Polizei

Neue Spur im Fall Peggy

Ein Freund der Familie gesteht Küsse mit dem später verschwundenen neunjährigen Mädchen

Im Fall der seit 2001 verschwundenen Peggy Knobloch hat der 29 Jahre alte Verdächtige Holger E. laut Anklagebehörde unter anderem einen Kuss des kleinen Mädchens eingeräumt. Die Staatsanwaltschaft Bayreuth sieht aber keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs gegen den Mann. Den Ermittlungen zufolge erfüllten die Zärtlichkeiten keinen Straftatbestand. Holger E. habe bereits im Februar vergangenen Jahres bei einer Vernehmung darüber berichtet. Die Ermittler bestätigten am Mittwoch entsprechende Berichte der „Bild“-Zeitung und des „Nordbayerischen Kuriers“.

Zu dem Kontakt des Verdächtigen mit der damals neun Jahre alten Peggy soll es in den Osterferien 2001 gekommen sein. Der Mann ist mit Peggys Familie vertraut. Der Halbbruder von E. und die Familie von Peggy waren Nachbarn. Im Mai desselben Jahres verschwand Peggy spurlos. „Es gab keinen Anhaltspunkt für einen strafbaren sexuellen Missbrauch Peggys durch den Mann“, sagte Oberstaatsanwalt Herbert Potzel. Der 29-Jährige habe die Angaben über Peggy gemacht, als er im Fall eines anderen Kindes vernommen worden sei.

Holger E. sitzt derzeit wegen sexuellen Missbrauchs seiner Tochter in Haft. In Kürze muss sich der Mann aus Sachsen-Anhalt in Hof wegen Missbrauchs seiner Nichte verantworten. Er zählt laut dem Oberstaatsanwalt weiter zum Kreis der Verdächtigen im Fall Peggy, es bestehe gegen ihn aber lediglich ein „einfacher Verdacht.“ Michael Euler, der Anwalt des Verdächtigen aus Sachsen-Anhalt, bewertete die Aussage des 29-Jährigen zurückhaltend: „Auf die Spur gebe ich nicht sonderlich viel“, sagte er. Es gebe ein Foto, auf dem der Verdächtige mit Peggy im Arm zu sehen sei. Der Mann habe bereits früher ausgesagt, Peggy wie eine kleine Schwester gesehen zu haben. „Ein Kuss auf die Wange ist gar nichts“, sagte Euler.

Peggys Verschwinden zählt zu den rätselhaftesten Kriminalfällen Deutschlands. Das Mädchen war im Mai 2001 auf dem Rückweg von der Schule im fränkischen Lichtenberg verschwunden. Die Polizei geht davon aus, dass das Mädchen tot ist. Ihre Leiche wurde aber nie gefunden, groß angelegte Suchaktionen blieben ohne Ergebnis. Bereits im Jahr 2004 verurteilte das Landgericht in Hof den geistig behinderten Ulvi K. rechtskräftig wegen Mordes an Peggy. Er war aufgrund sexueller Übergriffe auf Kinder aufgefallen und lebte damals in Peggys Nachbarschaft. K. muss seine lebenslange Freiheitsstrafe aber nicht absitzen. Er befindet sich stattdessen in einer psychiatrischen Einrichtung. Seine Unterbringung ist laut Euler zwischenzeitlich stark gelockert worden. „Er kann sich relativ frei bewegen, auch mit einem Betreuer in die Stadt gehen.“

Von 10. April an steht Ulvi K. erneut vor Gericht. Im Dezember 2013 hatte das Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme des Verfahrens um die verschwundene Peggy angeordnet. Ein wichtiger Belastungszeuge hat seine Aussagen inzwischen widerrufen. Der Mann hatte behauptet, Ulvi K. habe ihm den Mord gestanden. Dies sei eine Lüge gewesen, erklärte er später jedoch. Zudem hatten die damaligen Ermittler einen möglichen Tathergang konstruiert – der dann verblüffend dem Geständnis des Angeklagten ähnelte. Ulvi K. widerrief das bei der Polizei abgelegte Geständnis später. Es hatte stets Zweifel an K.s Tat gegeben. Aufgrund seines niedrigen Intelligenzquotienten von 68 war angenommen worden, er könne sich einen so detailreichen Tathergang nicht ausdenken und sich länger merken.