Vater

Nachrichten gegen die Vergänglichkeit

Ein krebskranker Vater schickt seiner Tochter täglich eine Botschaft – über seinen Tod hinaus

Als Garth Callaghan seiner Tochter Emma das erste Mal eine kurze Notiz auf eine weiße Papierserviette schrieb und sie in ihre Plastikbox mit dem Pausenbrot legte, war die Kleine gerade fünf Jahre alt. Emma war noch im Kindergarten und konnte kaum lesen.

„Damit sie mich auch verstand, habe ich ihr damals meistens ein Bild gemalt mit Sternen oder Herzen“, erinnert sich der 44 Jahre alte Vater aus Glen Allen, einer Kleinstadt in Virginia, zwei Autostunden südlich von Washington. Und dazu einfache Worte wie „Ich liebe dich“ oder „Ich vermisse dich“.

Knapp neun Jahre ist das jetzt her. Emma geht heute in die achte Klasse einer Mittelschule, ist 14 Jahre alt und die kleinen, täglichen Botschaften sind längst zu einem Ritual geworden, auf das die Teenagerin nicht mehr verzichten kann. Und auch nicht will.

„Ich fühle mich so mit meinem Vater auch während meiner Zeit in der Schule sehr verbunden“, sagt Emma, die am Anfang nur unregelmäßig Notizen fand. Seit der dritten Klasse jedoch habe ihr Vater ihr jeden Tag eine Botschaft in die Box gelegt. „Er hat keinen Tag dabei verpasst“, sagt auch Emmas Mutter Lissa.

Mittlerweile schreibt Callaghan aber nicht nur eine Botschaft pro Tag für seine Tochter, sondern viele. Der Marketing-Manager arbeitet sozusagen für die Zukunft und hebt die Notizen auf. Denn Callaghan ist an Krebs erkrankt. Vermutlich hat er nicht mehr lange zu leben. Und er hat seiner einzigen Tochter ein Versprechen gegeben, das er auf keinem Fall brechen will: Bis zu ihrem Schulabschluss nach der 12. Klasse soll sie jeden Tag eine Notiz von ihrem Vater bekommen wird. Und das ganz egal, was bis dahin passiert.

Callaghan kämpft seit November 2011 gegen die tödliche Krankheit. Damals fand sein Hausarzt bei einer Routineuntersuchung einen Tumor an seiner Niere. Obwohl man die bösartige Wucherung erfolgreich entfernen konnte, kam die Krankheit zurück. Heute ist auch seine Prostata von Krebszellen befallen. „Meine Ärzte sagen, dass ich daran am Ende sterben werde“, schreibt Callaghan auf seiner Facebook-Seite. „Meine Chance, die kommenden fünf Jahre zu überleben, liegen bei nur acht Prozent.“

Insgesamt 826 Botschaften, so kündigte er in der vergangenen Woche auf Facebook an, will er dafür schreiben. Für jeden verbleibenden Schultag von Emma eine. Dabei will er ihr, so lange er kann, auch weiterhin jeden Tag aktuell eine neue Botschaft zum Pausenbrot mitgeben. Die vorgeschriebenen Notizen bleiben vorerst noch in seinem Schreibtisch und dienen nur als Ersatz.

„Vergiss niemals, wie toll Du bist“

„Das ist keine Geschichte über den Krebs“, sagt Callaghan in einem Interview mit dem US-Morgenmagzin „Today“ über sein Versprechen an seine Tochter. Jeder Vater, jede Mutter kann jeden Tag bei einem Unfall sterben oder an einem Herzinfarkt. „Ich will meiner Tochter etwas hinterlassen, damit sie etwas über meine Lebensphilosophie erfährt und darüber, wie sehr ich sie liebe.“

Auf die Idee, sein Versprechen auch nach seinem möglichen Tod einhalten zu können, brachte ihn dabei die Gruppe „Because I said I would. Das Motto der gemeinnützigen Organisation: „Ein Versprechen gegeben. Ein Versprechen gehalten.“ Als er das gelesen hatte, habe er gedacht, dass er seine Botschaften auch im Voraus schreiben könne. „Wenn etwas Schlimmes mit mir passiert, sind die Notizen bereits fertig und ich habe mein Versprechen gehalten.“

„Ich versuche immer, bis zur Mittagspause nicht in meine Essensbox zu schauen“, sagt Tochter Emma der Zeitung „Times Dispatch“ über die tägliche Freude, eine Botschaft ihres Vaters zu finden. „Manchmal jedoch halte ich es nicht mehr aus und werfe schon früher einen Blick darauf.“ Auch ihre Freunde in der Schule würde sie schon am Morgen drängen. Sie wollen wissen, was denn ihr Vater heute geschrieben habe.

Die kurzen Notizen sind oft wie Briefe aufgebaut und fangen mit „meine liebe Emma“ an und enden mit „Love Dad“. Manchmal sind es aufmunternde Worte wie „vergiss niemals, wie toll du bist“, „bleibe wie du bist“, „glaube an dich“ oder Sätze wie: „Auch wenn das Universum es Milliarden von Jahren versuchen würde, eine Kopie von dir würde es nie hinbekommen.“ Manchmal übernimmt Callaghan auch einen Satz von bekannten Menschen wie Mahatma Gandhi, Audrey Hepburn oder Eleanor Roosevelt.

Callaghan, der viele Anfragen von anderen Eltern bekommt, die seine Notizen lesen wollen, hat mittlerweile unter dem Titel „Napkin Notes“ (www.napkinnotesdad.com; Napkin ist Englisch für Serviette) einige Botschaften veröffentlicht. „Jeder kann sich darauf bedienen, wenn er einen netten Satz für den Tag sucht.“ Auch ein Buch plant er. Es soll in erster Linie eine Hinterlassenschaft an seine Tochter sein. „Möglicherweise ist es das Letzte, was sie von mir hat.“

„Als mein Vater so krank wurde, habe ich mir große Sorgen um ihn gemacht“, sagt Emma. „Ich fühle mich ihm durch die Botschaften sehr nah. Sie sind ein Teil von ihm.“ Ihre Lieblingsbotschaften hebt sie auf. Meistens jedenfalls. Manchmal gebraucht sie die Servietten auch einfach als das, für das sie eigentlich gedacht sind – zum Mundabwischen.