Kultur

Die etwas andere Reise des Ich

Der dänische Künstler Dinner verbindet Musik und Hypnose. Unser Autor hat sich auf das Abenteuer eingelassen

Sobald einer mit einem glimmenden Zedernholz, den süßen Rauch langsam im Raum verteilend, um dich herum läuft, und du sitzt im Inneren eines Teelichtdreiecks, und der Typ redet in irgendeiner Sprache, die du noch nie gehört hast, und dein Herz schlägt jetzt schneller, du bist aufgeregt, ein bisschen so, wie vorm ersten Mal, dann weißt du, dass du zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist.

Da ist also Dinner, ein Däne. Dinner ist sein Künstlername, er heißt eigentlich Anders Rhedin, macht Musik und verbindet das mit Hypnose. Auf seinen Konzerten versetzt er die Zuschauer gerne für ein paar Minuten in Trance. Dinner ist kein Spinner, kein Esoteriker, keiner der auf die Erlösung wartet. Die Hypnose ist Teil seines künstlerischen Konzepts. Am 10. März erscheint sein Hypnosetape „A Dream Journey – Guided Meditation“. Und heute nimmt Dinner mich mit, ich werde hypnotisiert.

„Wir gehen jetzt auf eine Reise, Frédéric. Du bist der Reisende und ich dein Reiseleiter.“ Das Zedernholz legt Dinner zur Seite. Er sitzt jetzt direkt hinter mir. Es wird ganz warm in mir und ich schließe die Augen. Über sein Telefon spielt Dinner einen Drone-Track ab.

Drone ist eine Form der Musik, die etwa in den Sechzigern aufkam. Drone Music ist keine Tonfolge, Drone ist ein Zustand. Ein Stück kann einfach nur aus einem stehend schwebenden Ton bestehen und über diesem Ton passiert dann der Rest. Die Monotonie solle eine Art Trancezustand auslösen. Drone Music ist Bewusstseinserweiterung durch Klang.

Schwarz ist das alles und von oben kommen weiße Wellen, die über meine geschlossenen Augenlider rollen. Das schwarze Meer beruhigt sich langsam. Nur noch schwarz. Dinners Drone-Stück ist in Fis-Dur geschrieben. Ferdinand Gotthelf Hand, der deutsche Philologe, hat in seiner „Ästhetik der Tonkunst“ 1837 geschrieben, dass in Fis-Dur feierlicher Mut liege, und von dieser Tonart ein wohltuender Genuss errungener Ruhe ausgehe. Errungene Ruhe klingt gut.

Dinner reibt sich die Hände. Er will damit Energie durch mich hindurch kanalisieren. Seine Stimme klingt irgendwie düster und irre sexy. Dinner kann Menschen allein mit seiner Stimme verführen, denke ich in dem Moment. Seine Hände fühlen sich angenehm schwer auf meinem Kopf an. Ich werde schläfrig wie nach einem Glas Margaux an einem Sonntagnachmittag auf einer mit Seegras gefüllten Chaiselongue im Dezember.

Hypnose ist keine Zauberei. Niemand denkt danach, er sei ein Huhn oder so etwas. Hypnose wird benutzt, um eine Trance zu erreichen. Letztlich ist das nichts anderes als ein veränderter Bewusstseinszustand. Man ist dabei wach und einfach sehr entspannt. Zahnärzte bieten das zur Unterstützung von Betäubungen an und auch bei Geburten kann es helfen.

„Du fühlst die Entspannung. Du wirst immer entspannter. Immer mehr. Mehr. Mehr. Da ist eine Schwere in dir. Deine Hände werden schwerer und deine Beine. Schwere ist ein natürliches Gefühl. Lass los. Lass los.“ Er zählt bis drei. „Jetzt bist du im ganzen Körper entspannt“, höre ich von weiter weg.

„Du stehst am Strand“

Da sind Stufen und die laufe ich runter. Das ist das Treppenhaus in meinem Elternhaus. Helles Holz. Durch ein Dachfenster fällt Licht herein. Meine Mutter lässt Kellogg’s „Chocos“ in die kleine Schüssel aus der Bretagne fallen, auf der mein Name steht. Das erkenne ich am Geräusch. Und dann höre ich Milch darüber laufen. Bärenmarke. Meine Kindheit klingt wie Bärenmarke-Milch, die über „Chocos“ läuft.

„Du gehst die Treppen runter“, sagt Dinner. Auf einmal endet die Treppe. „Du stehst am Strand“, sagt Dinner. Er meint, ich wäre in der Südsee und würde Möwen hören. Aber ich stehe in der Bretagne, weil die Bretagne nämlich so riecht, wie es hier gerade riecht. Nach blauem Hummer. Salzig. Rau. Nach rosigen Wangen. Nach reifen Äpfeln und nach den Fraises de Plougastel, den besten Erdbeeren der ganzen Welt. Die sind so klein, rot, süß und schwer. Natürlich gibt es dort ein Erdbeer-Museum.

Ich stehe ganz alleine in Camaret-sur-Mer und Dinners Stimme wird leiser und auf meiner Zunge ist der Geschmack von einer Galette mit Käse und Schinken und dann falle ich in ein tiefes Rotschwarz. Einfach so. Und ich weiß gar nichts mehr.

„Komm zurück.“ Von weiter Ferne nehme ich wieder seine Stimme wahr. Er zählt von fünf herunter. „Den Rest des Tages wirst du dich gut fühlen. Zufrieden. Fünf - du wirst wacher. Vier - mehr und mehr. Drei - die Energie fließt durch deinen Körper. Zwei - mehr und mehr. Eins - öffne deine Augen und komm zurück.“ Die Musik verändert sich, da ist ein Ton, wie eine Fanfare. Fünfundzwanzig Minuten war ich jetzt auf einer Reise mit Dinner. Ein Huhn bin ich nicht. Aber ich fühle mich zufrieden und schaue aus dem Fenster, als ein Krankenwagen vorbeifährt. Das wird schon, denke ich und je leiser die Sirene wird, desto sicherer bin ich, er wird es schaffen.