Krebserkrankung

Henning Mankell: „Meine Angst ist sehr groß“

Schwedischer Krimi-Autor hat Tumor in Nacken und Lunge – und schreibt darüber

Henning Mankell ist einer, der sich nicht auf seinem Erfolg ausruht. Er kämpft, er lässt die Welt nicht wegschauen, wenn es um Armut, Frauenhandel und Unterdrückung geht. Nun rückt sein eigenes Leiden plötzlich in den Fokus. Am Mittwoch, wenige Tage vor seinem 66. Geburtstag, gab Mankell auf seiner Webseite und in einer schwedischen Zeitung bekannt, dass er an Krebs erkrankt ist. In einer unregelmäßigen Kolumne in der „Göteborgs Posten“ will er nun von seinem Kampf gegen den Tumor berichten (siehe Kasten).

Mankell ist nicht der erste Schriftsteller, der seinen Umgang mit der Krankheit öffentlich schildert. Als der deutsche Bestsellerautor Wolfgang Herrndorf 2010 die tödliche Diagnose Hirntumor bekam, startete er einen Blog, in dem er den Verlauf der Krankheit, seine Wut, seine Todesangst und seine Verzweiflung schilderte. Über sein Ende entschied Herrndorf selbst: Am 26. August 2013 erschoss sich der Autor des Erfolgsromans „Tschick“ nach einem letzten aussichtslosen Befund. Sein Blog erschien ein halbes Jahr später als Buch („Arbeit und Struktur“) und wurde als Anstoß zu einer sehr mutigen Auseinandersetzung mit dem Tod gewürdigt.

Auch der 2010 gestorbene Theaterregisseur Christoph Schlingensief wollte nicht alles in sich hineinfressen. Er schrieb ein Krebstagebuch und ließ den Leser an dem Wechselbad seiner Gefühle teilhaben. Er schrieb von Selbstzweifeln, nicht richtig gelebt zu haben und der Auflehnung gegen „diese Bestrafung“. Und er thematisierte seine Krankheit auf der Bühne.

Auch Henning Mankell will sich mit seinem Schmerz nicht ins Private zurückziehen. Er habe sich früh entschieden, darüber zu schreiben, heißt es auf seiner Webseite. „Weil es sich um Schmerzen und Leiden handelt, die so viele Menschen treffen.“ Er wolle schreiben, wie es ist. Aber aus der Perspektive des Lebens, nicht des Todes. Dieses Engagement, das eigene Befinden in den Dienst einer „höheren“ Sache zu stellen, ist in gewisser Weise typisch für Mankell. 2010 reiste der Autor mit der „Gaza-Hilfsflotte“ in Richtung Palästina, wobei mehrere Aktivisten von israelischen Soldaten getötet wurden. Er selbst war tagelang inhaftiert. Vor einem Jahr war er beim Weltwirtschaftsforum in Davos, „um die zu repräsentieren, die nicht hier sein können.“

Mankell nutzt die Popularität, die ihm seine Wallander-Romane eingebracht haben, um auf – wie er meint – wichtigere Themen aufmerksam zu machen: etwa die Bekämpfung von Analphabetismus und Aids oder der Frauenhandel. „Ich bin Realist“, sagte Mankell Ende letzten Jahres in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Optimismus, Pessimismus – das sei ihm scheißegal. „Das sind nur Gefühle. Ich versuche aber, mein Hirn zu benutzen.“

Ein besonderes Anliegen sind ihm Afrika, dessen Kolonialgeschichte und die heutigen Lebensverhältnisse. Den größten Teil des Jahres lebt der Autor in Mosambik. Im Jahr 1985 baute er in der Hauptstadt Maputo das „Teatro Avenida“ auf. Dieses gilt als einziges professionelles Theater des Landes. Bei manchen Stücken führt er selbst Regie.

In Afrika spielen auch einige seiner – weniger bekannten – Romane. „Der Chronist der Winde“ beispielsweise handelt von afrikanischen Straßenkindern und Kindersoldaten. Motive aus diesem Roman waren Grundlage des ZDF-Zweiteilers „Mein Herz schlägt in Afrika“ von 2009. In „Die rote Antilope“ erzählt Mankell, wie ein Forschungsreisender gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen verwaisten einheimischen Jungen mit nach Schweden nimmt – was tragisch endet. Mankells Afrika-Romane sind feinfühlige, aber auch düstere Texte. Schreckliche Umstände schönzuschreiben ist seine Sache nicht. Das zeigt auch seine jetzt begonnene Krebs-Kolumne.