Bericht

Selbstversuch: Leben als Frau

Mehr als ein Jahr lang probiert der 50-jährige Christian aus, wie es ist, Christiane zu sein

Christiane hat auffallend runde Brüste. Wenn sie sich bewegt, wippen sie leicht mit. Schwere, weiche Dinger sind es, Brüste der Kategorie 14. Um sie zu zeigen, zieht Christiane gerne enge Tops an. Unter dem Stoff zeichnen sich ihre Brustwarzen dann deutlich sichtbar ab. Christianes Brüste sind eine Männerfantasie. Und wer wüsste das besser als Christiane – immerhin ist sie ja selbst ein Mann.

Christiane sitzt in einem Café in der Münchner Maxvorstadt und ist Christian Seidel, ein fünfzigjähriger Mann, eher unauffällig gekleidet, wenn man vom Hemdengeschmack absieht. Christian Seidel ist ausgebildeter Schauspieler, er hat Filme produziert und Fernsehformate, er war Berater für die Kirch-Gruppe, für Sat.1 und ProSieben. Er managte Claudia Schiffer, manche sagen, er habe Heidi Klum entdeckt.

Am Montag erscheint sein neuestes Buch bei Heyne: „Die Frau in mir“. Auf dem Cover sieht man Seidel, wie er mit gespitzten Lippen versucht, seinen frisch aufgetragenen Nagellack trocken zu blasen. Ein Ex-Manager mit roten Nägeln? „Ein Mann wagt ein Experiment“, heißt es im Untertitel. Christian Seidel ist Christiane geworden. Für ein Jahr. Oder auch mehr.

Mit den Nylons fing alles an

Seidel bestellt ganz galant „einen Latte macchiato für die Dame, einen Darjeeling für mich“. Was ist ihm geblieben von den Monaten, die er als Frau gelebt hat? Vielleicht eine Handbewegung? Ein Augenaufschlag? Ist der Versuch jetzt beendet? Das wird er immer wieder gefragt. Seidel lächelt und zieht eines seiner Hosenbeine hoch. Zwischen der Jeans und den Herrensocken blitzen hauchdünne dunkelblaue Nylonstrümpfe hervor. Nein, so ganz scheint das Experiment nicht vorbei zu sein. Vielleicht ist auch der Begriff Experiment gar nicht so sonderlich passend.

Mit den halterlosen Nylons hatte es angefangen. Seidel fand die verbotenen Strümpfe in der Damenwäscheabteilung, gekauft hat er sie, weil ihm an den Beinen im Winter immer kalt war. Dann aber, als er mit der Packung an der Kasse stand, fiel ihm auf, dass er gerade dabei war, eine Grenze zu überschreiten. Er begann zu überlegen, wie es auf der anderen Seite aussieht. „Wie fühlt sich das Leben der Frauen an? Besser? Offener und fantasievoller?“ An diesem Tag an der Kaufhauskasse beschloss er es. Er würde ausbrechen.

Menschen wachsen in Dichotomien auf. Hell/dunkel, aktiv/passiv, Mann/ Frau. Mehr als eine Tatsache, dass Frauen und Männer unterschiedlich sind, scheint es aber ein Wunsch von vielen zu sein, dass die Vorstellung der Differenz aufrechterhalten wird, das hat Seidel in seinem Leben als Frau erfahren. „Manche meiner Freunde wollten Christiane nicht kennenlernen“, sagt er. Mit einigen gab es sogar Streit. Du hast eine Midlife-Crisis, sagte einer, melde dich wieder, wenn du von dem Trip runter bist, ein anderer. „Männer sind unsicher“, sagt Seidel. „Sie haben schnell Angst, nicht mehr als echter Mann gesehen zu werden.“ Die Männerrolle, die sei statisch. „Fast statuenhaft. Sobald ein Mann das aufgibt, sobald er anfängt, ein bisschen zu fließen, dann empfindet er sich selbst als weiblich. Das will er nicht zulassen.“

Selbstversuche von Autoren gehören schon lange zum journalistischen Standardrepertoire, spätestens seit Günter Wallraff zum Türken „Ali“ geworden war. Bei Christian Seidel ist das anders. Er nimmt seinen Titel ernst. Es geht ihm nicht um ein Verkleiden, eine Maskerade, um zu testen, wie die Umwelt reagiert. Die Nylons, die Brüste, die Miniröcke – all diese Accessoires sind nicht nach außen gerichtet, sondern nach innen, es geht ihm darum, das Weibliche in sich selbst zu entfalten und zu erfahren. Die Frau in mir. Das ist die Revolution in diesem Buch. Deswegen eckt Seidel so bei vielen seiner Freunde an, und wird auch sicher einige Leser provozieren. Er nimmt es hin. „Ich habe keine Lust, Rücksicht auf Empfindlichkeiten zu nehmen.“ Dazu sei seine Botschaft an die Männer zu wichtig. „Männer sind unfrei“, sagt Seidel.

