Und jetzt ran an den Zug

Weil unterwegs der Strom ausgeht, schieben Fahrgäste eine Regionalbahn über die deutsche Grenze

Dass mal ein Zug auf offener Strecke liegenbleibt, ist ja nicht so ungewöhnlich. Aber dass die Fahrgäste aussteigen müssen, um ihn weiterzuschieben, ist schon einigermaßen außergewöhnlich. Genau das ist den Fahrgästen eines deutschen Bahnunternehmens aber diese Woche passiert. Sie konnten ihre Fahrt über die Grenze erst fortsetzen, nachdem einige kräftig geschoben hatten. Und weil der Lokführer nach dieser Aktion mit juristischen Konsequenzen rechnen muss, bleiben die meisten Details – obgleich der Redaktion bekannt – ungenannt.

Anfang der Woche war der Regionalzug eines Konkurrenzunternehmens der Deutschen Bahn (DB) aus einer österreichischen Grenzstadt in Richtung Deutschland unterwegs. Nach Angaben von Fahrgästen hatte der Zug offenbar schon beim Start Probleme. „Wir hatten keinen Strom. Ich habe geglaubt, das läge daran, weil ich im Wagen mein Handy aufgeladen und damit zu viel Saft gezogen haben“, witzelte einer der Passagiere per Mail. Das Scherzen verging ihm bald.

Denn an der Grenze blieb der Zug erneut stehen – ausgerechnet auf einem kurzen Schienenstück, das keinen Strom führt. Hektische Telefonate mit der Leitzentrale der Deutschen Bahn waren die Folge, berichten Fahrgäste. Dann seien die Verantwortlichen auf die Idee gekommen, auch mit Hilfe der Passagiere den Zug anzuschieben und auf einen stromführenden Trassenabschnitt rollen zu lassen. Ein Passagier filmte die Szene und postete dazu: „Bitte glaubt nicht, dass wir nicht die einzigen gewesen sind, welche nicht geschoben haben ...“

Letztlich funktionierte der Plan, der Zug konnte weiterfahren. Regionalzüge sehen schwerer aus, als sie sind. Bei modernen Varianten besteht der Wagenkasten in aller Regel aus Aluminium. „100 bis 120 Tonnen wiegt so eine Regio-Bahn. Die kann man auf ebener Strecken schon anschieben, wenn ein paar kräftige Männer zupacken“, sagt ein Bahner. Nur Fachleute sind einigermaßen entsetzt über diese Aktion, handele es sich doch um einen schwerwiegenden Eingriff in den Schienenverkehr, der die zuständige Bahnaufsichtsbehörde des Nachbarlandes zu Ermittlungen veranlassen könnte. Dass es kurze stromlose Abschnitte an Landesgrenzen gibt, ist nicht ungewöhnlich. Die Schienensysteme der Länder in Europa haben in aller Regel unterschiedliche Grundspannungen auf dem jeweiligen Fahrdraht. Die Lokomotiven und Triebwagen kommen damit zurecht, sie können umschalten.

Doch damit das funktioniert, muss die Oberleitung unterbrochen werden. Diesen Abschnitt nennt man Streckentrenner, und die gibt es praktisch auf allen deutschen Bahnstrecken an den Grenzen ins Ausland. In besagten Fall war der stromlose Abschnitt gerade mal einen Meter breit. Die Lokführer kennen die Umstände und rauschen in aller Regel mit ausreichend Schwung über das tote Stück – es sei denn, der Zug hat technische Probleme. Das könnten in geschilderter Situation der Fall gewesen sein. Das beteiligte Bahnunternehmen will sich aus nachvollziehbaren Gründen nicht weiter dazu äußern. Eine Sprecherin teilte lediglich mit: „Der Vorgang ist uns bekannt. Die genauen Umstände werden derzeit von den verantwortlichen Stellen untersucht.“

Das könnte unangenehm für die verantwortlichen Bahner werden. Nach Angaben der Deutschen Bahn, die trotz Betriebs dieser Strecke durch ein Konkurrenzunternehmen das Netz verwaltet, dürfen Fahrgäste in Fällen liegengebliebener Züge keinesfalls auf offener Strecke aufsteigen und mit anpacken, um die Wagen wieder flott zu kriegen.