sagt Luftfahrtexperte Wu Peixin der „China Daily“. „Gibt es irgendwelche anderen Beweise?“

Die Geschwindigkeit der Ermittlungen stößt bei Professor Stupples auf Bewunderung. Andere Forschungseinrichtungen hätten wahrscheinlich „drei bis sechs Monate“ dafür gebraucht, zitiert ihn Xinhua. Der Pekinger Regierung und den Experten geht das aber alles viel zu schnell. Noch am späten Montagabend wurde Malaysias Botschafter Datuk Iskandar Bin Sarudin ins Außenministerium einbestellt. Er bekam die Verärgerung darüber zu spüren, dass Peking nicht vorab informiert worden war, dass Premier Najib Razak die Ergebnisse verkünden wird und jede Hoffnung für die 239 Passagiere aufgegeben hat, darunter 153 Chinesen.

In diplomatisch ungewöhnlicher Sprache „forderte“ Vizeaußenminister Xie Hangsheng „alle Informationen und Beweise“ für die Absturztheorie: „Wir fordern von der malaysischen Seite, die genaue Grundlage zu erklären, auf der sie zu diesem Urteil gekommen ist.“ China schickte sogleich einen erfahrenen Krisenmanager nach Malaysia – ein weiteres Zeichen für die Unzufriedenheit Pekings.