Missbrauchsverdacht

Bizarre Familienverhältnisse

Hat Woody Allen seine Adoptivtochter missbraucht? Der Vorwurf ist heftig – und fast 22 Jahre alt

Es ist eine Geschichte, von der wir wohl nie erfahren werden, ob sie wahr ist. Woody Allen soll 1992 seine damals sieben Jahre alte Adoptivtochter Dylan Farrow missbraucht haben. Und es ist ein schmutziger Grabenkrieg. Für die einen ist klar, dass Woody Allen es getan hat und ein kranker Mensch ist. Für die anderen ist alles nur ein Schachzug einer betrogenen Frau: Mia Farrow, die lange mit Woody Allen zusammen war, soll ihre Adoptivtochter Dylan benutzt haben. Allens Anwalt Elkan Abramowitz sagt es so: „Sie war eine Schachfigur in einem riesigen Kampf zwischen ihm und Mia Farrow, und die Idee, dass sie belästigt worden sei, ist ihr von ihrer Mutter eingepflanzt worden.“ Woody Allen selbst nennt die Vorwürfe „unwahr und erbärmlich“.

In diese Richtung geht auch die Aussage von Adoptivsohn Moses Farrow: „Meine Mutter hat mir eingetrichtert, meinen Vater dafür zu hassen, dass er unsere Familie auseinandergerissen und meine Schwester sexuell belästigt hat.“ Der 38-Jährige sagt auch: „Natürlich hat Woody meine Schwester nicht belästigt.“ Mia Farrow kontert: Moses’ Äußerungen seien ein „Verrat“.

Es ist ein Wirrwarr um drei Frauen und einen Mann – und ohne den schwerwiegenden Vorwurf der Pädophilie könnte man glauben, man sei in einem Woody-Allen-Film gelandet. Deshalb sollte man die handelnden Personen dieser Familiengeschichte vorstellen: Da wäre erstens Mia Farrow, heute 68 Jahre alt, Schauspielerin, bekannt zum Beispiel aus der „Gatsby“-Verfilmung mit Robert Redford. Sie war mit Woody Allen liiert, spielte in den 80er-Jahren, also vor dem großen Krach, auch in manchen seiner Filme mit, etwa in „Hannah und ihre Schwestern“ oder „Eine Sommernachts-Sexkomödie“.

Adoptivtochter Dylan Farrow ist heute 28 Jahre alt. Sie schrieb in einem offenen Brief, der vor Kurzem in der „New York Times“ gedruckt wurde, sie sei mit Allen im Speicher des Ferienhauses ihrer Adoptivmutter in Connecticut gewesen, da habe er sie sexuell missbraucht.

Dann ist da noch eine weitere Adoptivtochter: Soon-Yi Previn hat gewissermaßen großen Anteil daran, dass es zwischen Woody Allen und Mia Farrow krachte. Im Januar 1992 war das Paar seit mehr als einem Jahrzehnt liiert, lebte jedoch getrennt auf verschiedenen Seiten des Central Parks in New York. Sie besuchte ihn – und sah auf seinem Kaminsims Aktfotos von Soon-Yi Previn, auch eine Adoptivtochter von Mia Farrow, damals 21 Jahre alt. Es folgte die Trennung, dann ein langer, harter Sorgerechtsstreit, den Allen verlor. Der Oberste Richter begründete das unter anderem damit, dass Woody Allen ein ungeeigneter, verantwortungsloser und selbstverliebter Vater sei. Ob Allen allerdings tatsächlich seine Adoptivtochter Dylan missbraucht habe, könne er nicht sagen. Er verhängte lediglich ein Kontaktverbot von mindestens sechs Monaten. Der federführende Arzt hatte zuvor unter Eid ausgesagt, dass Dylan den Missbrauch entweder erfunden habe–oder dass dieser ihr von ihrer Mutter eingeredet worden sei. Woody Allen und Soon-Yi Previn heirateten 1997 in Venedig, adoptierten später zwei Mädchen. Sie leben bis heute zusammen in New York.

Zum Schluss Woody Allen, der gefeierte, kauzige, spleenige Regisseur. Seit den 60er-Jahren dreht er seine ganz eigene Art von Filmen. Der 78-Jährige scheint nicht zu altern, jedenfalls hat man noch nie einen Menschen gesehen, der sich über Jahrzehnte so wenig verändert hat. Er bekam bisher vier Oscars, unter anderem als bester Regisseur für „Der Stadtneurotiker“. Im Januar erhielt er den Golden Globe für sein Lebenswerk. Sein aktueller Film „Blue Jasmine“ erfreut Kritiker und Zuschauer, Cate Blanchett ist für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert, Sally Hawkins, die im Film ihre zum Schreien ungleiche Schwester spielt, könnte beste Nebendarstellerin werden.

Sohn von Frank Sinatra?

In New York gibt es viele Menschen, die glauben, dass Mia Farrow den Zeitpunkt kurz vor den Oscars nutzen wollte, um Woody Allen mit dem harten Vorwurf des Kindesmissbrauchs zu vernichten. So schrieb sie auf Twitter, nachdem er den Golden Globe für sein Lebenswerk bekommen hatte: „Leider die Eloge auf Woody Allen verpasst – kam die Stelle, wo eine Frau öffentlich bestätigt, dass er sie als Siebenjährige belästigt hat, vor oder nach ,Stadtneurotiker‘?“

In diesen bizarren Familienverhältnissen geht gerade völlig unter, dass auch Mia Farrow wohl nicht monogam war. Das einzige leibliche Kind, das sie mit Allen hat, soll in Wahrheit von Frank Sinatra stammen. Als sie im Oktober mit dem Gerücht konfrontiert wurde, sagte sie nur: „Possibly.“ Möglicherweise.