Prozess

Ein Gebet, Vorwürfe und Tränen

Am zweiten Tag im Mordprozess gegen Sprinter Oscar Pistorius greift sein Verteidiger eine Zeugin an. Auch eine weitere Nachbarin hat Streit gehört

Der zweite Tag im Mordprozess gegen Paralympics-Star Oscar Pistorius in Pretoria begann mit einem Gebet. Nachdem der an beiden Unterschenkeln amputierte Angeklagte im Gerichtssaal Platz genommen hatte, sprach er zu Gott. Es war der Auftakt zu einem Prozesstag, an dem sich die Emotionen hochschaukelten.

Pistorius hatte sich zum Prozessauftakt als „unschuldig“ im Sinne der Anklage erklärt. Er hatte in der Nacht zum 14. Februar 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp in seiner Wohnung durch eine verschlossene Badezimmertür erschossen. Der 27-Jährige sagt, er habe einen Einbrecher in der Wohnung vermutet und deshalb gefeuert. Der Staatsanwalt wirft ihm dagegen gezielten Mord an dem damals 29-jährigen Model vor.

Pistorius’ Verteidiger Barry Roux setzte am Dienstag die Befragung der Zeugin Michelle Burger fort und versuchte, wie bereits am Vortag, die Glaubwürdigkeit der Frau infrage zu stellen. Burger, eine Nachbarin von Pistorius, hatte berichtet, in der Nacht, in der Reeva Steenkamp erschossen wurde, Schreie und verzweifelte Hilferufe gehört zu haben. Pistorius sprach dagegen von harmonischen Stunden.

Anwalt Barry Roux bezweifelte am Dienstag, dass Burger tatsächlich die Schreie einer Frau gehört habe. „Wenn Herr Pistorius sehr große Angst hat, klingen seine Schreie wie die einer Frau“, sagte er. Außerdem verwies er auf Widersprüche in den Aussagen von Michelle Burger und denen ihres Mannes. Während sie von vier Schüssen sprach, will der Ehemann fünf oder sechs Schüsse gehört haben. Roux zog in Erwägung, dass es sich bei den vermeintlichen zusätzlichen Schüssen um das Geräusch des Cricketschlägers gehandelt haben könnte, mit dem Pistorius die Badezimmertür zertrümmert hatte, als er festgestellt habe, dass er nicht auf einen Einbrecher, sondern auf seine Lebensgefährtin geschossen hatte.

Vorwurf der Unehrlichkeit

Während die Zeugin bisher sehr gefasst auftrat, kam es am zweiten Verhandlungstag zu einem emotionalen Ausbruch. Als die Wirtschaftsprofessorin wiederum von den „schrecklichen Schreien“ jener Frau sprach, die sie gehört haben will, begann sie zu weinen. „Die Ereignisse dieses Abends sind extrem traumatisierend für mich“, sagte sie. „Die Angst in der Stimme dieser Frau ist schwierig vor Gericht zu beschreiben. Ich habe die Panik in der Stimme dieser Frau gehört“, sagte Burger. „Ich habe nur meine Version anzubieten“, fügte sie hinzu. Der Verteidiger wurde zwischenzeitlich derart aggressiv, dass die Richterin ihn nach einer besonders sarkastischen Bemerkung zu einer Entschuldigung zwang. Seine Entschuldigung betraf seine Behauptung, Burger sei nicht ehrlich.

Auch Pistorius verlor am Dienstag die Fassung und brach in Tränen aus. Die Zeugin hatte behauptet, nach dem vierten und damit den Ermittlungen zufolge letzten Schuss weibliche Schreie gehört zu haben. Als Roux ihr daraufhin vorhielt, dass „eine Person mit diesem Hirnschaden“ wie jenem, den Steenkamp erlitten hatte, nicht mehr in der Lage wäre zu schreien, verbarg Pistorius sein Gesicht in den Händen.

Am Dienstag sagte eine weitere Zeugin aus. Auch bei ihr handelte es sich um eine Nachbarin von Pistorius. Estelle Van Der Merwe behauptete ebenfalls, in der Tatnacht einen lautstarken Streit gehört zu haben. Diese Aussage stützt also jene der Zeugin Burger und die Sichtweise der Staatsanwaltschaft. Am frühen Morgen war der Prozess wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Privatsphäre der Zeugin kurzzeitig unterbrochen worden. Ein TV-Sender soll ein Foto von Michelle Burger gezeigt haben, die dies ausdrücklich abgelehnt hatte. Staatsanwalt Gerrie Nel stoppte die Befragung durch Anwalt Barry Roux. Der TV-Sender eNCA habe eine Live-Audioübertragung der Aussage Burgers am Dienstag mit einem Foto von ihr veröffentlicht, sagte Nel. Die Bildunterzeile war Nel zufolge: „Im Zeugenstand: Michelle Burger, Pistorius’ Nachbarin.“ Richterin Thokozile Masipa kündigte eine Untersuchung darüber an, wie das Foto von Burger veröffentlicht werden konnte. Die Entwicklung sei „sehr beunruhigend“; dies sei möglicherweise „die Spitze des Eisbergs“.

Verbotene Fotos veröffentlicht

Masipa bekräftigte nach einer Beratung mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung, dass von keinem Zeugen Fotos veröffentlicht werden dürfen, der den Schutz seiner Privatsphäre verlangt habe. „Ich warne die Medien: Wenn ihr euch nicht benehmt, werdet ihr von diesem Gericht nicht mit Samthandschuhen angefasst“, sagte die Richterin.

Da noch 106 weitere Zeugen – allein der Anklagebehörde – gehört werden sollen, gehen Experten davon aus, dass der Prozess weit länger als die vom Gericht angestrebten drei Wochen dauern wird. Schon jetzt handelt es sich um den spektakulärsten Strafprozess in der südafrikanischen Geschichte. Erstmals wird hier ein Mordprozess in großen Teilen live vom Fernsehen übertragen. Pistorius droht im Fall eines Schuldspruchs eine Haftstrafe von bis zu 25 Jahren.