Vergeltungsakt

Rache ohne Urteil

Ende einer Fehde unter Autohändlern: Vor dem Amtsgericht in Frankfurt werden zwei Männer erschossen

Eine Staatsanwältin steht im Innenhof zwischen zwei Frankfurter Gerichtsgebäuden, sie raucht. Auch zwei Männer halten sich vor Gebäude E auf, sie sind im Prozess der Staatsanwältin angeklagt. Dann geht alles blitzschnell: Ein dritter Mann taucht auf, er zieht eine Waffe und schießt sofort auf die 45 und 50 Jahre alten Männer. Wenig später sind beide tot. Hintergrund der Taten war nach Angabe von Staatsanwaltschaft und Polizei eine Fehde unter Autohändlern. Die Getöteten mussten sich wegen einer tödlichen Messerattacke vor Gericht verantworten. Der Angreifer war der Bruder ihres Opfers.

Nach Schilderung von Polizeivizepräsident Gerhard Bereswil eröffnete der 47-jährige Afghane gegen 8.45 Uhr in einem Durchgang zwischen mehreren Gebäuden das Feuer auf die beiden Autohändler. Der Jüngere brach am Eingang des Gebäudes zusammen. Er war sofort tot. Noch am Mittag lag seine Leiche mit einem weißen Tuch bedeckt auf den Stufen des Gerichts. Der 50-Jährige konnte zwar ins Innere fliehen, der Täter rannte ihm allerdings hinterher, durchbrach die Sicherheitsschleuse und schoss um sich. Mit einem Schuss streckte der Angreifer den Mann nieder und stach dann mit einem langen Messer auf sein hilfloses Opfer ein. „Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden.“ Das Opfer wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht, starb dort aber wenig später.

Nach der Tat versuchte der 47-Jährige, zu Fuß zu entkommen. Er rannte in Richtung Konstablerwache, einem stark frequentierten Platz in Frankfurts Innenstadt. Zwei Vollzugsbeamte waren zu diesem Zeitpunkt gerade mit Untersuchungshäftlingen auf dem Weg zum Gericht. Sie hörten die Schüsse und folgten dem Flüchtigen über mehrere Hundert Meter. „Halt, oder ich schieße“, forderte einer der Beamten den Schwerbewaffneten auf. Kurz vor der Konstablerwache konnte der Schütze überwältigt werden. „Unsere Mitarbeiter haben großen Mut bewiesen“, sagte Klaus Wiens, Pressesprecher des Frankfurter Amtsgerichts. Sie verfolgten den Täter und konnten so dazu beitragen, dass ihn Beamte des ersten Polizeireviers unweit des Tatorts stellten. „Er hatte beide Tatwaffen noch bei sich.“

Die Tat scheint das vorläufige Ende einer Fehde unter Autohändlern zu sein. Bei dem Frankfurter Prozess ging es laut Staatsanwaltschaft um eine tödliche Messerattacke im November 2007. Damals sollen die beiden jetzt Getöteten auf drei Männer eingestochen haben. „Es war wohl ein Streit zwischen zwei Gruppen um angemietete Parkplätze“, sagte Gerichtssprecher Wiens. Ein Mann verlor damals sein Leben – der Bruder des Todesschützen. Die Tatverdächtigen kamen 2008 wegen Totschlags vor Gericht. Sie wurden freigesprochen, weil laut Gericht nicht auszuschließen war, dass sie in Notwehr gehandelt hatten. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein, und es wurde erneut verhandelt, diesmal wegen versuchten Totschlags. Bei der Neuauflage des Prozesses hatte der spätere Schütze am Mittwoch noch ausgesagt. „Daher hatte er wohl Ortskenntnis“, sagte der Polizeivizepräsident. Es habe aber keine Anzeichen gegeben, dass er einen Rachefeldzug plane.

Viele Polizisten im Gebäude

Der Leitende Oberstaatsanwalt Hubert Harth berichtete, die für den Prozess zuständige Staatsanwältin sei eine der wenigen Augenzeugen gewesen. Dass keine Unbeteiligten verletzt oder getötet wurden, sei Glück: Wegen eines zeitgleichen Verfahrens mit elf Angeklagten waren einem Gerichtssprecher zufolge viele Polizisten im Gebäude E. Hobby-Prozessbeobachter Andreas Engel kam rund eine Viertelstunde nach den Schüssen zum Gebäude E: „Ich habe gesehen, wie einer der Männer auf der Treppe gelegen hat und wie er reanimiert wurde“, sagte der 50-Jährige. „Das war erschütternd.“

Kimberley Stumpp hatte kurz nach der Attacke in der nahe gelegenen Berufsschule Pause. Sie sah, wie Krankenwagen zum Gericht fuhren und das Gelände von der Polizei weiträumig abgesperrt wurde. Aus Angst ging sie jedoch nicht näher heran. „Wir wussten ja nicht, was los ist“, sagte die 20-Jährige. Anwältin Mareen Schneider fuhr erst gar nicht zum Gericht, weil sie per SMS gewarnt wurde. Erst als der Täter gefasst war, machte sie sich auf den Weg.

Wie die Passanten, so zeigte sich auch die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) betroffen. Sie bezeichnete die Tat bei einer spontanen Pressekonferenz als „unfassbar“. Sie sei „sehr erschrocken“, sagte sie bei einem ihrer ersten öffentlichen Auftritte in ihren neuen Amt. Auch die Sicherheitsschleusen am Eingang des Gerichtsgebäudes E hätten die Attacke nicht verhindern können. Sie waren installiert worden, als 1997 ein Polizist im Frankfurter Amtsgericht nach einem Unterhaltsprozess seine ehemalige Lebensgefährtin erschoss und deren Anwältin schwer verletzte.