Interview

„Die Gier treibt uns immer weiter“

Film-Star Leonardo DiCaprio über die Sucht nach Geld und Macht. Und die Zukunft der Erde

Leonardo DiCaprio geht am Krückstock, als er zum Gespräch in den Raum humpelt. In seinem von Martin Scorsese inszenierten Film „The Wolf Of Wall Street“ (ab 16. Januar) spielt der 39-Jährige den New Yorker Finanzjongleur Jordan Belfort. Martin Scholz traf ihn im 39. Stock eines Luxushotels mit Blick auf den New Yorker Central Park.

Berliner Morgenpost:

Brauchen Sie Hilfe beim Hinsetzen?

Leonardo DiCaprio:

Nein, danke. Es geht schon. Hallo erst mal.

Als Sie mit Ihrem Stock hereinkamen, dachten wir, Sie würden für eine neue Rolle proben.

Nein, nein. Ich habe mir ganz profan den Knöchel verstaucht. Nicht zu ändern.

So, wie Sie jetzt da sitzen, geben Sie den größtmöglichen Kontrast zu der Breakdance-Einlage in Ihrem Film ab.

Das war ja keine große Sache. Ich habe schon Breakdance gemacht, als ich noch zur Grundschule ging. Was allerdings zunächst ein Nachteil war, als ich versuchte, in der Schauspielbranche Fuß zu fassen. Weil ich diesen idiotischen Breakdancer-Haarschnitt trug, dazu Breakdancer-Klamotten, wollte mich partout kein Agent vertreten.

Im „Wolf von Wall Street“ porträtieren Sie den kriminellen Finanzjongleur Jordan Belfort. Als er mal zu viele Tabletten genommen hat, kann er nicht mehr gehen und sprechen. Da sehen wir Sie mehrere Minuten lang über die Leinwand kriechen. So komisch waren Sie selten.

Fanden Sie das lustig? Es war sehr schwer, das zu spielen. Ich hatte mir nicht unbedingt vorgenommen, daraus eine Comedy-Einlage zu machen. Aber gut. Ich hatte mich oft mit Jordan Belfort getroffen. Er hat mir genau beschreiben, wie diese Methaqualon-Tabletten wirkten, die er damals ständig geschluckt hat. Dein ganzer Körper fällt in sich zusammen. Gleichzeitig glaubst du, dass du klar sprichst und Herr deiner Sinne bist. Es ist der ultimative Kontrollverlust. Zur Vorbereitung habe ich mir einen YouTube-Clip über den vielleicht besoffensten Menschen der Welt angesehen. Wir haben drei Tage an dieser Szene gearbeitet, ich bin die ganze Zeit gekrochen, habe versucht, meine Arme und Beine nicht mehr zu benutzen. Danach war ich eine Woche lang ziemlich im Eimer.

Sie haben in diesem Jahr drei große Filme veröffentlicht: „Django Unchained“, „Der große Gatsby“ und „Der Wolf von Wall Street“. Wie dürfen wir uns Leonardo DiCaprio vorstellen, wenn er auf ein Jahr wie dieses zurückblickt?

Also am Ende dieses Jahres fühle ich mich eher so, als hätte ich nonstop gearbeitet, seit ich 13 bin. Ich muss mal eine Auszeit nehmen. Dieses Jahr war wie ein einziger Adrenalinschub. Es ist viel zusammengekommen – aber es waren eben sehr reizvolle Projekte.

Warum ist es befreiend, einen Bösen zu spielen?

Weil ich in meinem Spiel nicht von Zwängen oder Regeln zurückgehalten werde. Ich meine das in dem Sinne, dass wir nicht versucht haben, seine Menschenverachtung abzufedern, indem wir beispielsweise durch Rückblicke auf eine schwere Kindheit oder so was verweisen. Wir wollten nichts beschönigen, keine Sympathie für ihn erzeugen. Wir zeigen einen durch und durch rücksichtslosen Menschen. Das wollte erst kein Hollywood-Studio produzieren. Es war ein Experiment. Denn Martin und ich, wir wussten nicht, wohin uns diese Charaktere führen würden.

Müssen wir uns Sorgen machen?

