Absturz

Drei Millionen Quadratkilometer Meer

Nach dem Verschwinden des malaysischen Flugzeugs läuft eine verzweifelte Suchaktion an. Interpol kritisiert Sicherheitskontrollen

Chinas Zeitungen schrien die Verzweiflung mit großen Schriftzeichen auf ihren Titelseiten heraus: „Wir warten und flehen, dass 239 Menschen nach Hause kommen“, schrieb die „Beijing Times“. Die Kantoner Tageszeitung erschien mit dem Ausruf: „154 Landsleute – das ganze Land zittert um Euch!“. Im Internet gab es nur das eine Thema. Auch in Pekings Kirchen beteten Christen in den Sonntagsgottesdiensten um ein Wunder.

Noch nie fühlten sich die Menschen der Volksrepublik angesichts einer Katastrophe so hilf- und sprachlos, wie bei der verschollenen, vermutlich irgendwo im südchinesischen Meer abgestürzten malayischen Boeing 777-200. Alle befürchteten, dass 239 Menschen, darunter 154 Chinesen dabei starben.

Neben den Spekulationen, ob es ein Unfall, ein Wetter-Unglück oder eine Explosion war, verwirrten am Sonntag widersprüchliche Nachrichten aus Kuala Lumpur die chinesische Öffentlichkeit. Mindestens zwei, nach anderen Angaben auch fünf Personen, waren mit Pässen an Bord gelangt, die einem Österreicher und einem Italiener 2012 und 2013 auf der Insel Phuket in Thailand gestohlen worden waren. Die Insel ist einschlägig bekannt für einen florierenden Handel mit falschen und gestohlenen Dokumenten. Die Diebstähle waren in der Datenbank vermerkt.

Einer der Pässe stammt von einem Italiener (er hatte ihn bei einer Autovermietung hinterlegt, wo er anschließend „nicht mehr auffindbar“ war), der andere von einem Österreicher. Beide Männer werden als durchschnittlich gebaut, mitte 30 und mit Brille beschrieben – ein unauffälliges Aussehen, das sich womöglich leicht kopieren lässt.

Die Männer, die sich nun als Luigi Maraldi und Christian Kozel ausgaben, hatten Tickets mit aufeinanderfolgenden Nummern – das heißt, sie haben sie offenbar gemeinsam gekauft. Die Flugscheine, so Informationen des offiziellen chinesischen Verifizierungssystems für elektronische Tickets „Travelsky”, hatten den gleichen Preis in thailändischen Baht und waren zwei der insgesamt sieben Flugscheine, die für den Flug MH370 von der Gesellschaft China Southern Airlines ausgestellt wurden, die mit Malaysia Airlines kooperiert. Die beiden Männer sollten von der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur aus über Peking nach Amsterdam fliegen. Von dort aus sollte Maraldi dann angeblich weiter nach Kopenhagen reisen, Kozel nach Frankfurt am Main.

Die internationale Polizeibehörde Interpol in Lyon kritisierte die malaysischen Sicherheitskontrollen scharf. Niemand habe die Daten der Fluggäste mit der Interpol-Datenbank für gestohlene Ausweise abgeglichen, erklärte Generalsekretär Ronald K. Noble am Sonntag. „Es ist sehr beunruhigend, dass Passagiere an Bord eines internationalen Fluges mit einem von Interpol als gestohlen registrierten Pass gelangen konnten“, sagte Noble. „Das ist eine Situation, die wir nie erleben wollten.“ Es sei zwar zu früh, um eine Verbindung zwischen den gestohlenen Pässen und dem vermissten Flugzeug herzustellen. Interpol habe jedoch seit Jahren stärkere Sicherheitskontrollen angemahnt. Die Datenbank enthält demnach mehr als 40 Millionen Einträge zu gestohlenen Ausweisen und gesuchten Personen.

Chinas Marine konnte nicht mit eigenen Meldungen beitragen. Das zur Hilfe geschickte Kriegsschiff „Mianyang“, die im Gebiet der Nansha-Inseln (Spratley) unterwegs war, erhielt kurz vor Mitternacht auf Sonntag den Befehl zur vermuteten Absturzstelle zu fahren. Sie würde sie frühestens nach 20 Stunden am Montag morgen gegen 7.30 Uhr früh erreichen können. Ohne zu wissen, ob sie dann an der richtigen Stelle sucht. Möglicherweise ist die Maschine umgekehrt. Dann wäre es auf dem Rückflug gewesen, bevor es vom Radarschirm verschwand. Alle Helfer in dem riesigen südchinesischen Meer würden an völlig falschen Stellen suchen.

Solche Meldungen unterstreichen die riesigen Ausmaße des mehr als drei Millionen Quadratkilometer großen Südchinesischen Meeres. Die Besitzansprüche auf seine rund 200 größeren Inseln sind zwischen China und einem halben Dutzend Anrainerstaaten umstritten. Der brisante Streit trat seit der ersten Meldung des vermuteten Unglücks in den Hintergrund.

Helfer im südchinesischen Meer

Im Wettlauf gegen die Zeit ging es allen Beteiligten nur darum, so schnell wie möglich, den in Kuala Lumpur und in Peking wartenden Angehörigen der Passagiere erste Gewissheit darüber zu verschaffen, was eigentlich passiert war. Die Luftfahrtbehörden von Malaysia schickten am Sonnabend Arbeitsteams nach Peking. Die in Hotels wartenden 120 chinesischen Familienangehörigen sollen Montag früh unbürokratisch nach Kuala Lumpur ausgeflogen werden, um der vermuteten Absturzstelle näher zu sein. Die Airline erklärte sich bereit, pro vermissten Passagier bis zu fünf Verwandte nach Kuala Lumpur zu bringen.

Im südchinesischen Meer war am Sonntag die dort bisher größte gemeinsame Rettungsaktion für einen Flugzeugabsturz gestartet, an der sich sieben Nationen beteiligten. Neben China schickten die USA, die Philippinen, Thailand, Malaysia, Vietnam und Singapur Schiffe, Suchflugzeuge oder Hubschrauber los. Nach vietnamesischen Presseangaben waren am Sonntag morgen 13 Flugzeuge und 29 Schiffe aus fünf Ländern in dem vermuteten Absturzgebiet auf Suche unterwegs. In der näheren Umgebung zweier am Sonnabend entdeckter Ölteppiche wurde jedoch zunächst kein Wrack gesichtet, wie der vietnamesische Vize-Transportminister Pham Quy Tieu mitteilte. Ein Vertreter der chinesischen zivilen Luftfahrtbehörde, Li Jiaxiang, sagte, im Wasser seien Trümmer entdeckt worden. Ob sie vom Flugzeug stammen, sei jedoch unklar.