Ronnie Biggs

Ein Gangster mit Mut und Fantasie

Der britische Posträuber Ronnie Biggs ist tot. Er geht als Volksheld in die Kriminalgeschichte ein

Was hatte er dagegen, sich den Film anzuschauen? Mittwochabend sollte seine berühmte Tat noch einmal in dem Film „The Great Train Robbery“ groß in Szene gesetzt werden, im ersten Programm des britischen Fernsehsenders BBC, zur besten Sendezeit. Fortsetzung einen Tag später. Pünktlich Mittwochfrüh aber starb Ronnie Biggs, bekanntestes Mitglied jener Bande, die am 8. August 1963 den bekanntesten Raubüberfall des 20. Jahrhunderts verübte, auf einen Königliche-Post-Zug von Glasgow nach London, präzise geplant, ohne den Einsatz von Schusswaffen. 2,6 Millionen Pfund erbeuteten sie dabei, in heutigem Wert etwa 50 Millionen Euro. Der 8. August war sein 24. Geburtstag.

Biggs war zuletzt sehr krank, hatte seit seiner freiwilligen Rückkehr aus Brasilien vor zwölf Jahren mehrere Schlaganfälle erlitten. Schwer gezeichnet war er bereits vor zwei Jahren bei der Vorstellung seines Buches „Odd Man Out“, der aktualisierten Neuauflage seiner Autobiografie aus dem Jahre 1994, der Hoch-Zeit seiner Popularität.

Biggs war ein Mitläufer

Biggs war kein Perfektionist, er war Mitläufer. Das „Master-Mind“, der Boss der 15-köpfigen Bande und Organisator, war Bruce Reynolds. Biggs große Zeit sollte erst lange nach der Tat kommen, als er für gut 30 Jahre in Brasilien den gefragten Sonnyboy abgeben durfte. Er lebte mit seinem Sohn in einem Haus oben über den Dächern von Rio.

„Ronnie, lange nicht gesehen.“ – „Scheiße, was machst du denn hier?“ Dieser Dialog an der Tür eines Hotelzimmers in Rio de Janeiro am 30. Januar 1974 läutete die Wende im Leben von Biggs ein. Für ihn zum Guten, obwohl der, der ihn da im Hotel „Trocadero“ aufgespürt hatte, Jack Slipper war, Chefinspektor von Scotland Yard. Doch Biggs bereitete Slipper wenig später eine der größten Niederlagen der neueren britischen Kriminalgeschichte.

Seit acht Jahren war Biggs da schon unterwegs gewesen, rund um den Globus. Der Inspektor hatte ihn schon einmal verhaftet. Nur wenige Monate nach der Tat, die damals so großes Aufsehen erregt hatte. Bruce Reynolds hatte aus der Londoner Szene den Tipp bekommen, dass sich in den frühen Morgenstunden jenes Augusttages ein Postzug mit vielen Säcken voller Geld London nähern sollte. Die Bande stoppte ihn etwa 50 Meilen nördlich der Stadt durch ein manipuliertes Bahnsignal, fesselte den Lokführer, koppelte die Lokomotive mit dem unmittelbar dahinter laufenden Wagen, in dem die Geldsäcke gestapelt waren ab. Die Postangestellten, die darin munter stempelten, sortierten und sich unterhielten, bekamen davon zunächst nichts mit. Lokomotive und Geld rollten weiter zur nächsten Brücke, wo die Millionen in Lieferwagen umgeladen wurden. Man versteckte sich auf einer Farm in der Nähe. Die Polizei kam ihnen zwar schnell auf die Spur, nicht zuletzt, weil Ronnie Biggs, der polizeibekannte Kleinkriminelle, in jener Farm beim Katzenfüttern seine Fingerabdrücke auf dem Napf zurückgelassen hatte. Doch nur ein Teil der Räuber konnte zunächst gefasst werden, darunter Biggs selbst.

Schnell genossen die Posträuber mehr Popularität, als den Behörden lieb war. Diejenigen, gegen die im Januar 1964 der Prozess eröffnet werden konnte, bekamen das zu spüren. Obwohl bei der Tat bis auf den Lokführer, der einen Schlag auf den Kopf erhielt, niemand körperlich zu Schaden kam und keine Waffen im Einsatz waren, erhielten viele von ihnen drakonische Strafen: 30 Jahre Haft. Darunter auch Biggs.

Der Postraub war Kult. Bei Umfragen gaben die meisten Briten freimütig zu, sie würden die Gangster nicht bei der Polizei verraten, Bewunderung schlug ihnen entgegen. Besonders Biggs, der mit seinem Ausbruch aus dem Wandsworth-Gefängnis schon 1965 einen zweiten spektakulären Coup hinlegte: Ein Möbelwagen mit Hebebühne war vor die Gefängnismauer gefahren, Strickleitern rollten in den Gefängnishof, nach Sekunden war Biggs über alle Berge, wenig später über alle Meere. Über Paris, wo er sich einer Gesichtsoperation unterzog, floh er mit Ehefrau und zwei Söhnen nach Australien, wo er unter anderer Identität seinem Beruf als Zimmermann nachging. Die Polizei war ihm 1969 hart auf den Fersen, nur Minuten vor ihrem Zugriff konnte Biggs aber nach Rio fliehen. Dort lebte er jahrelang unerkannt als Michael Haynes, freundete sich mit einer Stripperin an, die 1974 von ihm schwanger wurde.

Gejagt von Scotland Yard

Über Mittelsmänner hatte der Posträuber Kontakt zur Londoner Zeitung „Daily Express“ aufgenommen, deren Reporter anreisten, um ihm seine Story für 35.000 Pfund abzukaufen. Der Chefredakteur verriet den Plan an Scotland Yard, sodass im selben Flugzeug mit den Reportern inkognito auch Chefinspektor Jack Slipper anreiste. Als das Interview starten sollte, schlug Slipper zu und übergab Biggs der brasilianischen Justiz. Mitnehmen durfte er Biggs nicht, weil dieser absehbar Vater eines brasilianischen Kindes werden würde.

Er musste freigelassen werden, konnte nun wieder seinen richtigen Namen annehmen. 1981 musste er noch einmal bangen, als ein britischer Wachschutzmann ihn kidnappte und gefesselt per Yacht nach England entführen wollte. Wieder hatte Biggs Glück, der Entführer drohte im Atlantiksturm zu havarieren, musste Barbados anlaufen. Doch auch in Barbados, obwohl Commonwealth-Mitglied, entschied man sich nicht zur Auslieferung, schickte ihn zurück nach Rio.

Von den 70er-Jahren bis zum Millennium genoss Biggs sein Leben in Rio in vollen Zügen. Geplagt von wachsendem Heimweh, entschloss sich Biggs dann zur Rückkehr nach London. Bei seiner Ankunft am 7. Mai 2001 am Flughafen Heathrow wurde er verhaftet, man eröffnete dem knapp 70-Jährigen, die restlichen 28 Jahre seiner Strafe absitzen zu müssen. 2009, zwei Tage vor seinem 80. Geburtstag, kam er frei. Öffentlich trat er zum letzten Mal im März auf. Beim Begräbnis des damaligen Gangsterbosses Bruce Reynolds – aus dessen Schatten er längst herausgetreten war.