Luftverschmutzung

Dicke Luft in Paris

Erstmals seit 17 Jahren hat die französische Regierung ein Teil-Fahrverbot wegen Smogs verhängt – und wird dafür heftig kritisiert

„Und nun zu den Verkehrsnachrichten. Derzeit kommt es im Großraum Paris zu Staus von einer Gesamtlänge von 114 Kilometern.“ Die Zahl, die Montagmorgen um halb neun auf französischen Radiosendern zu hören war, klingt zunächst hoch. An normalen Werktagen sind die Staus in der französischen Hauptstadt jedoch mehr als doppelt so lang – mindestens. An diesem Vormittag wirkte die Périphérique, wie die Ringautobahn rund um Paris heißt, dagegen geradezu verlassen. Wo sich sonst montags bis freitags, aber auch sonntagabends Stoßstange an Stoßstange reiht, waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs.

Wegen der anhaltend hohen Luftverschmutzung in der französischen Metropole hatte die sozialistische Regierung Frankreichs eine drastische Maßnahme ergriffen und ein Teil-Fahrverbot verhängt. Montag durften deshalb nur Autos und Motorräder mit ungeraden Ziffern auf dem Nummernschild im Großraum Paris fahren. Solche Fahrverbote sind in Ländern wie Indien und China, aber auch in Städten wie Athen oder Rom seit Langem üblich. In Frankreich liegt das letzte Fahrverbot dieser Art jedoch bereits 17 Jahre zurück. Knapp 700 Polizisten kontrollierten die Umsetzung dieser Regel.

Bis Montagmittag wurden rund 4000 Fahrer erwischt, die ihren Wagen eigentlich nicht hätten nutzen dürfen – Bußgelder von mindestens 22 Euro wurden für jeden von ihnen verhängt. Für den Dienstag wurde das Verbot wegen einer deutlichen Besserung der Luftwerte zunächst wieder aufgehoben.

Ein Hochdruckgebiet über Frankreich mit kalten Nächten und warmen Tagen hatte die Luftverschmutzung im Großraum Paris letzte Woche verstärkt. Es sorgte dafür, dass sich Feinstaubpartikel konzentrierten – zumal kaum Wind wehte. Deshalb wurde die Alarmstufe für Feinstaubpartikel fünf Tage lang in Folge überschritten. Freitag erreichte die Konzentration der teilweise als krebserregend eingestuften Feinstaubpartikel einen Wert von 180 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft – zulässig sind jedoch höchstens 50 Mikrogramm.

Der Eiffelturm war wegen der Luftverschmutzung tagelang nur noch undeutlich hinter grauen Dunstschleiern zu erkennen, viele Menschen klagten über Reizungen der Schleimhäute. Ärzte empfahlen, keinen Sport zu treiben und auf lange Spaziergänge zu verzichten. Sie rieten vor allem unter Asthma und anderen Atemwegserkrankungen leidenden Personen sowie älteren Menschen und Kleinkindern, sich so wenig wie möglich im Freien aufzuhalten.

Um die Pariser dazu zu bewegen, Autos und Motorräder stehen zu lassen, sind Métro, Busse und Vorortbahnen bereits seit Freitag kostenlos. Nahverkehrsbetreiber RATP und die Staatsbahn SNCF versprachen zudem, auf einigen Linien mehr Métros und Bahnen einzusetzen. Die RATP verliert pro Tag, an dem Métro und Busse kostenlos sind, 2,5 Millionen Euro. Diese Kosten übernimmt die für die Organisation des Nahverkehrs zuständige Behörde Stif.

Obwohl der öffentliche Nahverkehr, aber auch das Fahrradverleihsystem Velib und das Elektrofahrzeugverleihsystem Autolib sowie Parkplätze in Vororten und Flughäfen von Paris kostenlos waren, stieß das Fahrverbot bei Interessenverbänden und der Opposition auf heftige Kritik. Die Maßnahme sei „übereilt, ineffizient“ und „sorge für Durcheinander“, postete der Automobilverband Automobile Club Association. Das Fahrverbot bringe Arbeitnehmer in Schwierigkeiten, argumentierte Gewerkschaftsführer Laurent Berger von der CFDT. „Vor allem die, die am weitesten außerhalb wohnen. Das sind meist diejenigen, die die geringsten Mittel haben.“

Die heftigen Reaktionen veranschaulichen, warum es Paris bis heute nicht gelungen ist, eine Citymaut nach dem Vorbild Londons oder Umweltzonen wie in deutschen Städten einzuführen, um den Autoverkehr zu reduzieren. Entsprechende Forderungen von Umweltschutzorganisationen hat es in den letzten Jahren immer wieder gegeben. Doch immer wieder schreckten französische Politiker davor zurück. Eine Citymaut oder autofreie Zonen im Zentrum von Paris könne man den ohnehin oft benachteiligten Einwohnern der Vororte nicht antun, argumentierten sie bisher.

Die rot-grüne Stadtregierung von Paris hat stattdessen begonnen, Fahrradwege und Busspuren auszubauen sowie Fahrbahnen zu verschmälern. Auch die Höchstgeschwindigkeit auf der Ringautobahn Périphérique wurde inzwischen reduziert – in den letzten Tagen auf 60 Stundenkilometer. Frankreich hat im Vergleich zu europäischen Nachbarn enormen Nachholbedarf – obwohl die Luftverschmutzung die Lebenserwartung der Pariser Bewohner um sechs bis zehn Monate verkürzt und zu Atemwegserkrankungen führt. Bisher haben Lobby-Verbände jedoch jeden Versuch, stärker gegen die Luftverschmutzung vorzugehen, erfolgreich verhindert.