Newcomer

Ein bisschen Hoffnung

Das Berliner Trio Elaiza vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest. Doch wer sind die drei eigentlich?

Am Morgen danach klingt sie noch immer atemlos. So, als habe sie nur geträumt, was da in der vergangenen Nacht in der Kölner Lanxess-Arena vor knapp vier Millionen Fernsehzuschauern passiert ist. Aber es war wahr. Elzbieta Steinmetz, 21, hat den Vorentscheid zum European Song Contest (ESC) mit ihrer Band Elaiza gewonnen. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit „dem Grafen“, dem Sänger der Düsterpopband Unheilig, aber am Ende hatten Elaiza im Televoting die Nase mit 55 Prozent der Stimmen vorn. Und deshalb wird sie Deutschland beim ESC am 10. Mai in Kopenhagen vertreten.

Ausgerechnet Elaiza. Ein Trio, mit dem kaum einer gerechnet hatte. Akkordeon, Kontrabass und ein beschwingter Ohrwurm, der Deutschland beim europäischen Gipfeltreffen des Schlagers gut zu Gesicht stehen wird: Osteuropäische Folklore goes Pop. Elaiza war der Joker, den der NDR erst in letzter Sekunde aus dem Zylinder gezaubert hatte. Ende Februar bei einem Clubkonzert in Hamburg entdeckt und von den Zuschauern für den Vorentscheid gewählt. Die Geschichte klang beinahe zu schön, um wahr zu sein. Wie Aschenputtel reloaded. Oder, wie es „der Graf“, selber ganz entzückt von dem Trio nach dem Sieg formulierte. „Der Nobody, der an allen vorbeizieht und den ESC gewinnt.“

„Das ist echt der Wahnsinn“, raunt Elzbieta Steinmetz am Morgen danach, das wasserstoffblonde Haare verstrubbelt, dunkle Ringe unter den Augen und die Hände immer in Bewegung. Natürlich habe sie ihre Mama gleich nach der Show angerufen, verrät sie. „Sie ist selber Musikerin. Sie hat es uns so sehr gewünscht. Sie ist stolz auf uns alle drei.“

Die Nacht war kurz. Kaum Schlaf. Vierzig Minuten, vielleicht auch nur zwanzig. Elzbieta Steinmetz sitzt mit ihren Bandkolleginnen Natalie Plöger, 28, und Yvonne Grünwald, 29, im ARD-Morgenstudio und lässt den gestrigen Abend Revue passieren lässt.

Das Herzklopfen. Die Aufregung. Sie spielen ja erst seit einem Jahr zusammen. Erst waren da nur Elzbieta und Yvonne, die als Akkordeonlehrerin an einer Musikschule im brandenburgischen Beeskow arbeitet. Dann stellten sie fest, sie brauchten Bass, viel Bass. Eigentlich ein Instrument, das traditionell für Männer reserviert ist. Aber „einen Typen, der mit rumspringt“, wollten sie lieber nicht dabei haben, sagt Elzbieta. Und so stießen sie auf Natalie.

Ihre Songs sind persönlich, Skizzen eines Tagesbuchs, von Elzbieta getextet und komponiert. Eine Musik von dem die 21-Jährige sagt, es falle ihr schwer, sie zu etikettieren. Neo-Folk könne man das nennen. Letztendlich sei es ein Sound, der „aus uns herauskommt.“ Dass er auch andere berührt, haben sie sehr schnell herausgefunden. 2013 gewannen sie den Nachwuchspreis des Women of the World Festivals in Frankfurt a.M.. Dann ging alles Schlag auf Schlag.

Es war das erste Mal, dass sie jetzt in einer Halle von der Größe der Lanxess-Arena aufgetreten sind, vor 7500 Zuschauern. Elzbieta sagte, sie habe nicht damit gerechnet, dass sich die Menschen für sie von den Plätzen erhoben, mitklatschten und jubelten. Sie sei so gerührt gewesen, dass ihr die Tränen in die Augen geschossen seien.

Es war ein Moment, wie man ihn in den seelenlosen Fernsehstudios nur selten erlebt. Und vielleicht ist er, neben der tiefen Emotionalität dieses osteuropäischen Folklore, eine Antwort auf die Frage, was die Faszination dieses Trios ausmacht. Menschen, die sich so benehmen, wie sich Menschen normalerweise benehmen, wenn sie von ihren Gefühlen überwältigt werden. Authentisch und unverstellt. Der Lena-Meyer-Landrut-Effekt, wenn man so will.

Man hätte Elzbieta Steinmetz gerne persönlich gefragt, wie sie sich denn den Hype um ihre Musik erklärt. Wir rufen bei ihrer Plattenfirma in Berlin an. Vor einiger Zeit ist die Tochter eines ukrainischen Komponisten und einer polnischen Jazz-Sängerin aus Schiffweiler bei Saarbrücken an die Spree gezogen.

Junges Label

Hier sitzt ihr junges Lable, „Heart of Berlin“. Es wurde 2011 gegründet und man findet es dort, wo man es nicht vermutet, an einer Durchfahrtstraße in Hohenschönhausen. Der Rummel um die drei ESC-Kandidatinnen scheint das Management komplett überrollt zu haben. Eine Mitarbeiterin sagt morgens Interviews zu, ruft aber nicht mehr zurück. Sie werden noch viel lernen müssen, solange der Rummel um Elaiza anhält. Zumindest also bis zum ESC am 10. Mai in Kopenhagen.

Fragt man Elzbieta Steinmetz, wen sie, die in der Ukraine geborene und bis zum 16. Lebensjahr in Polen sozialisierte Musikerin denn nun eigentlich vertritt, geht eine eigenartige Verwandlung mit ihr vor. Sie, die Unruhige, hält einen Moment inne. Dann formuliert sie einen Satz, der ein bisschen so klingt, als habe ihn schon jemand für den Fall der Fälle vorgefertigt. Es ist eine versöhnliche Botschaft, mit der alle leben können, weil sie den Geist des europäischen Gipfeltreffens der Schlagersänger atmet. „Ich bin ein bisschen gespalten, denn im Endeffekt ist die Bühne meine Heimat.“