Geschichte

Vermisstenforscher bergen US-Kriegsflugzeug

Die Thunderbolt stürzte vermutlich 1945 ab. Das Wrack wurde zufällig entdeckt

Rund 30 Ehrenamtliche aus ganz Deutschland warten auf einem Acker bei Crumstadt in Südhessen auf ihren Einsatz. Sie wollen herausfinden, was mit der US-Maschine vom Typ P-47 Thunderbolt passiert ist, die im Zweiten Weltkrieg vermutlich 1945 abstürzte und sich in den Boden gerammt hat.

Leiter der Grabung ist Uwe Benkel. Der 53-Jährige aus Heltersberg in Rheinland-Pfalz hat 1989 die bundesweit tätige „Arbeitsgruppe Vermisstenforschung“ gegründet. Ziel ist es, die Schicksale von Vermissten des Zweiten Weltkriegs zu klären und noch lebende Angehörige zu informieren. Heute ist klar: Der Pilot kann anhand der Seriennummer des Motors identifiziert werden. Kontaktiert wurde Benkel von Alexander Schneider. Der Hobby-Archäologe aus Stockstadt in der Nähe hatte das Flugzeug bereits 2009 zufällig entdeckt, dann aber wieder vergessen – bis er von Benkel und seiner Vermisstensuche gehört hat. „Das ist eine tolle Sache. Ich möchte wissen, was hier passiert ist.“ Um das herauszufinden, hat er im Vorfeld geklärt, wem der Acker gehört und sämtliche Genehmigungen zur Bergung eingeholt.

Auf Benkels Zeichen hin gräbt sich der Bagger in den Boden. Plötzlich ein metallisches Knirschen, die ersten Teile kommen zum Vorschein. Helfer nehmen Schaufeln zur Hand und springen in das Loch. Die übrigen beginnen, mit Handschuhen und Harken, den Erdhaufen zu durchkämmen.

Gleich zu Beginn finden sie ein Stück des Motors mit einem Teil der Seriennummer. Benkel hat große Hoffnung, weitere Indizien zu finden. Mehr als 120Flugzeugwracks hat er in den vergangenen 25 Jahren zwischen Brandenburg und Bayern geborgen, 40 Mal menschliche Überreste gefunden. Einmal, in Thüringen, handelte es sich bei dem Toten um einen deutschen Soldaten. Als Benkel die Hinterbliebenen informierte, erntete er Dankbarkeit. „Das ist die häufigste Reaktion“, sagt er.

In Crumstadt kommt außer Munition und jeder Menge Kleinteile ein verbogenes, rostiges Rotorblatt des Propellers zum Vorschein, gefolgt vom Turbolader. Ein größeres Stück Tragfläche ist besonders gut erhalten und zeigt Reste eines weißen Sterns auf blauem Grund – das Hoheitszeichen der US Air Force. Der Kampfmittelräumdienst reist aus Kassel an, sichtet die Patronen und nimmt sie mit. „Insgesamt haben wir hier 365 Stück Bordwaffenmunition, Kaliber 50“, sagt ein Mitarbeiter des Bereitschaftsdienstes. Als Teile der Plexiglas-Haube des Cockpits auftauchen, verstärkt sich der Verdacht, dass der Pilot sich nicht per Schleudersitz retten konnte. Darauf weist auch ein Stück Leder hin, das von der Uniform stammen könnte, sowie das Schloss des Fallschirms, an dem noch ausgefaserte Stoffreste hängen. Schließlich entscheidet Benkel, die gut 100 Kubikmeter Erde noch einmal akribisch zu durchsuchen, bevor der Bagger den Hügel abträgt.

Und tatsächlich: Plötzlich taucht genau das Stück des Motors auf, das zu dem Fund am Morgen passt. Damit ist die Seriennummer vollständig und der Pilot lässt sich eindeutig identifizieren, wenngleich das Wochen oder Monate dauern kann. Recherche und Befragung von Zeitzeugen sollen nun helfen, die gesamte Geschichte zu rekonstruieren. Benkel kann sein Glück kaum fassen: „Jetzt können wir die letzte Seite des Buches schreiben.“