Ermittlungen

Letzte Hoffnung Gentest

Wie die Polizei die Ermittlungen im Fall Maria Bögerl doch noch zu einem Erfolg machen will

Es ist dramatisch, was alles schieflief im Fall Maria Bögerl: die verpatzte Geldübergabe im Mai 2010 nach Entführung der Bankiersgattin. Die falsche Verdächtigung des Ehemanns, der sich später erhängte. Die Telefonüberwachung der Bögerl-Kinder und ihrer Partner, die wegen eines peinlichen Ermittlungsfehlers unter Verdacht gerieten. Spuren wurden schlampig gesichert, ein Betrüger narrte monatelang die Fahnder mit gefälschten Beweisen und erfundenen Tipps.

Alles, was missglücken konnte, ging also augenscheinlich daneben. Kein Wunder, dass die ziemlich geschrumpfte Sonderkommission „Flagge“ noch einmal die Zähne zusammenbeißen und allerletzte Reserven mobilisieren will. 10.000 verfolgte Spuren liefen bisher ins Leere. Doch an diesem Wochenende sind 3000 Männer zwischen 21 und 68 Jahren „eingeladen“ zu einer Art Hilfsaktion. Sie sollen freiwillig im baden-württembergischen Örtchen Neresheim auf einen Wattestab beißen, um daran eine Genspur zu hinterlassen. Aufgefordert sind jene Männer, die zur Zeit der Tat also über 18 und unter 65 Jahre alt waren und in Neresheim oder Umgebung wohnten.

Von dem DNA-Massentest erhofft sich die Polizei zumindest, ein paar ungeklärte Spuren zu deuten. In der Soko „Flagge“, die von 80 auf gut ein Dutzend Mitglieder reduziert wurde, dürfte aber kaum jemand auf einen direkten Erfolg hoffen. Es ist schier undenkbar, dass der oder die Täter tatsächlich in der Härtsfeldschule von Neresheim auftauchen, brav den Personalausweis oder Reisepass in der Hand, um der Polizei ihren Speichel zu überlassen. Aber „je mehr Männer an der Reihenuntersuchung teilnehmen, desto kleiner wird die verbleibende Zahl. Hierdurch kann sich das Entdeckungsrisiko erhöhen“, appelliert die Polizei in einem Aufruf an das gute Gewissen und die Hilfsbereitschaft in der Region.

Im Kloster von Neresheim im Osten Baden-Württembergs, nicht weit von Bögerls Heimatstadt Heidenheim, war Mitte Mai 2010 der Mercedes der 54-Jährigen gefunden worden. Nur wenige Kilometer entfernt im Wald lag die Leiche. Die Kinder von Bögerl schimpfen, die Polizei hätte die Frau bei ihrer Suche übersehen. Doch das Gebiet, das in jenen Tagen nach der spektakulären Entführung durchkämmt werden musste, war riesengroß. Der Entführer hatte mit schwäbischem Zungenschlag 300.000 Euro Lösegeld verlangt, deponiert direkt an der Autobahn. Die Polizei konnte nach der wegen Verspätung gescheiterten Übergabe nur mutmaßen, in welche Richtung und wie weit sich der oder die Täter entfernt hatten.

Erst Spaziergänger fanden den leblosen Körper, und das drei Wochen nach der Tat. Das mögliche Tatmesser, das Hunderte von Polizisten auf Knien robbend in einem Tümpel suchten, blieb verschollen. Dafür tauchten Maria Bögerls Auto, ihr Handy und die Handschellen auf, mit denen sie vor ihrem Tod gefesselt war. Neben ihrem Auto wurden Zigarettenkippen von Selbstgedrehten der Marke Gizeh gefunden. Daran gab es sicher Genspuren. Aber wer will beweisen, dass dieser Raucher tatsächlich etwas mit der Entführung zu tun hatte?

Die Kriminaltechniker konnten laut Polizei „molekulargenetische Spuren, die von einer männlichen Person stammen“, sichern. Die Herkunft dieser Spuren ist noch unbekannt, obwohl Tausende von Tipps aus der Bevölkerung eingingen. Allein 3000 DNA-Proben wurden bereits untersucht. Aber die richtige war nicht darunter.

Ein DNA-Massentest muss genehmigt und durch konkrete Hinweise auf ein bestimmtes Gebiet oder eine Zielgruppe begründet werden. Warum die Ermittler sich ausgerechnet auf Neresheim konzentrieren, lassen sie bewusst offen. Nebulös formuliert der Staatsanwalt, es gebe „ausreichenden Anlass zu der Annahme, dass der oder die Täter in der Gesamtgemeinde Neresheim“ zu suchen seien. Zeitweise hatte es geheißen, des Verbrechens Lösung sei womöglich im Spielhallenmilieu zu suchen. Doch ob das noch gilt, ist unklar.

Verdächtige belauscht?

Der mittlerweile zu drei Jahren Haft verurteilte Betrüger mit seinen falschen Tipps behauptet noch heute, einen Satz in einer Spielhalle aufgeschnappt zu haben. Zwei Männer, die er als „Rumänen“ beschrieb, sollen sich zugeraunt haben: „Hast du die Sachen von der Frau Bögerl entsorgt?“ Es klingt nicht sehr überzeugend, dass sich zwei Osteuropäer auf Deutsch über einen Mord unterhalten, vor Zeugen und mitten in einer Spielhalle. Aber selbst in der Urteilsbegründung des Richters klang es an, als werde dem Mann geglaubt. Der Richter betonte, die Sache sei rechtzeitig aufgedeckt worden, sodass „keine Falschinformationen ins Ermittlungsbild eingewoben wurden“.

Tatsächlich liegt der Ort Herbrechtingen, in dem der Betrüger die Männer belauscht haben will, 30 Kilometer von Neresheim entfernt. Es muss also andere Hinweise auf einen möglichen Täter aus der Gegend geben. Aus dem Umfeld von Spielhallen oder Kneipen mit Spielautomaten sollen zuletzt noch einmal über 40 Hinweise eingegangen sein.