Justiz

Mord oder doch Unfall?

Der Leichtathlet Oscar Pistorius erschoss am 14. Februar 2013 seine Freundin. Jetzt beginnt der Prozess in Pretoria

Ganz still steht Riana Steyn auf der Tribüne, während um sie herum alles in Bewegung ist. Aus den Lautsprechern des Tuks Athletics Stadium von Pretoria dröhnt Afrikaans-Volksmusik, unten, auf der Tartanbahn, rennen Steyns Schützlinge um Medaillen aus Blech, die Trainerin betreut 30 Nachwuchssportler. Südafrikas Nationalheld Oscar Pistorius, der „Blade Runner“, der Läufer, der bei allen Paralympics seit 2004 eine Medaille holte, trainierte fast täglich hier im Stadion – bis zu den Schüssen am 14. Februar 2013, als der beinamputierte Olympia-Teilnehmer seine Freundin Reeva Steenkamp tötete.

Steyn kennt Pistorius. Flüchtig, wie sie betont. Sie hat beobachtet, wie er zum Idol der Nation aufstieg – und dann in der öffentlichen Wahrnehmung zum Verbrecher wurde. Ist er des Mordes schuldig? Oder handelte es sich tatsächlich um ein tragisches Versehen, und er schoss, weil er in seinem Haus einen Einbrecher vermutete? „Ich kenne die Antwort nicht“, sagt die 33-Jährige schließlich, „aber ich hoffe, dass er unschuldig ist. Südafrikas Ansehen ist ohnehin schon nicht das beste. Der Gedanke ist schlimm, dass einer unserer größten Helden auch noch ein Mörder sein könnte.“

In den Katakomben des Stadions bereitet sich Daniel van der Vyver, 49, auf seinen 400-Meter-Lauf vor. „Mindestens die Hälfte der Läufer hält ihn für schuldig.“ In der Kantine der modernen Sportanlage haben sie ein großes Plakat des Athleten abgenommen.

107 Namen auf der Zeugenliste

Am Montag beginnt vor dem High Court in Pretoria der Prozess gegen Oscar Pistorius, 27. Die Verhandlung wird teilweise live übertragen, 107 Namen stehen auf der Zeugenliste. Zwei eigens gegründete Kanäle werden rund um die Uhr über den Fall berichten. Bereits jetzt weiß die Nation, dass Pistorius schon lange vor dem Verbrechen durch das geöffnete Auto-Schiebedach einer Ex-Freundin und unter dem Tisch eines Restaurants jeweils einen Schuss abgegeben hat und einem Nebenbuhler Prügel androhte. Weniger klar als die Komplexität der Persönlichkeit des demaskierten Helden ist dagegen der Hergang der Tatnacht. Der Fernseh-Sender eNCA zitierte aus Gerichtsdokumenten: Ihnen zufolge wird Chefankläger Gerrie Nel fünf Belastungszeugen präsentieren, die zum Zeitpunkt der Schüsse Schreie gehört haben.

Den Dokumenten zufolge kommt der Ballistik-Experte der Staatsanwaltschaft allerdings zu dem Schluss, dass der Sportler die Schüsse tatsächlich, wie von ihm ausgesagt, ohne Prothesen, also von seinen Stümpfen aus abgefeuert haben soll. Das würde wiederum entlastend wirken. Noch vor wenigen Tagen sind Ermittler in die USA gereist, um von Apple-Experten eventuell gelöschte Kurznachrichten wiederherstellen zu lassen, die Aufschluss über ein Motiv geben könnten. Es gebe allerdings auch ohne diese Daten „mehr als genug Beweise“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung gibt sich gleichermaßen zuversichtlich, dass sich Pistorius’ Darstellung belegen lasse.

Ein Besuch in der Nachbarschaft des Sportlers offenbart, warum seine Version in Südafrika nicht als so abwegig erachtet wird wie im Ausland. Seine Villa, die er seit den Schüssen nicht mehr betreten hat, gehört zu dem Sicherheitskomplex Silver Woods Country Estate. Eine drei Meter hohe Mauer mit Stacheldraht umgibt die Wohnanlage, in die der Einlass per Mikrochip kontrolliert wird. Hier, im teuren Osten Pretorias, reihen sich die bewachten Wohnanlagen aneinander.

Man solle Pistorius nicht vorverurteilen, sagt eine Frau, die in einem Bürogebäude des Anwesens Lebensmittel verkauft. „Er war sehr nervös wegen seiner Behinderung“, erzählt sie, „mehrmals hat er zu einem befreundeten Nachbarn gesagt: Wim, ich habe in der Nacht etwas im Haus gehört, wäre fast vor Angst gestorben.“ Das Haus steht für rund 300.000 Euro weit unter Marktwert zum Verkauf. Es findet keinen Käufer.

Einst wurden auf den trotz seiner amputierten Beine zum Sportstar aufgestiegenen Pistorius die Ideale der südafrikanischen Gesellschaft projiziert. Jetzt werden anhand seines Falls zentrale Probleme des Landes diskutiert. Sein Vater Henke erklärte den Waffenbesitz des Sohnes mit der hohen Gefährdung der weißen Bevölkerung, Opfer von Kriminalität zu werden, was nicht nur bei der Regierungspartei, dem African National Congress (ANC), für Empörung sorgte. Auch Pistorius und andere Verwandte distanzierten sich von den Bemerkungen, die zu wenig Schutz der weißen Minderheit im Land implizierten. Tatsächlich gibt es in keiner anderen ethnischen Gruppe weniger Mordopfer.

Besten Anwälte des Landes

Doch auf der Angst vor Verbrechen fußt die Strategie der Verteidigung. „Ich bin schon Opfer von Gewalt und Einbruch gewesen“, heißt es in einer eidesstattlichen Erklärung von Pistorius, obwohl von einer Anzeige nichts bekannt ist. Mit jährlich rund 15.000 Morden belegt Südafrika Rang 16 der gefährlichsten Nationen außerhalb von Kriegsgebieten. Zwar besitzen in Südafrika weniger Menschen eine Schusswaffe als in den USA, es ist aber viermal so wahrscheinlich, durch eine solche getötet zu werden.

Südafrikas Justiz steht unter Druck angesichts des wiederkehrenden Vorwurfs, dass sich die enormen sozialen Unterschiede des Landes auch vor Gericht widerspiegeln. Pistorius kann sich ein imposantes Verteidigungsteam leisten. Seine Anwälte Barry Roux und Kenny Oldwage gehören zu den bestbezahlten des Landes, sie legten bei der Kautionsanhörung die Schwächen der Anklage mit beeindruckender Präzision offen. Hinzu kommen unter anderem drei forensische Experten sowie die US-Firma Evidence Room, die auf die Computer-Animation von Tatorten spezialisiert ist.

Am Ende wird allein Richterin Thokozile Masipa Pistorius’ Schuld beurteilen müssen. Entscheidet sie auf Mord, stünden Pistorius mindestens 25 Jahre Gefängnis bevor. Folgt sie dem Antrag der Verteidigung auf fahrlässige Tötung, könnten bis zu 15 Jahre Haft drohen. Eine Mindesthaftzeit gibt es jedoch für dieses Verbrechen in Südafrika nicht. Er könnte die Anklage überstehen, ohne einen Tag im Gefängnis verbringen zu müssen – ein Szenario, das sich in Südafrika kaum jemand vorstellen kann.