Unglück

Spuren, die ins Leere führen

Routen, Radius, Absturzursachen: Ohne Nachrichten von Flug MH370 blühen die Gerüchte

Mike McKay sah, dass am Nachthimmel etwas in Flammen stand. „Ich glaube, ich habe das Flugzeug abstürzen sehen, der Zeitpunkt stimmt“, schrieb der Neuseeländer in einer E-Mail an seine Vorgesetzten. Die Maschine sei aber „in einem Stück“ gewesen, und das genau zu der Zeit, als der Flug MH370 der Malaysia Airlines in der Nacht zu Sonnabend vom Radar verschwand.

McKay arbeitet auf der Ölplattform „Songa Mercur“ im Golf von Thailand. Er beschrieb die Situation überzeugend und akkurat – bis hin zur Windgeschwindigkeit. Das brennende Flugzeug habe er etwa 50 bis 70 Kilometer entfernt von seiner Plattform beobachtet, zitiert die singapurische Zeitung „Business Insider“ McKays E-Mail. Er habe schon vor Tagen versucht, seine Beobachtung den malaysischen und vietnamesischen Behörden zukommen zu lassen, doch er habe keine Rückmeldung bekommen.

Keine seitliche Bewegung

„Von dem Augenblick, da ich das brennende Flugzeug zuerst sah, bis zu dem Moment, da die Flammen verloschen, vergingen zehn bis 15 Sekunden”, schreibt McKay. „Es gab keine seitliche Bewegung“, also habe es sich entweder auf seine Position zubewegt, sei abgestürzt oder von ihm weggeflogen.

Wieder eine neue Spur, wieder neue Hoffnung, das Rätsel um das verschwundene Flugzeug vielleicht endlich lösen zu können. Doch wieder scheint die Spur ins Leere zu laufen. Vietnamesische Beamte geben zu, den Brief erhalten zu haben. Sagen aber, sie hätten nichts im Wasser gefunden, wo McKay die brennende Maschine gesehen haben will.

Wenigstens räumten die Behörden ein, dass der Zeuge recht haben könnte: Die ursprüngliche Flugroute von MH370 habe genau über seine Ölplattform geführt. Dies aber würde wiederum der Theorie widersprechen, die Boeing 777 habe gewendet und plötzlich eine andere Richtung eingeschlagen – was einige Armee-Ermittler immer noch glauben.

Immer neue Fragen tun sich auf: Ist die vermisste Maschine der Malaysia Airlines noch vier Stunden weitergeflogen, nachdem sie den Kontakt zum Tower verlor? Das behaupten zwei Geheimdienstexperten im „Wall Street Journal“. Angeblich haben die Motoren der verschollenen Boeing 777 automatisch weiter Daten heruntergeladen und zum Boden gefunkt. Doch auch diese Nachricht haben die malaysischen Behörden inzwischen dementiert: „Der Bericht ist inakkurat”, sagte Transportminister Hishammuddin Tun Hussein am Donnerstag.

Weil bisher niemand überzeugend erklären konnte, was mit der Maschine passiert ist, spekulieren Menschen überall in der Welt über das Schicksal des „Mystery-Jets“. Auch ein 20-jähriger Amerikaner, der an der Stanford-Universität gerade sein Grundstudium in Computerwissenschaft absolviert. Andrew Audes Theorie auf der Plattform Tumblr klingt so überzeugend, dass sie im Internet blitzschnell die Runde gemacht hat – auch wenn sie noch nicht von Luftfahrtexperten verifiziert wurde.

Aude zitiert eine Direktive der US-Bundesluftfahrtbehörde FAA von 2013, die auf eine Schwachstelle in der Boeing 777 hinwies. Dort warne man, es habe „einen Haarriss im Flugzeugrumpf unterhalb des Antennenadapters für die Satellitenkommunikation“ gegeben. Dies könnte, so Aude, auch beim Flug MH370 passiert sein, was zum Versagen der Satellitenkommunikation und zu einer langsamen Druckabnahme in der Maschine geführt haben könnte, die die Passagiere bewusstlos gemacht und die Piloten ihrer Orientierung beraubt hätte.

„Wenn der Druckabfall langsam genug ablief, ist es möglich, dass die Piloten nicht gemerkt haben, dass sie ihre Sauerstoffmasken hätten aufsetzen sollen, bevor es zu spät war“, schreibt Aude. Die Autopilotfunktion hätte in dem Fall sichergestellt, dass das Flugzeug Kurs und Flughöhe beibehalten hätte, bevor es ins Ostchinesische Meer, das Japanische Meer oder gar den Pazifik abgestürzt wäre – Meilen entfernt von dem Gebiet der multinationalen Suchaktion im Südchinesischen Meer. Bisher ist nur eines sicher: dass die Maschine sich ungefähr zwischen Malaysia und Vietnam befand, als sich der Pilot das letzte Mal meldete.

Neue Flugnummer

Neue Spuren entpuppen sich immer wieder als Sackgassen. Chinesische Satellitenbilder hatten am Donnerstag für Hoffnung gesorgt, weil sie Wrackteile im Wasser zeigten. Doch auch dieser Hinweis war falscher Alarm. Hilflosigkeit macht sich breit, und Malaysia Airlines betreibt weiter Schadensbegrenzung. Aus „Respekt vor den Menschen” an Bord des vermissten Flugzeuges wird die Fluggesellschaft ihren Flug zwischen Kuala Lumpur und Peking umbenennen. MH370 wird fortan den Code MH318 tragen. Der Wechsel ist auch dem Aberglauben geschuldet, den viele Chinesen pflegen: 370 ist zur Unglückszahl geworden, eine Flugnummer, die viele Chinesen nicht mehr buchen werden. Die Acht hingegen gilt in der chinesischen Welt als die Glückszahl überhaupt.