Interview

„Ich will eine gute Mama sein“

Magdalena Neuner war der Star der Biathlon-Szene. Jetzt stellt sie sich anderen Herausforderungen

Früher, da schuftete Magdalena Neuner um 9 Uhr morgens längst für den nächsten großen Sieg im Biathlon. Mit Erfolg. Sie krönte sich in ihrer Karriere mit zwölf Titeln zur Rekordweltmeisterin und war mit zwei olympischen Goldmedaillen 2010 in Vancouver einer der Stars der Spiele. Heute ist ihr Leben ein anderes. Nach ihrem letzten Weltcuprennen im März 2012 hat die heute 26-Jährige den Sport zur Nebensache degradiert, harte Trainingseinheiten stehen morgens nicht mehr auf ihrem Programm. Die Sponsoren blieben ihr dennoch treu – Neuner arbeitet mit insgesamt 14 Partnern zusammen. Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi wird die einstige Erfolgsgarantin nun als TV-Expertin und Zuschauerin an der Strecke stehen – mit kleinem Babybauch. Denn im Frühjahr erwartet Neuner ihr erstes Kind. Melanie Haack erreichte sie telefonisch morgens um 9 Uhr zu Hause in Wallgau.

Berliner Morgenpost:

Frau Neuner, wann klingelte heute der Wecker?

Magdalena Neuner:

Ich bin um 7.30 Uhr aufgestanden, habe gemütlich gefrühstückt, ein bisschen geputzt, den Haushalt gemacht und werde am Nachmittag zum Langlauf gehen.

Sie machen Langlauf – ein gutes Zeichen, oder? Am Anfang Ihrer Schwangerschaft sollen Sie sich nicht so gut gefühlt haben.

Mittlerweile fühle ich mich sehr gut, Gott sei Dank. In den ersten viereinhalb bis fünf Monaten ging es mir schlecht, mir war jeden Tag übel, und ich war die ganze Zeit erkältet. Es war kein guter Start in die Schwangerschaft, aber dafür kann ich es jetzt umso mehr genießen – ich kann alles machen und freue mich auch auf die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Das wird vorerst das letzte Mal sein, dass ich ganz alleine so eine große und besondere Reise machen werde. Ich werde die Spiele sehr genießen.

Wie reagieren Ihre eigenen Fans mittlerweile auf Sie? Nach der Bekanntgabe Ihres Rücktritts waren die Überraschung und auch das Unverständnis bei einigen groß.

Ich glaube, mittlerweile haben es alle respektiert und akzeptiert, aber verstehen können es einige immer noch nicht. Sie sagen mir: „Das ist ja schön und gut, aber warum haben Sie denn so früh aufgehört?“ Die meisten können es jedoch nachvollziehen und freuen sich für mich. Ich habe so viel Glückwunschpost bekommen, als bekannt wurde, dass ich ein Baby bekomme – das hat mich sehr gefreut. Viele schreiben: „Es ist zwar schade, dass Sie kein Biathlon mehr betreiben, aber wir wünschen Ihnen alles Gute und freuen uns sehr mit Ihnen.“

Sie haben oft gesagt, dass Sie schnell Abstand gewinnen konnten. Warum ist es Ihnen so leichtgefallen?

Ich denke, das ist auch eine Typ-Sache. Ich habe mich mit vielen anderen Sportlern unterhalten, die später oder in ihren Augen zu spät aufgehört haben. Sie sagten, das Karriereende sei auch eine Überwindung. Manche trauen sich vielleicht nicht zu sagen: Ich höre auf. Ich glaube, mein Umfeld ist auch ein bisschen schuld daran, dass es bei mir so problemlos und schnell geklappt hat. Bei jeder Entscheidung standen viele Menschen hinter mir. Außerdem arbeite ich seit Jahren sehr intensiv mit einem Mentaltrainer zusammen. Mit ihm habe ich das Karriereende gut vorbereitet.

Können Sie das genauer beschreiben?

Ich habe mich sehr mit dem Thema auseinandergesetzt und mich gefragt: Was kommt danach? Was sind meine nächsten Ziele? Es ist wichtig, sich nach dem Karriereende etwas vorzunehmen und nicht einfach zu sagen: „Na, mal sehen, was kommt.“ Du musst dich auf das, was kommt, freuen. Und das war bei mir so. Ich wollte immer früh Mama werden – mein Leben läuft genauso, wie ich es mir gewünscht habe. Ich habe überhaupt keinen Grund, in ein Loch zu fallen.

Und dennoch: In Sotschi wird alles anders sein für Sie – kein Kampf um Medaillen, kein Jubel über Siege, aber auch kein Druck. Kribbelt es auch jetzt, so kurz vor Olympia, nicht wenigstens ein kleines bisschen?

Nein, es kribbelt wirklich auch jetzt kein bisschen – das können viele gar nicht glauben. Ich vermisse nichts. Aber ich beschäftige mich natürlich durch die Schwangerschaft auch mit ganz anderen, sehr schönen Dingen. Na klar, es wäre auf der einen Seite schön, als Athletin bei Olympia dabei zu sein, aber ich weiß auch, was es bedeutet. Wie viel Arbeit es ist. Du fährst ja nicht einfach nur hin und holst deine Medaille ab. Dafür sind viele Jahre hartes Training nötig – das habe ich immer sehr gerne gemacht. Aber irgendwann ist der Punkt da, um zu sagen: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Ich habe physisch und psychisch alles ausgeschöpft, was ich aus mir herausholen konnte. Ich genieße es jetzt, für mich privat Sport machen zu können und bei Olympia einfach nur zuzuschauen.

Wir werden Sie in jedem Fall an der Biathlon-Strecke sehen, oder?

Auf jeden Fall! Ich werde aber nicht an der Strecke stehen und wehmütig zuschauen. Das wird mir nicht passieren. Ich werde mit Freude dabei sein. Und ich würde mir auch sehr gern die Skifahrer – vielleicht Freestyle oder Skicross – ansehen. Am letzten Tag werde ich von den Bergen hinunter nach Sotschi fahren, das Eishockeyfinale schauen und auf einem Kreuzfahrtschiff übernachten. Ich freue mich einfach, dabei zu sein, und hoffe, ein paar Siege und Medaillen deutscher Athleten feiern zu können.

Ihr größter Gewinn im Leben danach?

Mir war es während meiner aktiven Zeit nie richtig bewusst, unter welchem Druck du als Leistungssportler stehst. Ich habe erst nach der Karriere realisiert, wie entspannt es ist, einfach mal abends mit Freunden wegzugehen und problemlos abschalten zu können.

Führen Sie jetzt also ein schöneres Leben?

Ein anderes. Das Leben als Sportler war eine superschöne Zeit und mein absoluter Traumberuf. Ich würde alles wieder so machen. Es ist jetzt ein neuer Lebensabschnitt, aber nicht schlechter oder besser.

Die neue große Aufgabe Ihres Lebens?

Es ist mir sehr wichtig, dass ich als Mama für meine Kinder da bin und zu Hause sein kann. Viele Eltern sagen mir: „Jetzt kannst du dich auf etwas gefasst machen.“ (lacht) Eine gute Mama zu sein, wird die größte Herausforderung sein. Ich will das gut machen.

Sie klingen sehr glücklich.

Wenn du dir Dinge vornimmst und dranbleibst, passiert es dir nicht, dass du unvorbereitet in eine schwierige Phase hineinkommst. Dass du nicht weißt, was du machen sollst und wo du hingehörst. Es lohnt sich immer, sich ein bisschen mit seinem Leben zu beschäftigen.