Unglück

Wie Millionen im Netz nach Flug MH370 suchen

Im Internet hat sich eine unsichtbare, unbezahlte Armee von Helfern formiert, die sich durch Satellitenbilder klickt

Die Nadel im Heuhaufen wäre vermutlich noch eine Untertreibung: Ein etwa 70 Meter langes Flugzeug im riesigen Gebiet zwischen Kasachstan und Australien zu finden, gleicht einem Ding der Unmöglichkeit. Mehr als 20 Länder sind mittlerweile an der wohl größten Suche der Luftfahrtgeschichte beteiligt – mit Schiffen, Flugzeugen, Hubschraubern, unzähligen Einsatzkräften und vermuteten Kosten in Millionenhöhe. Was viele nicht merkten: Im Internet formierte sich binnen Stunden nach dem Verschwinden von Flug MH370 am 8. März eine unsichtbare, unbezahlte Armee von Helfern. Das Unternehmen Digital Globe mit Sitz im US-Staat Colorado stellte Satellitenbilder aus dem Seegebiet vor Vietnam auf die Plattform „Tomnod.com“ und rief den Schwarm auf, nach Ölspuren, Trümmern und Wrackteilen zu suchen. Mit 60.000 Seitenaufrufen in der ersten Stunde war der Ansturm so groß, dass die Server kurz nach dem Start der Aktion zusammenbrachen.

Mehr als 3,6 Millionen Nutzer haben sich mittlerweile durch die Aufnahmen der Gewässer in Südostasien geklickt, teilte Digital Globe mit. Bei der Suche nach der vermissten Boeing 777-200 wurden bereits mehr als 4,7 Millionen Hinweise markiert – von im Ozean schwimmenden Abfällen bis zu schimmernden Spiegelungen im Wasser, die an Ölspuren erinnern. Digital Globe prüft die am häufigsten markierten Objekte und entscheidet, ob die Hinweise an die Behörden weitergereicht werden sollen. Aktuelle Satellitenbilder in hoher Auflösung seien fast so gut wie eigene Hubschrauber, schreibt Patrick Meier vom Qatar Computing Research Institute (QCRI) in Doha. In „Zehntausenden digitalen Helikoptern“ kreisten „virtuelle Piloten“ an ihren Computern über den Golf von Thailand – und zwar rund um die Uhr, über verschiedene Zeitzonen verteilt und ohne jede Bezahlung. „Digitale Humanisten“ nennt Meier sie, der gerade an einem Buch zum Thema schreibt.

Dass wertvolle Hinweise im Fall MH370 aus dem Netz kommen könnten, zeigte zuletzt die Diskussionsseite „Reddit“. Die Community teilte den Beitrag des Piloten Chris Goodfellow so oft, dass dessen Theorie zum mysteriösen Verschwinden des Flugzeugs es schließlich auch in größere Online-Medien wie das Magazin „Wired“ schaffte. Goodfellow ist nach Angaben mehrerer US-Medien ein kanadischer Pilot mit mehr als 20 Jahren Erfahrung. Er vermutet: Es könnte ein technisches Problem an Bord gegeben haben, vielleicht einen Brand. Möglicherweise habe das Flugzeug deswegen seinen Kurs geändert. Wegen des Feuers könnte die Stromzufuhr zu mehreren Systemen der Maschine von den Piloten gekappt worden sein, weshalb der Kontakt abgebrochen sei. Weiter spekuliert Goodfellow darüber, dass die Maschine auf einer malaysischen Insel landen wollte. Rauch im Cockpit habe die Piloten aber ohnmächtig werden und die Boeing so lange per Autopilot fliegen lassen, bis sie über dem Indischen Ozean ins Meer stürzte, so Goodfellow. Selbst diese Theorie hat Lücken, und auch die mühsame Suche von Pixel zu Pixel könnte am Ende vergebens sein. Digital Globe-Manager Luke Barrington glaubt dennoch daran, dass die zehn am häufigsten markierten Hinweise der Community auf „Tomnod.com“ einen Unterschied machen könnte: „Wenn ich einen Ort auswählen müsste, um die Suche nach Nadeln im Heuhaufen zu beginnen, würde ich dort anfangen.“

Ermittler in Malaysia fanden unterdessen heraus, dass auf dem heimischen Flugsimulator des Piloten am 3. Februar Daten gelöscht wurden. Das war Wochen vor dem Start des verschollenen Flugzeugs. Das Gerät war am Samstag, eine Woche nach dem Verschwinden der Maschine, aus dem Haus von Zaharie Ahmad Shah entfernt und im Polizeihauptquartier wieder aufgebaut worden. Die Ermittler prüfen, ob Zaharie Ahmad Shah den Simulator nur hatte, um mit Freunden seine Begeisterung für das Fliegen zu teilen. Experten untersuchen nach Angaben des Polizeichefs, ob die gelöschten Daten rekonstruiert werden können.

Verwirrung gibt es weiter darüber, was wann genau nach dem Start in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur im Cockpit der Boeing geschah. China verschärfte derweil seine Kritik an den malaysischen Ermittlungs- und Kommunikationsmethoden. Daten seien zu ungenau und würden zu langsam weitergegeben, kritisierte Peking. Mehr als 150 Passagiere des Flugs MH370 sind chinesische Staatsangehörige. Verwandte und Freunde der Vermissten versuchten am Mittwoch laut protestierend eine Pressekonferenz des malaysischen Verkehrsministers Hishammuddin Hussein in Kuala Lumpur zu stürmen.

Der Versicherungskonzern Allianz zahlt eine Millionensumme an die Fluggesellschaft Malaysia Airlines und an Angehörige der vermissten Passagiere aus. Das sagte eine Sprecherin des Münchner Konzerns. Die gesamte Versicherungssumme für die Boeing 777-200 könnte bei mehr als 100 Millionen Dollar liegen, hieß es aus Versicherungskreisen. Die Allianz führt ein Konsortium aus mehreren Unternehmen an, das die Flotte der Malaysia Airlines versichert hat. Dass Geld schon fließt, obwohl die Maschine noch gar nicht gefunden wurde, ist nicht unüblich: In Versicherungsverträgen für Flugzeuge sind in der Regel klare Fristen benannt, nach deren Ablauf Entschädigungszahlungen geleistet werden müssen. Dies gilt auch für den Fall, dass ein Flugzeug nach mehreren Tagen immer noch vermisst wird.