Lockerung

Bruch mit Tabus: Revolution in den Betten der Chinesen

Auf der Sexmesse im südchinesischen Guangzhou bereitet sich die japanische Pornotänzerin Rei Mizuna auf ihre Show vor.

„Alle sind so begeistert, und ich freue mich echt darüber“, sagt Mizuna. Diesen Rummel habe sie nicht erwartet. Auf dem jährlich stattfindenden Nationalen Sex- und Kulturfestival in Guangzhou wird deutlich, wie in der ehemals zutiefst konservativen Volksrepublik zunehmend mit sexuellen Tabus gebrochen wird. Bei den jungen, unternehmungslustigen Chinesen in den Städten gewinnt die westliche Kultur zunehmend an Einfluss. Von der puritanischen Lebensweise ihrer Eltern trennen sie Welten. Zwar sind harte Pornofilme in China verboten, doch Softversionen und die allgemeine Sexprodukte-Industrie boomen. Schätzungen zufolge produziert China mehr als 80 Prozent aller Sexspielzeuge weltweit, eine Million Menschen sind in der Industrie beschäftigt.

Seit Lockerung der Gesetze 1993 öffneten staatlichen Medienberichten zufolge in Peking und Shanghai mehr als 2000 Sexshops, und der Markt für Sexspielzeug wächst jährlich um 63 Prozent. „Früher fanden die Kunden diese Produkte alle zu teuer, man konnte sie nirgendwo kaufen, und sie hätten sich geschämt, wenn ihre Familien die Puppen gesehen hätten“, sagt Cheng Zichuan vom Sexpuppenhersteller Hitdoll. „Jetzt ist ihnen das egal, sie kaufen die Puppen, wenn sie ihnen gefallen, und haben Spaß damit.“ Bis zu fünf Sexpuppen verkaufe er im Monat, meist an reiche Single-Männer, die nicht „irgendwelche Prostituierten“ mieten wollten. Auch einsame Witwer kaufen nach seinen Worten solche Puppen – häufig Spezialanfertigungen, die den verstorbenen Ehefrauen ähneln. Noch dürfen Chinesen erst mit 22 Jahren heiraten, Chinesinnen müssen mindestens 20 Jahre alt sein. Doch in einer Umfrage 2013 gaben mehr als 70 Prozent an, sie hätten bereits vor der Ehe Sex gehabt. 1994 waren das noch 40 Prozent, 1989 nur 15 Prozent. Die Chinesen wollen nicht mehr warten, sondern proben die Revolution im Bett.