Gedenken

Der Mann, der fliegen konnte

Der österreichische Oscar-Preisträger Maximilian Schell stirbt im Alter von 83 Jahren

Das klassische Hollywoodkino der Kriegsjahre und die Amerikaner insgesamt glaubten, die Deutschen des Dritten Reichs seien fast allesamt Opfer einer Clique machtbesessener Offiziere.

Die tragische Ironie im Künstlerleben des Maximilian Schell bestand darin, eben diese Führerfiguren – den eitlen, kalten, eleganten Sadisten in schneidiger Uniform – immer und immer wieder spielen zu müssen, obwohl seine Familie unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs ans großdeutsche Reich aus der Wiener Heimat in die Schweiz floh.

Gleich sein erster Auftritt in Hollywood – an der Seite von Marlon Brando und Montgomery Clift, 1958 in Edward Dmytryks „Die jungen Löwen“ – gab die Vorlage für die kommenden Jahre. Schell spielt darin einen bis zur Skrupellosigkeit gehorsamen Sturmbannführer, dem mit Marlon Brando ein von Zweifeln geplagter Hauptmann gegenübersteht. Bei dieser Konstellation – gewissenloser Nazi-Scherge, gespielt von einem „Deutschen“ gegen anständigen Subalternen, gespielt von einem amerikanischen Star – ist es dann lange geblieben.

Noch in Sam Peckinpahs „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ (1977) steht Schell als krankhaft ehrgeiziger, wohlhabender und siegesgewisser Offizier dem menschlichen Leutnant Steiner gegenüber, der nicht nur seine Truppe um jeden Preis – auch den des ostentativen Rückzugs – über den Krieg retten will, sondern auch einen kleinen russischen Jungen schützt, solange es irgend geht.

Gruselig-beeindruckend ist Schell dabei vor allem in leisen Szenen: Er beginnt im Plauderton ein Gespräch mit zwei Soldaten, die er zuvor im Rasierspiegel beim Austausch von Zärtlichkeiten beobachtet hat. Lachend und harmlos verwickelt er die beiden Soldaten in ein Gespräch über Frauen, Frankreich und Frontabenteuer, um schließlich mit schneidender Stimme auf einen von beiden loszugehen und ihm eine Denunziation seines Freundes abzupressen („geben Sie zu, er hat gerade gesagt, man könne ohne Frauen auskommen“, „lauter“, „LAUTER!!“). Das Gespräch endet mit der Ankündigung, er werde die beiden hängen lassen, ganz langsam. Man glaubt ihm aufs Wort.

Zwar blieb Schells unermüdlicher Einsatz in diesem Rollenfach nicht ohne Dank – für seinen Auftritt als Strafverteidiger in „Das Urteil von Nürnberg“ (1961) an der Seite der anderen „Deutschen wider Willen“ – Marlene Dietrich – bekam er den Golden Globe, den New York Film Critics Award und schließlich sogar den Oscar –, dennoch wurde es ihm irgendwann zu eintönig. Zwar spielte Schell paradoxerweise oft auch dann noch Nazis, wenn von Nazis offiziell gar keine Rede war (als verrückter Wissenschaftler in einem Science-Fiction-Film von Disney zum Beispiel), aber seit dem Ende der 60er-Jahre versuchte er hartnäckig, seinem Künstlerleben eine andere Richtung zu geben.

Er produzierte eine Kafka-Verfilmung, verfilmte selbst eine Romanze von Turgenjew und machte Furore mit seinem Dietrich-Porträt „Marlene“ (1984), dessen filmische Avanciertheit nicht zuletzt dadurch zustande kam, dass die launische Kollegin sich im letzten Moment weigerte, sich filmen zu lassen (aber gnädigerweise ein Tonband zuließ). Statt des typischen Frage-Antwort-Spiels bei Tisch hinter gefülltem Weinglas wurde sie durch Scherenschnitte, Schatten und Silhouetten präsent gehalten.

Man kann es sich nicht so ohne Weiteres vorstellen, aber die Wiener Schauspieler-Familie vermochte bis zuletzt beides: die enge Verbindungen zum Almhäuschen zu halten und auf dem internationalen Parkett zurechtzukommen. Das ging jahrzehntelang gut. Auch als Maximilian Schell sich um seine demente Schwester kümmerte, die 2005 verstorbene Maria Schell. Und als er 1985 in Moskau die russische Schauspielerin Natalja Andreitschenko heiratete und mit ihr zwei Kinder bekam. Mit ihnen lebte er in Beverly Hills zwischen Mozartbüsten und persischen Miniaturen.

Dann aber holte ihn die Postmoderne ein: 1994 ereilten ihn gleich zwei Anzeigen wegen sexueller Belästigung. Schell verteidigte sich mit einer ganzseitigen Anzeige: „Lebt wohl, Frauen! Unsere Gesellschaft lässt es nicht mehr zu, euch zu bewundern, mit euch zu flirten, das älteste Spiel der Welt mit euch zu spielen.“ Schells Ehe mit Natalja Andreitschenko wurde 2005 geschieden. Im reifen Alter von 82 Jahren heiratete er im August vergangenen Jahres die fast fünfzig Jahre jüngere deutsch-kroatische Opern-, Operetten-, Musical- und Konzertsängerin Iva Mihanovic.

In vielen Künsten zu Hause

So eng das Rollenkorsett seiner frühen Jahre gewesen sein mag, der späte Maximilian Schell war in vielen Künsten zu Hause: Er malte, sprach fürs Fernsehen, er schrieb. 2012 erschien seine Biografie mit dem sprechenden Titel „Ich fliege über dunkle Täler“. Dabei bezieht er sich auf einen wiederkehrenden Alptraum als Kind: Er flüchtet bis es auf einem Balkon nicht mehr weitergeht. Da fällt ihm ein: „Ich kann ja fliegen“. Er stößt sich ab und gleitet davon. Maria Schell widmete er 2002 den berührenden Film „Meine Schwester Maria“, aus heutiger Perspektive eine der frühen und deshalb umso notwendigeren Auseinandersetzungen mit dem Thema Demenz.

Auch der alte Maximilian Schell blieb dem Raum zwischen Heimat und Ruhm verhaftet. Er lebte in Los Angeles und auf dem Berghof in Kärnten, dem alten Familiensitz. In der Nacht zu Sonnabend ist er im Alter von 83 Jahren nach einer plötzlichen und schweren Erkrankung in Innsbruck gestorben.