Fund

Mein Schatz

Einmal eine Kiste mit Gold finden: Dieser Gedanke treibt Tausende auf die Jagd. Doch schon die private Schatzsuche selbst ist oft illegal

Lass es doch liegen, soll seine Frau noch gesagt haben. Sie hatte Angst, dass sich ihr Mann wegen eines Stücks Schrott den Rücken verrenken könnte. Doch er hörte nicht auf sie. Die Neugier siegte – zum Glück für beide. Denn was das Paar unter einem Baum auf ihrem Grundstück in Kalifornien entdeckt hatte, schaffte es diese Woche weltweit in die Nachrichten: 1427 Goldmünzen aus dem 19. Jahrhundert. Geschätzter Wert: mindestens zehn Millionen Dollar.

Schon kleine Jungs und Mädchen träumen davon, einen Schatz zu finden. Viele Männer lässt der Gedanke nicht los, wenn sie längst groß sind: Wäre das nicht toll, einmal eine Blechdose mit Münzen zu entdecken? In Deutschland soll es mehr als 10.000 Sondengänger geben, die regelmäßig mit ihrem Metalldetektor losziehen und Wald und Feld nach alten Münzen, Werkzeugen oder Schmuck absuchen. Frauen sind dafür angeblich weniger anfällig.

Suche auf Schlachtfeldern

Thorsten Straub ist solch ein Sondengänger. Der 47-Jährige arbeitete einst als Softwareentwickler und hat sich heute mehr oder weniger vollständig seinem Hobby verschrieben. Im Jahr 2000 habe ihn der Virus gepackt. „Die Freude am Finden und am Entdecken treiben mich an“, sagt er. Wenn er auf Entdeckungstour geht, hat er einen großen Rucksack dabei, darin eine kleine Harke. Den Spaten nimmt er nur ab und an mit, immer dagegen den Metalldetektor. „Am Detektor sollte man nicht sparen“, sagt Straub, der die Internetseite www.sondengaenger-deutschland.de betreibt. Rund 10.000 Objekte will Straub in den zurückliegenden 13 Jahren aus den überwiegend bayerischen Böden herausgeholt haben. 50 Objekte pro Suchtag seien realistisch, sagt er. Vor allem auf einstigen Schlachtfeldern verbrachte Straub viele Tage. Zur Vorbereitung habe er alte Karten und Aufzeichnungen studiert.

Hervor kamen dann Gewehrkugeln aus der Schlacht von Hohenlinden, als die Truppen Napoleons den bayerisch-österreichischen Streitkräften gegenüberstanden, genauso wie kleine Kanonenkugeln aus dieser Zeit. Die meisten Funde seien in beschriftete Plastikbeutel verpackt, in Kisten verstaut. „Vieles hat keinen finanziellen Wert, aber es ist toll, es in Händen zu halten“, sagt Straub. Einige besondere Stücke habe er an die Archäologische Staatssammlung München verkauft, erzählt er weiter. Über den Preis schweigt er. Denn das Thema Schatzsuche ist heikel. Schnell bewegen sich die Buddler im juristischen Graubereich. Mit einer Sonde den Boden abzusuchen, ist nicht zwangsläufig verboten. Wer dies allerdings an einem Bodendenkmal macht – das können im Boden liegende Überreste einer Befestigungsanlage sein, alte Siedlungen oder Handelswege – braucht in jedem Fall eine Genehmigung der Denkmalschutzbehörde. Die es allerdings für private Schatzsucher nicht gibt.

Und wer ohne Erlaubnis gräbt und archäologisch wertvolle Stücke an sich nimmt, kommt generell schnell mit dem Gesetz in Konflikt. „Die Schatzsuche ist weitestgehend illegal“, heißt es beim Hessischen Landeskriminalamt.

Auch bei Archäologen sind die Glücksritter verpönt. „Wir sind mehr als unglücklich über die Metallsondengänger“, sagt Sebastian Sommer, Abteilungsleiter der Praktischen Denkmalpflege Bodendenkmäler im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Dabei gehe es gar nicht einmal um den materiellen Wert von Münzen, Schwertern oder Vasen. „Werden die Gegenstände aus dem Boden gerissen, gehen historische Zusammenhänge für immer verloren“, sagt er. „Viele Sondengänger dagegen machen das nur für den Kick, wenn der Detektor piepst.“ In 99 Prozent der Fälle würden Funde überhaupt nicht gemeldet. Und falls doch, gäben die Sondengänger teilweise einen ganz anderen Fundort an – aus monetären Interessen.

In Paragraf 984 des Bürgerlichen Gesetzbuches heißt es zu den Eigentumsverhältnissen: „Wird eine Sache, die so lange verborgen gelegen hat, dass der Eigentümer nicht mehr zu ermitteln ist (Schatz), entdeckt und infolge der Entdeckung in Besitz genommen, so wird das Eigentum zur Hälfte von dem Entdecker, zur Hälfte von dem Eigentümer der Sache erworben, in welcher der Schatz verborgen war.“

Raubgut auf dem Flohmarkt

Mit Letzterem ist der Grundstückseigentümer gemeint. Doch nur in Bayern gehören dem Schatzsucher tatsächlich 50 Prozent des Wertes. In den meisten Bundesländern geht das Objekt dagegen, sofern es einen wissenschaftlichen Wert hat, automatisch an den Staat. Denn hier greift das sogenannte Schatzregal im Rahmen des Denkmalschutzgesetzes. Dabei beruft man sich auf Regalien, also alte Herrschaftsrechte von Landesherren und Königen: „Alle Schätze, die tiefer unter der Erde begraben sind als ein Pflug, gehören der königlichen Gewalt“. Dies haben die meisten Bundesländer übernommen.

Je nach Bundesland ist immerhin vorgesehen, dass der Finder eine Entschädigung erhält. Viel ist das allerdings nicht. Und selbst 50 Prozent mit dem Grundstückseigentümer zu teilen, wie in Bayern, klingt für manchen Sondengänger wenig verlockend. Weshalb vor illegalen Wegen nicht zurückgeschreckt wird. „Fast alles, was im Internet und auf Flohmärkten angeboten wird, ist Raubgut“, sagt Denkmalschützer Sommer. Schatzsucher wie Thorsten Straub sehen im Schatzregal den Hauptgrund, warum so wenige Fundstücke gemeldet werden. Der Sucher habe die „unangenehme Arbeit erledigt, und sobald die Früchte dieser Arbeit zutage treten, wollen andere hinzuspringen und den Rahm abschöpfen“. Also schweige der Sucher meist und komme damit fast immer durch.

Die Dunkelziffer mag hoch sein, doch dass der Schatzsucher damit immer durchkommt, ist eine kühne Behauptung. Erst im Februar wurde bekannt, dass ein Mann einen Barbarenschatz aus dem fünften Jahrhundert in Rheinland-Pfalz entdeckt hat. Archäologen präsentierten in Mainz goldene Schmuckstücke, einen Silberteller und Reste eines vergoldeten Klappstuhls. Wie sie an die Fundstücke kamen, teilten sie nicht mit. Es hieß lediglich: „Der Raubgräber hat sie selbst übergeben – allerdings unter dem Druck der Ermittlungen.“ Gegen den Mann werde wegen mehrerer ähnlicher Delikte ermittelt.