Kriminalität

Die Mörderin, die aufhörte zu zählen

Miranda Barbour will als Satanistin seit ihrem 13. Lebensjahr mehr als 22 Menschen getötet haben

Mitunter ist die Kluft zwischen perverser Aufschneiderei und einem Jahrhundertverbrechen marginal. Denn die erst 19-jährige Miranda Barbour ist zumindest bösartig genug für einen brutalen Mord. Tötete die junge Mutter aus Pennsylvania darüber hinaus mindestens 22 weitere Menschen, wie sie behauptet? Als Craigslist-Mörder erlangte der Teenager mit den hüftlangen dunkelbraunen Locken im November hässliche Berühmtheit. Über die bekannte Anzeigenplattform im Internet soll sie den 42-jährigen Troy LaFerrara kennengelernt und zusammen mit ihrem Ehemann Elytte Barbour getötet haben. Auf „nicht schuldig“ plädierte das Paar nach der Verhaftung. Die Staatsanwaltschaft will hingegen im bevorstehenden Prozess die Todesstrafe beantragen.

Am Wochenende änderte Miranda Barbour ihre Geschichte radikal. Aus der Untersuchungshaft heraus behauptete sie in einem Zeitungsinterview, sie sei einem satanischen Kult verfallen und morde seit ihrem 13. Lebensjahr. LaFerrara sei nur ihr letztes Opfer gewesen, den sie über die Craigslist mit dem Versprechen auf Sex gegen Geld lockte. Sie und ihr 22-jähriger Ehemann Elyette hätten die Erfahrung eines gemeinsamen Mordes machen wollen – und damit ihre Hochzeit gefeiert, die zum Zeitpunkt der Bluttat exakt drei Wochen zurücklag.

Schockierende Brutalität

Dieser Mord zumindest ist real, und die Brutalität der jungen Täter schockte die Ermittler. „Ich erinnere mich an alles“, sagte Barbour in Interview mit einer Lokalzeitung im Bezirksgefängnis von Northumberland. „Es ist, als würde ich einen Film sehen.“ Die nur etwas über 1,50 Meter große Frau, die in Selinsgrove in Pennsylvania lebte, nahm über die Craigs-Anzeige mit dem kräftigen LaFerrera Kontakt auf und bot sexuelle Dienste gegen Zahlung von 100 Dollar an. Sie traf den Mann auf einem Parkplatz und ließ ihn da in ihren Honda CRV steigen. Hinten auf der Rückbank des Autos hatte sich – so die Ermittlungen – Elytte unter einer Decke versteckt. Miranda fuhr rund 20 Meilen und stoppte den Wagen, als Elytte von hinten LaFerrera mit einem Seil würgte. Sie selbst rammte ihrem Opfer ein Messer 20-mal in den Körper.

„Er sagte etwas Falsches“, behauptet Miranda Barbour. „Und dann gerieten die Dinge außer Kontrolle. Ich kann Ihnen sagen, es war nicht geplant, ihn zu erstechen. Mein Mann wollte ihn nur strangulieren.“ LaFerrera habe sie während der Fahrt begrabscht. Aber das sei nicht der Grund für den Mord gewesen. „Ich log ihn an und sagte, ich sei gerade 16 geworden. Er sagte, das sei okay. Wenn er ‚Nein‘ gesagt hätte, und dass er an unserer Verabredung nicht festhalten wolle, hätte ich ihn gehen lassen.“ Nach der Tat habe sie ihren Mann in einen Stripklub eingeladen. Doch dieses Geständnis bildete nur den Auftakt zu einer noch schockierenderen Selbstbezichtigung. Sie habe zuvor unzählige Menschen ermordet. „Als ich 22 erreichte, habe ich aufgehört zu zählen“, sagt Barbour. Während ihr Mann im Auto erstmals getötet habe, sei sie bereits als 13-Jährige zur Mörderin geworden.

Damals habe sie mit ihrer Mutter in Alaska gelebt und sei in einen Satanskult geraten. Mit dem Führer dieser Gruppe habe sie einen Mann aufgesucht, der dem Satanisten Geld schuldete. „Es war in einer Gasse und er schoss auf ihn“, behauptet Barbour. „Dann sagte er mir, jetzt sei ich an der Reihe, auf ihn zu schießen. Ich hasse Schusswaffen. Ich benutze keine Schusswaffen. Ich konnte das nicht tun, darum trat er hinter mich und er nahm seine Hände und legte sie auf meine und wir drückten ab. Und von da an machte ich mit dem Morden einfach weiter.“

Die meisten Taten will Barbour in Alaska begangen haben, während andere in Texas, Kalifornien und North Carolina stattgefunden haben sollen. Die Ermittler sagen, sie hätten mit den Behörden in diesen Bundesstaaten Kontakt aufgenommen, um ungeklärte Tötungsdelikte zu untersuchen. Die junge Frau, die den Namen des angeblichen Satanisten-Chefs verschweigt, mit dem sie ihren ersten Mord verübt haben will, behauptet, sie könne auf einer Landkarte die Tatorte lokalisieren. Ein Todesfall dürfte besonders intensiv unter die Lupe genommen werden. Der Mann, mit dem Barbour vor sechs Jahren ein Kind bekam und der unter dem Namen „Forest“ die Nummer 2 in der Satanisten-Gruppe gewesen sei, wurde ebenfalls ermordet.

Bezirksstaatsanwalt Tony Rosini bezweifelt die Selbstbezichtigungen, die Barbour zur blutigsten Serienmörderin der modernen Zeiten machen würden. „Ich bin skeptisch gegenüber ihren Behauptungen. Wir haben Kontakt aufgenommen mit Ermittlungsbehörden in ihren früheren Wohnorten und keine Informationen bekommen, die das, was sie sagt, bestätigen.“

Sie habe „nur schlechte Menschen“ getötet, versichert Barbour. Deshalb bedauere sie ihre Taten nicht. Dass sie als Vierjährige von einem Verwandten sexuell missbraucht worden sei, wird von ihrer Mutter, Elizabeth Dean, andeutungsweise bestätigt. Der Ehemann ihrer Schwester sei wegen Kindesmissbrauchs zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt worden. „Es war schlimm“, sagt Dean. „Ich ließ sie nie irgendwo anders außer im Haus meiner Schwester, und ich war am Boden zerstört, als ich das herausfand.“

Neigung zu Lüge

Gleichwohl scheint ihre Tochter zur Lüge zu neigen. In dem Interview behauptet Miranda Barbour, als sie während ihrer Zeit bei den Satanisten erstmals schwanger wurde, hätten ihre Kameraden sie ans Bett gefesselt, ihr Drogen eingeflößt und den Fötus getötet. So stellte sie es auch nach dieser angeblich erzwungen Abtreibung gegenüber ihrer Mutter dar. Doch Dean sagt, als sie mit Miranda zum Arzt gegangen sei, habe der keine Spuren einer abgebrochenen Schwangerschaft feststellen können. Bleibt zu hoffen, dass Miranda Barbour auch ihre angebliche Mordserie erfunden hat. Eine gewissenlose Mörderin scheint sie dennoch zu sein.