In seinem Leben als Christiane hat Christian Seidel sich selbst nicht geschont. Das ist eine der großen Stärken des Buches. Eine Frau zu sein, ist nicht nur ein albernes Spiel für ihn. Gerade zu Beginn muss er oft die eigene Scham überwinden, wenn er sich Röcke kauft, oder BHs, oder eben die Brüste. „Wenn man sich kleidet wie eine Frau, dann empfindet man als Erstes ja nicht Weiblichkeit, sondern Peinlichkeit und Fremdheit“, sagt er. „Erst später kommt die Lust dazu.“

Einiges, was Seidel als Christiane erlebt, ist erwartbar, gerade für weibliche Leser. Die ersten ungelenken Schminkversuche, das ungewohnte Laufen auf High Heels, die ewige verzweifelte morgendliche Frage: Was zieh ich an? In diesem Fall entscheidet sich Christiane übrigens für das Hyperfeminine, enge Miniröcke, viel Lidschatten, gewagte Schnitte. „Das Interessanteste war, die Schamgrenze zu überwinden“, sagt Seidel, „hätte ich flache Schuhe und weite Hosen getragen, wäre es langweilig gewesen.“ Natürlich lag aber gerade in seinem Übertreiben weiblicher Kleidungsklischees eine Gefahr. „Ich wollte auf keinen Fall als Skurrilität abgetan werden,“ erklärt Seidel. Im April entdeckte ihn ein Fotograf der „Bild“-Zeitung und lichtete ihn ab mit Minirock und langen blonden Haaren. „Hä?“, heißt es in dem Artikel dazu „Hat da jemand ’ne Laufmasche?“ und erklärt dann, dass Seidel jetzt als Frau lebe und sich Christiane nenne. „Da habe ich richtig Angst gekriegt, dass ich als Transe abgestempelt werde und alles, was ich über mein Leben als Frau sagen werde, für die Katz ist, weil mir keiner zuhören würde.“

Sie wird fast vergewaltigt

Auch seine eigene Frau reagierte sehr verstört. Maria, wie er sie im Buch nennt, kann nichts mit seiner Neugierde auf Nylons anfangen und will erst einmal nichts von dem hören, was sie für eine Lust an der Perversion hält. Sie will auch keine Zeugin seiner ersten Gehversuche als Christiane werden und verreist für ein paar Wochen. „Ich habe doch einen Mann geheiratet“, sagt sie. Als sie wiederkommt, handelt sie „Männertage“ mit Seidel aus. Tage, an denen er wieder Christian ist, ungeschminkt, ohne Make-up, ohne Perücke. Er willigt ein, aus Angst, sie zu verlieren.

Es sind schöne Momente, die Seidel als Christiane erlebt. Zum Beispiel mit Freundinnen. „Ich habe eine ganz neue Leichtigkeit im Umgang mit Frauen entdeckt. Das ganze Flirten und Abchecken war auf einmal weg. Es war wunderbar.“ Überhaupt, und das ist eine schmeichelhafte Botschaft für die Leserinnen, fühlt er sich als Frau sehr frei.

Es gibt aber auch schreckliche Momente, und gerade da ist es vielleicht besonders gut, dass einmal ein Mann die Perspektive der Frauen eingenommen hat. Christiane fällt natürlich sehr auf, groß und blond wie sie ist. Sie wird begrapscht, bespuckt und beglotzt und einmal sogar fast vergewaltigt. Seidel maßt es sich nicht an zu wissen, wie eine Frau männliche Gewalt erleben muss. Aber er gewinnt einen Einblick.

Einen Alltag als Frau gibt es nicht mehr, aber Christiane gibt es noch. Die Kleider, die Schminke, er hat alles behalten. Und natürlich die Brüste, wer würde sich von denen trennen wollen.