Bildung

Neue Pläne für die Sommerferien

Der zeitliche Korridor soll von etwa 75 auf 90 Tage verlängert werden. Das erschwert Unterrichtsplanung und bundeseinheitliche Prüfungen

Die Ministerpräsidenten der Länder wollen die Schulferien erweitern. Aber nicht in dem Sinn, wie es sich die Schüler vielleicht erhoffen. An der Anzahl der Ferientage für jeden einzelnen wird nicht gerüttelt. Seit 1964 sind sie durch das sogenannte Hamburger Abkommen auf insgesamt 75 Tage pro Jahr festgelegt.

Der Großteil davon fällt traditionell in den Sommer. Wann allerdings diese Sommerferien starten und wann sie enden, das soll sich laut einer Beschlussvorlage für die am Donnerstag beginnende Ministerpräsidentenkonferenz, die der „Rheinischen Post“ vorliegt, ab dem Jahr 2018 ändern. Der Korridor, in den die Bundesländer ihre Ferien legen können, soll auf 90 Tage ausgeweitet werden.

Bisher starteten die Sommerferien Anfang Juli und enden Mitte September. Das entspricht einem Zeitrahmen von rund 70 Tagen. Mit der neuen Regelung würden die ersten Schüler in Deutschland aber schon im Juni in die Sommerferien gehen. Mit dieser Beschlussvorlage der Länder-Ministerpräsidenten hat sich die Wirtschaft gegen die Belange der Schule eindeutig durchgesetzt. Tatsächlich stammt der Entwurf für den Beschluss von den Wirtschaftsministern und nicht von den Kultusministern.

Für den Tourismus, für die Verkehrswegeplaner, für Hotellerie und Transportunternehmen ist das eine gute Nachricht. Die Urlaubshochsaison beginnt damit schon früher als bisher. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) lobte deshalb auch die Pläne der Ministerpräsidentenkonferenz. „Wir begrüßen, dass die Ministerpräsidenten dieses wichtige Thema zur Chefsache machen“, sagte Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Dehoga, der Berliner Morgenpost. „Die Pläne zur Verlängerung des Ferienkorridors sind eine gute Botschaft für unsere Gäste und die deutsche Tourismuswirtschaft insgesamt.“ Auf diese Weise verlängert sich die Hauptreisezeit; Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze sind nicht so überfüllt, während die Quartiere in der Vor- und Nachsaison billiger angeboten werden müssen. Das hat naturgemäß auch für die Verreisenden einen Vorteil: Eine Unterkunft ist etwas leichter und preisgünstiger zu bekommen.

Schule wird schwerer planbar

Allerdings ist damit ein zentraler Punkt des 50 Jahre alten Hamburger Abkommens ad absurdum geführt worden. Der lautet: „Die Ferien werden in erster Linie nach pädagogischen Gesichtspunkten festgesetzt.“ Davon kann nun keine Rede mehr sein. Denn die Ausweitung des Korridors hat gravierende Folgen für die Unterrichtsplanung.

„Schule kann nicht die verlängerte Werkbank der Tourismusindustrie sein“, sagte Stephan Breiding, Sprecher des Brandenburgischen Kultusministeriums. Wenn die Ferien noch weiter vorgezogen würden oder noch später endeten, seien die Schuljahre kaum noch vernünftig zu organisieren. Im Gegensatz zu Frankreich sind die Sommerferien in Deutschland so geregelt, dass die Bundesländer nicht immer zur gleichen Zeit starten. Schuld ist ein Rotationsprinzip, an dem sich 14 Länder beteiligen – Bayern und Baden-Württemberg scheren aus. Aus Tradition. Denn seinerzeit gestand man den noch agrarisch geprägten Ländern zu, immer als letzte Ferien zu nehmen, weil viele Kinder für die Ernte auf den Feldern gebraucht wurden. Das ist heute ein Anachronismus, doch die Südländer halten verbissen an der Regelung fest.

Aus guten Gründen, denn so dauern ihre Schuljahre immer etwa gleich lang. Die Eltern wissen auf diese Weise, ohne nachzusehen, wann die Schulferien ungefähr beginnen und wann sie enden. Bei den anderen Ländern gilt das mitnichten. Und die Variabilität der Schulferien verstärkt sich in Zukunft noch. Es wird dann nämlich passieren, dass ein Land in der Rotation von einem der spät liegenden Ferienplätze plötzlich wieder auf den ersten Platz springt. Das Problem der Lehrer bei der Unterrichtsplanung: Es fehlen dem kommenden Schuljahr dann fast zwei Monate Unterrichtszeit.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat dies schon im vergangenen Jahr heftig kritisiert, als eine Diskussion über die Beteiligung des Südens am Rotationsprinzip geführt wurde. „Die Südländer haben den großen Vorteil, dass ihre Unterrichtszeiten immer gleich lang sind. Da kann man ganz anders im Hinblick auf Prüfungen und Lehrpläne planen“, sagte Marianne Demmer von der GEW damals.

Gemeinsame Aufgabenpools

In weite Ferne rückt mit der neuen Regelung auch eine stärkere Vereinheitlichung des Schulsystems. Denn die unterschiedlichen Ferienzeiten in den Bundesländern sind mit ein Hauptgrund dafür, warum gemeinsame Abschlussprüfungen nicht möglich sind. Dies ginge nur, wenn alle Schüler am gleichen Tag identische Aufgaben vorgelegt bekämen. Die Kultusminister haben sich zwar zur Aufgabe gemacht, die Prüfungen immerhin vergleichbar zu machen, indem sie Aufgabenpools festlegen wollen, aus denen sich die Länder bedienen können.

Doch die weitere Streckung der Sommerferienzeiten erschwert dieses Unterfangen zusätzlich. Ein Land könnte sein Ausscheren aus der gemeinsamen Abschlussprüfung dann noch plausibler damit begründen, dass gerade bei einem durch das Rotationsprinzip verursachten Sprung nicht genug Zeit für die ausreichende Wissensvermittlung blieb.