Es überrascht mich immer wieder, wie mich solche Figuren zu den dunkelsten Orten der menschlichen Seele führen. So entstand unsere authentische Version dieses römischen Imperators, dieses modernen Caligulas. Ich kam mir vor wie ein Kultführer, ja. Wie jemand, der seine Truppe motiviert, in die Schlacht zu ziehen. Er war wie ein Rockstar, hat die Bewunderung, die ihm entgegenschlug, schamlos ausgenutzt. Ausgerechnet an dem Tag, als wir meine rauschende Motivationsrede aufnehmen wollten, kam dann auch noch Steven Spielberg an den Set. Da saßen sie dann – Spielberg und Scorsese nebeneinander – und sahen mir zu, wie ich mich mit der schwierigsten Stelle des Film abmühte.

„Wolf of Wall Street“ ist bereits Ihre fünfte Zusammenarbeit mit Martin Scorsese. Was bringt Sie beide immer wieder zusammen?

Ich finde es faszinierend, dass er durch seine Schauspieler erst allmählich begreift, wie der Film überhaupt werden wird. Diesmal war er wagemutiger als je zuvor. Er hat sich mehr als je zuvor von den Drehbüchern entfernt und uns improvisieren lassen.

Die Planung für diesen Film begann vor der Finanzkrise von 2008. Gedreht wurde in diesem Jahr, die Folgen der Krise bestimmen immer noch die Schlagzeilen. Ist der Film auch ein politisches Statement?

Wir haben diesen Film nicht primär deshalb gemacht, um zu zeigen, wie verderblich die Wall Street ist. Das wissen ja längst alle. Gier ist eine menschliche Eigenschaft, sie kommt nicht nur in der Finanzwelt vor. Diese Broker, die wir porträtieren, sind Wölfe im Wolfspelz. So war das noch in den 90ern: Sie fuhren Porsche, nahmen Drogen, feierten Sexorgien. Viel gefährlicher sind jene Wölfe im Schafspelz, denen man die exzessive Gier nicht so ansieht wie Belfort und seinen Kollegen.

Sie sind nebenberuflich politischer Aktivist, der auch mal Profitgier von Konzernchefs attackiert. Haben Sie mit Belfort gestritten?

Er ist heute ein anderer Mensch. Er zeichnet ein sehr negatives Bild von sich, versucht nicht, seine kriminellen Handlungen zu rechtfertigen. Das hat mir imponiert. Ich kann allerdings nicht erkennen, dass im Moment viele bereit wären, seinem Beispiel zu folgen. Welche Konsequenzen wurden denn aus dem Crash von 2008 gezogen? Keine. Es geht alles weiter wie bisher.

Es werden keine Lehren aus der Geschichte gezogen?

Nein. Die Gier treibt uns immer weiter. Vor Kurzem kamen die Meldungen, als würden wir und der Rest der Welt nicht mehr aus dem Schuldenloch herauskommen. Scheiße! Sehen Sie sich hier in New York doch mal um. Die Apartmentpreise haben sich hier zuletzt vervierfacht, und die Leute kaufen sie trotzdem. Das ergibt für mich alles keinen Sinn. Mein Eindruck ist, dass das Internet diese Gier noch mal verstärkt und beschleunigt hat. Manchmal frage ich mich, wo das alles noch hinführen wird.

Sie engagieren sich mit einer Stiftung für den Klimaschutz und bedrohte Tierarten. Kürzlich haben Sie als Mitbegründer eines Rennstalls für Elektroautos Schlagzeilen gemacht, die bald bei der ersten E-Weltmeisterschaft starten. Was treibt Sie da an?

Sehen Sie, wir alle nehmen Ideale aus unserer Jugend mit ins Erwachsenenleben. Umweltschutz ist neben der Schauspielerei meine große Leidenschaft.

Umweltschützer – das war Ihr Traumjob als Jugendlicher?

Wenn ich nicht Schauspieler geworden wäre, wäre ich am liebsten Biologe geworden. Wir zerstören systematisch einige der schönsten Regionen dieser Erde. Es nervt mich, dass wir in überwunden geglaubte Zeiten zurückfallen und so tun, als seien Ressourcen grenzenlos. Das jagt mir eine Mordsangst ein.