Winter

Im Zentrum des Jahrhundertschnees

Eine Berlinerin fährt mit Familie nach Kärnten - doch die Ski-Ferien verlaufen anders als geplant

Das Wetter in Europa spielt verrückt: In Berlin wird es wieder wärmer, in Österreich fällt der Schnee dafür meterhoch. Unsere Redakteurin ist nach Kärnten gefahren, es sollte ein schöner Ski-Urlaub werden. Doch es kam alles anders:

Winterferien. Endlich! Am Freitagvormittag, gleich nach der Zeugnisvergabe, fahren wir los in den Skiurlaub. Unser Ziel: Guggenberg, unser Ferienhaus in 1200 Metern Höhe, oberhalb von Hermagor, Kärnten.

Kärnten, die Sonnenseite der Alpen. Normalerweise. Kurz nach Hof erreicht uns die Hiobsbotschaft: nichts geht mehr. Anderthalb Meter Neuschnee, der Bahnverkehr eingestellt, auf der Tauernautobahn geht es kaum voran, die Straße nach Guggenberg nicht befahrbar.

Was nun? Wieder zurück in den grauen Berliner Winter? Ein Blick auf die Rückbank: Drei Ski-begeisterte Kinder schütteln den Kopf. Also weiterfahren. Kann doch nicht so schlimm sein, immerhin kennen sich die Österreicher doch aus mit Winter – im Gegensatz zu vielen Berlinern. Und wir haben ja auch Allrad. Die Fahrt geht schnell voran, kein Stau, bestes Reisewetter, Temperaturen über Null, die Sonne zeigt sich auch. Kaum zu glauben, dass in Kärnten Ausnahmezustand herrscht.

Gutes Wetter selbst noch im Salzburger Land. Aber dann die Meldung im Radio: Der Sender Ö3 meldet, die Tauernautobahn ist komplett gesperrt. Unsere Reise endet an diesem Abend 20 Kilometer vor der Kärntner Landesgrenze. Kilometerlang vorher stehen schon die Lkw Schlange. Die Autobahn ist für sie gesperrt. Das Rote Kreuz versorgt die Fahrer mit Decken, Würstchen und Tee. Keine Schneeflocke am Himmel, das Szenario wirkt unwirklich, gespenstisch.

Am nächsten Morgen herrschen über den Nordalpen Föhn und frühlingshafte Temperaturen bis zu 15 Grad. Ich halte mein Gesicht in die Sonne – es wird für die nächsten Tage wohl das letzte Mal sein, dass ich sie sehe. Auf der Autobahn sind die Laster verschwunden. Überhaupt kaum ein Auto Richtung Kärnten. Es geht hinein in den sechs Kilometer langen Katschbergtunnel. Er trennt das Salzburger Land von Kärnten. Dahinter Regen. Rechts und links liegt der Schnee meterhoch. Im Radio gibt es Meldungen über Schneelawinen und verschüttete Menschen, Autos, Häuser. In Hermagor schneit es wieder. Wir sind im Zentrum des Schneechaos’. Auf der Straße zum Guggenberg biegen sich die Bäume von den Schneemassen. Aber man kommt hoch. Die Schneefräse hat die Straße passierbar gemacht. Doch die Auffahrt gerät zum schlingernden Abenteuer.

Endlich sind wir angekommen, im Ferienhaus. Aber wo ist der Eingang? Wir müssen uns erst einmal durch eine zwei Meter hohe Schneewand graben. Schneeschaufeln statt Skifahren. Aber das Skigebiet Nassfeld gegenüber ist an diesem Tag ohnehin wegen höchster Lawinengefahr gesperrt. Das Haus hat keinen Strom. Zum Glück sind Kerzen da, wir machen den Kachelofen an. Später gibt es Strom. Draußen schneit es weiter. Am Sonntagmorgen ist ein halber Meter Neuschnee gefallen. Warten auf das Schneeräumfahrzeug. Jubel, als es sich endlich die Straße hinaufschiebt. Der Bauer nebenan erzählt, dass dies ein Jahrhundertschnee sei. Wenn er das sagt, dann muss es stimmen. Der Bauer ist hier groß geworden, er hat schon viel in seinem Leben gesehen, sogar einen Bären. Auf zwei Meter Entfernung. Aber so viel Schnee?

Am Vormittag werden die Hälfte der Lifte am Nassfeld freigegeben. Also runter ins Tal und rauf auf die Piste. Zehn Kilometer trennen uns von der Talstation. Die ersten drei Kilometer geht alles gut. Dann endet die Fahrt. Eine Fichte hat der Schneelast nicht standgehalten. Mit vereinten Kräften schieben wir den Baum von der Straße. Die kämpferische Stimmung hält an. 200 Meter weiter die nächste Fichte. Ein größeres Exemplar. Dahinter blockiert ein dicker Baumstamm die Fahrbahn. Also zurück.

Der Bauer nebenan informiert die Straßenmeisterei. Der Schneepflug, selbstverständlich ausgerüstet mit Motorsäge, macht sich gleich auf den Weg. Eine Stunde später dann das endgültige Ski-Aus: 20 Baumstämme liegen auf der Straße und viele Bäume zeigen gefährliche Schräglage. Die Straße wird gesperrt. Wir sitzen fest. Strom gibt es auch nicht.

Hilfe kommt mal wieder vom Bauern nebenan. Er ist völlig gelassen. Strom? Klar findet er den praktisch, aber es geht auch ohne. Man wird sich doch nicht von so ein bisschen Elektrik abhängig machen. Für uns hat er einen Gaskocher, damit wir unser letztes Nudelpäckchen kochen können. Er hat natürlich schon gegessen, als der Strom da war.