Südpol

Rettung in der Antarktis geglückt

52 Expeditionsteilnehmer wurden ausgeflogen. Doch wer trägt jetzt die Kosten der Aktion?

Aufgekratzt wie Kinder auf Klassenfahrt gingen die Teilnehmer der Antarktis-Expedition am Donnerstag von Bord zum Helikopter. Nach neun Tagen im Eis konnten die 52 Wissenschaftler und Touristen das eingeschlossene Forschungsschiff „MV Akademik Schokalski“ nicht schnell genug verlassen. Die Hubschrauberaktion zur Rettung war heikel, aber alles lief wie am Schnürchen. Zurück bleiben planungsgemäß die 22 Besatzungsmitglieder des Schiffes. Sie warten, bis das Eis bricht und das Schiff eigenständig wieder fahren kann. In Gefahr ist und war niemand, Schiff und Besatzung sind auf derlei polare Komplikationen eingestellt. Nahrung, Getränke und Wärme waren jederzeit sichergestellt. Lediglich die Biervorräte waren zur Neige gegangen.

Rückkehr nach Australien

Die Geduld der Teilnehmer der Australasiatischen Antarktis-Expedition 2013/14 war dennoch auf eine harte Probe gestellt worden: In den vergangenen Tagen scheiterten Eisbrecher aus Australien, China und Frankreich, das seit dem 24.Dezember feststeckende Schiff zu befreien. Am Mittwoch hinderten Sturm und Regen dann eine geplante Rettung per Hubschrauber. Auch am Donnerstag wurde ein Start des zu dem chinesischen Eisbrecher „Xue Long“ gehörenden Helikopters zunächst abgeblasen. Später konnte er dann zur Bergung aufbrechen. Die im Eis Festgehaltenen wurden zu dem australischen Eisbrecher „Aurora Australis“ geflogen, teilte die australische Schifffahrtsbehörde Amsa mit. Das Schiff soll sie nach Australien bringen.

„Der chinesische Helikopter ist bei der ‚Schokalski‘ eingetroffen“, schrieb Expeditionsleiter Chris Turney gegen 8.15 Uhr MEZ im Kurznachrichtendienst Twitter. „Es ist zu 100 Prozent sicher, dass wir gehen. Einen großen Dank an alle!“

Turney veröffentlichte Videoaufnahmen der Bergungsaktion. Eines zeigt, wie Besatzungsmitglieder der „Xue Long“ in orangefarbenen Overalls aus dem roten Hubschrauber steigen und über das Packeis laufen. Ein etwa eine Stunde später geschicktes Video zeigt die erste Gruppe von Passagieren, die zum Hubschrauber geht, und ein drittes Video zeigt den Start des Helikopters. Die Schifffahrtsbehörde erklärte einige Stunden später, alle Passagiere seien an Bord der „Aurora Australis“ angekommen. Nun dauert es aber noch Wochen, bis die Passagiere wieder festen Boden unter den Füßen haben: Auf der Reise nach Australien muss die „Aurora“ die Forschungsstation Casey Antarctic Base zum Auftanken ansteuern.

Während des Wartens hatten sich die Passagiere die Zeit mit Spaziergängen im Packeis, Spielen und Kursen für Erste Hilfe und anderes vertrieben. Sie nahmen auch ein Video auf, in dem sie ein Lied über ihr Abenteuer sangen. Außerdem schalteten sie sich per Video live zur Silvesterfeier auf dem New Yorker Times Square. Die Passagiere hatten sich mit ihrer Reise auf die Spuren des australischen Forschers Sir Douglas Mawson und dessen Antarktis-Expedition von 1911 bis 1914 begeben.

Nach der Rettung stellen sich Fragen: Wer zahlt für die Rettung? War der Ausflug etwa fahrlässig? Australische Medien schätzen den Preis für die Rettungsaktion auf mehrere Millionen Dollar. Kosten für Such- und Rettungsaktionen werden zwar von der Amsa übernommen. Das dürfte aber nicht Forderungen der Eigner der zur Hilfe geeilten Eisbrecher einschließen. Das internationale Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See verpflichtet Schiffe auf hoher See, auf Notrufe zu reagieren. In der Regel kann der Eigner des Schiffes in Not später zur Kasse gebeten werden. Die „Schokalski“ fährt unter russischer Flagge – die Expedition hat sie gechartert. Im Chartervertrag müsste die Haftpflicht für Rettungsaktionen näher geregelt sein.

Drei Eisbrecher hatten seit Heiligabend ihren Kurs geändert, um der „Schokalski“ zu Hilfe zu eilen. Das französische Schiff drehte nach drei Tagen wegen der aussichtslosen Lage ab und wurde aus der Helferpflicht entlassen. Aber die Eisbrecher „Snow Dragon“ aus China und die „Aurora Australis“ mussten ihre Arbeit tagelang unterbrechen. Die Schiffe waren zudem auf wichtigen Arbeitseinsätzen unterwegs. Die „Aurora“ war etwa dabei, Nachschub und wissenschaftliche Geräte an der australischen Antarktis-Station Casey auszuladen, als der Notruf kam. Sie brach die Entladung ab und eilte zum Noteinsatz, wie einer der Wissenschaftler an der Station, Joe McConnell, dem „New York Times“-Reporter Andrew Revkin schrieb.

Forschungsarbeiten verschoben

„Die kurz- und langfristigen Folgen für das australische Forschungsprogramm sind enorm, und das dürfte für das französische und chinesische Programm auch gelten, weil ihre Eisbrecher umgeleitet wurden“, schrieb er. „Viele Leute können ihre Forschungsprojekte, die sie teils jahrelang vorbereitet haben, nicht fortsetzen, weil ihr Material immer noch an Bord der ,Aurora‘ ist.“ Wegen der extremen Wetterverhältnisse können Eisbrecher die Forschungsstationen nur im kurzen antarktischen Sommer anfahren. Dabei zählt jeder Tag.

Allerdings war die „Schokalski“ selbst auf wissenschaftlicher Mission unterwegs. Expeditionsleiter Turney ist Klimaforscher. Er wollte Eisveränderungen in der Antarktis dokumentieren. Dazu folgte er der Route des Polarforschers Mawson. „Aufbauend auf den Messungen von vor 100 Jahren unternimmt die Australasiatische Antarktis-Expedition 2013/14 ein Forschungsprogramm, um gegenwärtige und künftige Veränderungen in der Antarktis und dem südlichen Ozean besser zu verstehen“, schrieb Turney. Dass auch zahlende Touristen an Bord waren, ändert nichts daran, dass die Expedition für alle Eventualitäten gewappnet war. „Die Wetterverhältnisse sind eben unberechenbar“, twitterte Turney. Damit können Polarforschungsschiffe umgehen.

Informationen über die Expedition auf www.spiritofmawson.com .