Ermittlungen

Steuerte ein Handy Flug MH 370?

Neue Fakten zur verschollenen malaysischen Boeing machen den Fall nur noch rätselhafter

Aus einem vermeintlichen Unfall wurde ein mutmaßliches Verbrechen, aus verunglückten Piloten mögliche Flugzeugentführer. Aber für 239 Menschen, die man tot wähnte, besteht immerhin wieder ein Funken Hoffnung, dass sie noch leben: Wo ist Malaysia Airlines Flug MH 370?

Inzwischen gilt als sicher, dass die Boeing 777-200ER am 8. März vorsätzlich von ihrer ursprünglichen Route von Kuala Lumpur nach Peking abgebracht und damit entführt wurde. Es sei aber bislang keine Lösegeldforderung eingegangen, sagte Malaysias Verkehrsminister Datuk Seri Hishammuddin Hussein.

Eine Theorie zu einer möglichen Entführung von MH 370 mit allerdings tödlichem Ausgang stammt von Strobe Talbott, unter Bill Clinton stellvertretender Außenminister. „Richtung, Treibstoffmenge und Reichweite führen manche zum Verdacht, Entführer planten eine Attacke nach Art von 9/11 auf eine indische Stadt“, twitterte Talbott am Sonnabend. Am Sonntag konkretisierte der Washingtoner Sicherheitsexperte die Spekulation mit einem weiteren Tweet: „Entführer flogen Richtung Indien, aber stürzten ab wie UA93 bei 9/11.“

Damit erinnert Talbott an die Boeing 757-222, die beim Terrorangriff auf die USA am 11. September 2001 von Al-Qaida-Entführern Richtung Washington D.C. gesteuert wurde, bevor Passagiere und Crew-Mitglieder zur Gegenattacke übergingen und die Maschine in Pennsylvania abstürzte. In diesem Fall könnte die Absturzstelle über dem Indischen Ozean liegen, weit von der Stelle im südchinesischen Meer, wo der letzte Funkkontakt mit der Boeing stattfand. Aber je nach Geschwindigkeit konnte die Boeing auch über Vietnam und Laos hinaus bis nach Kirgistan, Usbekistan oder Afghanistan in Zentralasien fliegen.

25 Länder an der Suche beteiligt

Darum sind inzwischen 25 Länder sowie das Satellitensystem der USA an der Suche nach dem Flugzeug beteiligt, und sie konzentrieren sich längst nicht mehr nur auf die Meere. Klar ist inzwischen, dass der oder die Täter zum Auftakt der offenkundigen Entführung die beiden Kommunikationssysteme an Bord der Boeing ausschalteten, nämlich den radarähnlichen Transponder und das Datenfunksystem ACARS. Am Sonntag wurde ein weiteres verdächtiges Detail in diesem Zusammenhang bekannt: ACARS (Aircraft Communications Addressing and Reporting System) wurde laut einem Bericht der „New York Times“ lahmgelegt, bevor der Pilot beim Verlassen des Bereichs der malaysischen Luftfahrtkontrolle morgens gegen 1.30 Uhr seinen letzten Funkspruch absetzte: „Alright, gute Nacht.“

Doch wegen des Ausfalls von ACARS, der nicht unbemerkt geblieben wäre, war eben keineswegs „alles in Ordnung“. Wegen des nötigen Fachwissens zum Abschalten der Kommunikationssysteme stehen die beiden Piloten im Zentrum der Ermittlungen, der 53-jährige Zaharie Ahmad Shah und der 27-jährige Co-Pilot Fariq Abdul Hamid. Shah soll Mitglied der Partei des malaysischen Oppositionsführers Anwar Ibrahim sein. Das berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unter Berufung auf einen Freund Shahs. Der Pilot soll seit Januar vergangenen Jahres ein „stilles“ Mitglied der Partei Anwar Ibrahims sein, der wegen Homosexualität zu fünf Jahren Haft verurteilt worden war.

Die Lebensläufe der Crew-Mitglieder und der 227 zumeist chinesischen Passagiere werden weiterhin penibel durchleuchtet auf mögliche Verbindungen zu Terrororganisationen oder auch zur organisierten Kriminalität. Bei Zaharie Ahmad Shah und bei Fariq Abdul Hamid haben inzwischen Hausdurchsuchungen stattgefunden. Neben den Briefen, Tagebüchern und Computern wird auch ein Flugsimulator inspiziert, den der Technik-Enthusiast Shah sich daheim eingerichtet hat.

Aber der Entführer muss gar nicht an Bord gewesen sein – es könne sich um die „weltweit erste Cyber-Entführung handeln“, bei der das Computer-System der Boeing vom Boden aus manipuliert, die Kommunikation abgeschaltet und ein neuer Kurs eingegeben wurde. Diese schrill klingende Theorie vertritt die renommierte britische Terrorexpertin Sally Leivesley.

Kommandos vom Boden aus

„Dies ist eine sehr frühe Version von etwas, das ich ein ‚Smart Flugzeug‘ nennen würde, ein über Funk gesteuertes Flugzeug, kontrolliert durch elektronische Signale“, sagte Leivesley dem britischen „Sunday Express“. Diese Technik sei vergangenes Jahr auf einer Wissenschaftler-Konferenz in China diskutiert worden. „Wenn das Flugzeug in der Luft ist, kann man eine Reihe von Kommandos und Befehlen starten, die auf ein bestimmtes Signal hin eine Prozessabfolge auslösen können.“ Aus dem Flugzeug wäre praktisch eine ferngesteuerte Drohne geworden. Dazu könnte ein Handy ebenso benutzt worden sein wie ein USB-Stick, und die Entführung per Computer-Virus sei vom Boden aus ebenso möglich wie vom Sitz eines mitfliegenden Passagiers.

Schon vor einem Jahr hat der deutsche Sicherheitsexperte Hugo Teso anhand eines Flugsimulators demonstriert, wie man sich via Smartphone und einer eigenen App in Flugzeuge hacken, deren Sicherheitssysteme ausschalten und die Steuerung übernehmen kann. Damit lasse sich „nahezu alles bei der Steuerung eines Flugzeuges verändern“, erläuterte Teso. Er fügte hinzu: „Das schließt viele hässliche Dinge ein.“