Wortwahl

Die „GroKo“ schlägt den „Protz-Bischof“

Gesellschaft für deutsche Sprache wählt das Wort des Jahres. Synonyme für die große Koalition und Franz-Peter Tebartz-van Elst landen vorn

Das Kunstwort „GroKo“, Kurzform für die „große Koalition“, ist das Wort des Jahres. Die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) stellte am Freitag fest: „Das Thema hat das Wahljahr beherrscht.“ Und das, obwohl die „GroKo“ erst im September Einzug in den Sprachschatz hielt. Es sei zudem eine interessante Wortbildung und zeige Sprachwitz und Kreativität, sagte der Vorsitzende der Gesellschaft, Armin Burkhardt. Das Wort zeige eine „halb spöttische Haltung“ gegenüber der vermutlich anstehenden Koalition aus CDU/CSU und SPD.

Geschaffen wurde die „GroKo“ in den sozialen Medien, allen voran Twitter, die die Abkürzung auch als sogenanntes Hashtag nutzen, um verschiedene Nutzerkommentare zu diesem Thema zu bündeln. „Das Kurze, Griffige ist in den sozialen Medien notwendig“, sagt Jurymitglied Nicola Frank. „Erst von dort hat das Wort den Sprung in die Printmedien geschafft.“

Die Jury hatte ihre zehn „Wörter des Jahres“ in diesem Jahr aus rund 2400 Vorschlägen ausgewählt. Auf die Liste kommen laut Gesellschaft für deutsche Sprache nicht die am häufigsten verwendeten Begriffe eines Jahres, sondern die, die das Jahr am besten sprachlich auf einen Punkt bringen.

Generell ist die politische Berichterstattung in den Top Ten der wichtigsten Worte gut vertreten: Die „Ausschließeritis“, also das krankhafte Ausschließen einer möglichen Koalition bereits vor der Wahl, liegt auf Platz sechs. Horst Seehofers „Ausländermaut“ schafft es auf Platz acht. Die NSA-Affäre rund um Whistleblower Edward Snowden belegt gleich zwei Plätze: das Wort „Big Data“ für das Überwachen und Zusammentragen digitaler Datenströme auf Platz fünf sowie der Spruch „Freund hört mit“ auf Platz zehn. In den Medien wurde damit die Warnung „Feind hört mit“ ironisch abgewandelt, die im Dritten Reich mit großen Plakataktionen verbreitet wurde.

Themen, die bewegen

Platz zwei der Liste belegt ein kirchliches Thema, das die Gemüter erregte und die Medien beschäftigte wie kaum ein anderes: der Finanzskandal im Bistum Limburg. Als Synonym für Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst schaffte es der „Protz-Bischof“ auf Rang zwei. Ausschlaggebend für die Auswahl sei allerdings weniger gewesen, dass die Affäre hohe Wellen geschlagen habe, so Frank. Das Wort verdeutliche viel mehr ein besonderes Spannungsverhältnis in diesem Kirchenjahr: Auf der einen Seite stehe Tebartz-van Elst, der „Protz-Bischof“, auf der anderen Seite ein neuer Papst, der sich Franziskus nenne, sich den Armen zuwende und Mitleid fordere.

Auch der dritte Platz auf der Jahresliste wäre vermutlich ganz nach Franziskus’ Geschmack gewesen. Das Wort „Armutseinwanderung“ hat sich den prominenten Platz gesichert. Die große Zahl Hilfesuchender aus Krisengebieten in Afrika, aber auch aus europäischen Ländern wie Rumänien und Bulgarien war für die GfdS ausschlaggebend. Die nach wie vor instabile Lage der europäischen Wirtschaftszone landete mit der „Zinsschmelze“ auf Platz vier.

Etwas fremd erscheint die Kür des Begriffs „Generation Sandsack“, der den wenigsten geläufig sein dürfte. Doch die GfdS geht bei der Wahl ja nicht danach vor, wie häufig der Begriff verwendet wird, sondern wie wichtig das Themenfeld ist, für das er steht. Die „Generation Sandsack“ bezeichnet vor allem die vielen jungen Menschen, die, häufig organisiert über soziale Netzwerke, Betroffenen bei den Überschwemmungen in Bayern und Ostdeutschland halfen. „Fluthilfe 2.0“ sei nicht die einzige mögliche Alternative gewesen, sagt Frank. In Anlehnung an bekannte Wortbildungen wie „Generation Golf“ oder „Generation Praktikum“ habe allerdings die „Generation Sandsack“ das Rennen gemacht.

Entertainer Harald Schmidt hatte „GroKo“ bereits vor acht Jahren in den Mund genommen. In seiner ARD-Show „Harald Schmidt“ hatte im Dezember 2005 eine schwarze Krokodil-Handpuppe mit Brille, rotem Maul und weißen Stoffzähnen mit dem Namen „GroKo“ ihren Auftritt. „GroKo“ sollte damals bereits für große Koalition stehen.

Immer wieder schaffen Kurzwörter den Weg in die deutsche Sprache: So stand 2011 plötzlich der „Bufdi“ vor der Tür sozialer Einrichtungen. Seit der Abschaffung der Wehrpflicht arbeitet er für den Bundesfreiwilligendienst. Er löste den „Zivi“ ab. Von 1961 an hatten Zivildienstleistende etwa in Kliniken, Naturschutzgebieten oder Jugendherbergen ihren Wehrersatzdienst abgeleistet. Schwer hatten es die „Azubis“: Anfang der 70er-Jahre sollten die neuen Auszubildenden sprachlich die bisherigen Lehrlinge ersetzen. Der Widerstand gegen das neue Kurzwort war langlebig und reichte bis zu einer – erfolglosen – Bundesratsinitiative 1999 für den alten Lehrling. Heute haben sich die „Azubis“ durchgesetzt, allerdings nur in der geschlechtsneutralen Variante. Die weibliche Form „Azubine“ gilt nicht als seriöse Bereicherung des Wortschatzes.

Nur wer einmal „BAföG“ kassierte, dürfte genau wissen, was hinter der Abkürzung steckt. Es ist das Bundesausbildungsförderungsgesetz von 1971, das Jugendlichen aus ärmeren Familien ein Studium ermöglichen sollte. Als leicht lesbar konnte sich die Buchstabenfolge durchsetzen und blieb damit eine seltene Ausnahme unter den vielen Gesetzen und Verordnungen.