Ermittlungen

Fall Peggy: Polizei öffnet Grab in Bayern

Ermittler vermuten die Leiche der 2001 verschwundenen Schülerin auf dem Friedhof im oberfränkischen Lichtenberg. Die Suche bleibt erfolglos

Ein weißes Plastikzelt mit blauem Dach und ein mit losen Planen behängter Bauzaun sollen an diesem Mittwochmorgen die letzte Ruhestätte vor neugierigen Blicken schützen. Auf dem Friedhof des kleinen oberfränkischen Städtchens Lichtenberg (Landkreis Hof) öffnet die Polizei ein Grab. Ermittler hegen den Verdacht, dass hier nicht nur eine 81 Jahre alte Frau beerdigt wurde, sondern auch die Leiche der am 7. Mai 2001 verschwundenen Peggy versteckt sein könnte.

In der Nacht zum Mittwoch waren die Ermittler nach Lichtenberg gekommen. Am Mittag sind die Arbeiten auf dem Friedhof dann beendet. „Mit größter Wahrscheinlichkeit kann ich ausschließen, dass sich Peggys Leiche im Grab befunden hat“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt aus Bayreuth, Herbert Potzel, am Mittwoch. Die Überreste aus dem Grab würden aber vorsichtshalber noch einmal von Rechtsmedizinern untersucht. Man gehe jedoch davon aus, dass es sich um die sterblichen Überreste der Frau handle und nicht um die Knochen eines Kindes.

Wieder also hat sich eine vermeintlich heiße Spur in dem rätselhaften Fall als falsch erwiesen. Seit 2012 ermittelt die Bayreuther Staatsanwaltschaft wieder und lässt nach der Leiche der Schülerin suchen. Im Frühjahr 2013 war bereits tagelang ein Haus in Lichtenberg unter die Lupe genommen worden. Vergeblich. Die dort in einer Sickergrube gefundenen Knochen stammten nicht von Peggy. Und jetzt der Friedhof.

Rund sieben Grad herrschen an diesem Tag in Lichtenberg. Im sonst typisch rauen Winter im Frankenwald sind das milde Temperaturen, ab und zu kämpft sich die Sonne durch die dichten Wolken. Etwa 50 Einsatzkräfte sind mit der Spurensuche beschäftigt oder sperren den kleinen Friedhof gegen neugierige Blicke ab.

Das Versteck wäre clever gewesen – die 81-Jährige ist nach Auskunft der Polizei zwei Tage nach Peggys Verschwinden beerdigt worden. Der oder die Täter hätten also die Mädchenleiche ins Grab legen können oder mit in den Sarg.

Die Ermittler hatten zwar bereits 2001 Zeugen im Zusammenhang mit der Beerdigung befragt. Aber damals habe es keinen Anlass gegeben, das Grab zu öffnen, betont Oberstaatsanwalt Potzel. Inzwischen habe man neue Hinweise bekommen. Einzelheiten wollte er nicht nennen. Er sagte lediglich: „Wenn neue Hinweise vorliegen, müssen wir dem auch nachgehen.“ Aus ermittlungstaktischen Gründen werde es zunächst aber noch keine weiteren Auskünfte geben.

Viele offene Fragen

Das Verschwinden der damals Neunjährigen ist bis heute ungeklärt und zählt zu den rätselhaftesten Kriminalfällen der vergangenen Jahre. Peggys Leiche wurde nie gefunden. Die Ermittler gehen aber davon aus, dass sie nicht mehr lebt.

In dem undurchsichtigen Fall gibt es nach wie vor viele offene Fragen. Zwar wurde 2004 der heute 36 Jahre alte Ulvi K. aus Lichtenberg als Peggys Mörder verurteilt. Doch viele Menschen bezweifeln, dass er der Täter ist. Darunter auch sein Anwalt Michael Euler, der in seinem erfolgreichen Wiederaufnahmeantrag den damaligen Ermittlern viele Versäumnisse und Pannen vorgeworfen hatte: Da bis heute die Leiche des Mädchens fehlt, hätte dem geistig behinderten Mann das „perfekte Verbrechen“ gelingen müssen.

Nach der Tat-Version des Gerichts rannte Ulvi K. an jenem Mai-Nachmittag hinter dem Mädchen her und tötete es. Der Gastwirtssohn aber ist ein schwergewichtiger Mann, der sich im Zeitlupentempo bewegt. Das Landgericht Bayreuth hat inzwischen die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen K. angeordnet. Von April an wird neu verhandelt.

Auf zwei Punkte stützt das Gericht seine Entscheidung: Ein wichtiger, inzwischen verstorbener Belastungszeuge hatte seine Aussagen widerrufen. Der Mann hatte behauptet, Ulvi K. habe ihm den Mord gestanden. Dies sei eine Lüge gewesen, erklärte er später. Es könne nicht sicher ausgeschlossen werden, dass die Aussage dieses Zeugen auf die Urteilsfindung Einfluss hatte.

Geständnis widerrufen

Zudem hatten die damaligen Ermittler einen möglichen Tathergang konstruiert – der dann verblüffend dem Geständnis des Angeklagten ähnelte. Ulvi K. widerrief das bei der Polizei abgelegte Geständnis später. Er verbüßt allerdings derzeit nicht seine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes, sondern ist wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in einer psychiatrischen Klinik.

Ins Visier der Staatsanwaltschaft geriet inzwischen ein Mann aus Halle in Sachsen-Anhalt, der 2001 als enger Freund von Peggys Familie galt. Er sitzt wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes in Haft. Auch gegen seinen Halbbruder werde ermittelt, sagte Oberstaatsanwalt Potzel. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die Ermittler gründlich vorgehen wollen. Neuen Hinweise werde konsequent nachgegangen. Auch wenn sie in der Sackgasse enden, wie am Mittwoch auf dem Friedhof.