Kriminalität

Die Katze im Sack

Tausende Tiere sollen jährlich bösen Fängern in die Hände fallen. Beweise gibt es keine

Es geschieht immer wieder. Zum Beispiel in Diez an der Lahn. Um 23.30 Uhr musste eine Anwohnerin der Oraniensteiner Straße mitansehen, wie vor dem Haus ihre Katze von zwei Männern am Kragen gepackt wurde. Die entsetzte Frau schrie um Hilfe, die Männer ließen vom Tier ab, stiegen in ihr Auto und fuhren davon. Ein weißer Lieferwagen war es, ohne Firmenaufschrift. Die Katzenbesitzerin hatte scheinbar genau hingeschaut, im Auto „mehrere mittelgroße Gitterboxen“ ausgemacht. Die Männer seien groß gewesen, „beide sprachen eine osteuropäische Sprache“. So hat die Frau es jedenfalls der „Nassauischen Neuen Presse“ erzählt.

Die Katzenräuber gehen um, überall und nirgends sieht man sie. Greifbar sind sie nicht, seit Jahrzehnten hat man so gut wie keinen dingfest gemacht. Umso mehr häufen sich in letzter Zeit Meldungen, in Lokalblättern, Boulevardzeitungen und in der Regenbogenpresse. Ein Vielfaches davon steht im Internet, nachzulesen bei Haustierdiebstahl.de, Tigerfreund.de, forum.tier.tv, verschwundene-haustiere.de, agtiere.de. Was auffällt: Die Meldungen sind meist austauschbar, nur der Ort wechselt. Der böse Verdacht: Die Tierversuchsindustrie steckt hinter den Katzenräubern, international aufgestellt, mafiös. Natürlich auch die Hersteller von Katzenfelldecken, sei es in China oder sonst wo.

Doch ebenfalls auf der Piste sind regelmäßig wackere Bürger, meist Frauen im Alter zwischen 45 und 65 Jahren. Hunderte, wenn nicht Tausende Katzenbesitzerinnen allesamt. Sie schauen nach weißen Lieferwagen, beobachten nur scheinbar harmlose Zeitgenossen, die nur scheinbar zufällig auf Wertstoffsäcke blicken – in Wahrheit aber den Verpackungsmüll auf leere Futterdosen inspizieren. Dutzende Bürgerinitiativen und Interessengemeinschaften, Internetforen, Chatklubs haben sich gegründet. Man macht sich die Mühe, Buch zu führen, in welchen Postleitzahlbezirken Katzenfänger „gesichtet“ wurden. Allein im Sommer 2010 betraf es jeden neunten Bezirk in Deutschland, lernen wir bei „Marions Wunderland“.

„Die Szene ist heillos zerstritten“, seufzt eine Aktivistin. „IG Katzenklau nicht identisch mit IG Katzenfreunde gegen Katzenklau“, grenzt sich der eine Verband auf seiner Website vom anderen ab. „Wir distanzieren uns von Form, Inhalt und Vorgehensweise dieser Veröffentlichungen.“ Birgit Stübner ist Sprecherin der „Katzenfreunde“ mit Sitz in Leverkusen, Betreiberin der Website katzenfreunde-gegen-katzenklau.de. Überall werden einschlägige Vorkommnisse – zum Beispiel langsam fahrende weiße Lieferwagen – beobachtet und die Beobachtungen gesammelt. Auf ihrer Homepage wirbt Stübner für Vernunft bei der Öffentlichkeitsarbeit, weist allzu eigenmächtige Aktivistinnen in die Schranken. „Panikmache“ durch „Wichtigtuer“ schade nur, leiste der Behauptung Vorschub, all das sei nur ein Märchen, eine „Urban Legend“.

Beweise oder überführte Täter habe man keine zur Hand, heißt es aus der Szene der Katzenschützer.

Die Schätzungen, wie viele Katzen jährlich vermisst werden, gehen weit auseinander. Katzenschützer sprechen von 200.000 bis 300.000 Tieren. Laut Statistischem Bundesamt leben in Deutschland zwölf Millionen Hauskatzen. Ein Viertel davon sind bei dem Haustierregister „Tasso“ gemeldet, kenntlich durch eine tätowierte Nummer im Ohr. Von ihnen wurden 2013 etwa 60.000 als vermisst gemeldet. Jede zweite kehrte dank Tassos Vermittlung zurück. Von der restlichen Hälfte überlegten es sich 18.000 Ausreißer irgendwann von sich aus anders und standen wieder vor der Terrassentür. Endgültig vermisst blieben von den Tasso-Katzen 12.000 Tiere. Rechnen wir die Anzahl der registrierten Tiere auf die Gesamtzahl hoch, dürften also knapp 50.000 Katzen pro Jahr endgültig verschwinden.

Tasso-Sprecherin Marie-Christin Gronau nennt mehrere Gründe. Die meisten entlaufenen Tiere werden wohl überfahren und beseitigt, ohne dass der Halter davon etwas mitbekommt. Jäger haben das Recht und werden von Vogelschützern aufgefordert, außerhalb von Wohngebieten streunende Katzen zu erlegen, steht die Art doch ihrerseits im Verdacht, jedes Jahr 200 Millionen Singvögel, Fasanenküken und andere zu töten. Viele der als vermisst gemeldeten Katzen verlassen ihr Heim aus freien Stücken. Kater auf Freierspfoten sind sowieso regelmäßig für Monate unterwegs.

Nie Beweise gefunden

„Bisher haben wir trotz vielfältiger Hinweise nie konkrete Beobachtungen oder gar gerichtsverwertbare Beweise für kriminelle Handlungen erhalten, sei es von Tierfängern oder von Tierversuchslaboren“, sagt der Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes, Marius Tünte. Alle Recherchen von Tierfreunden hätten keine Anhaltspunkte ergeben, die eine Verfolgung durch die Polizei ermöglicht hätten.

Auch die Rechtslage in Europa lässt keinen vernünftigen Anlass erkennen, auf Katzenfang zu gehen. Laut europäischer Verordnung und deutschem Tierschutzgesetz müssen seit Jahrzehnten sämtliche Versuchstiere für Forschungslabore aus registrierten Zuchten kommen. Aus Tierschutzgründen, aber auch, um die Forschungsergebnisse nachvollziehbar zu machen. Irgendwelche Hauskatzen würden die Forschungslinien unbrauchbar machen.