Seminar

Hinterm Tresen von Bill Clinton lernen

Stanislav Vadrna lehrt, wie man als Barkeeper ohne Worte auskommt

Die beiden Männer stehen sich gegenüber, blicken sich in die Augen. Tief und lange, ohne ein Wort zu sagen. Dann, endlich, dürfen sie sprechen: „Ich sehe dich“, sagt der eine. „Ich bin hier, um gesehen zu werden“, antwortet der andere.

Was nach einer esoterisch angehauchten Selbstfindungsübung aussieht, hat einen ganz realen Hintergrund. Die beiden Männer sind Barkeeper und wollen in einem Seminar mit dem Titel „Bar Room Body Language“ lernen, wie sie sich bewegen müssen, um ihrem Gast ein gutes Gefühl zu geben und Vertrauen auszustrahlen. Und nicht nur das: Das Seminar, das mit dieser Übung beginnt, soll den Barkeepern außerdem beibringen, wie sie die Körpersprache ihrer Gäste analysieren können, um herauszufinden, wie es diesen geht, und auch, was sie gerade gern trinken würden. Ja, das könne man nämlich sehen, sagt zumindest Stanislav Vadrna.

Der Slowake übernahm mit 30 Jahren eine Bar in Bratislava, zwei Mal erhielt er vom Museum of the American Cocktail und der United States Bartenders Guild den Preis für die weltbeste Cocktailkarte. Er verbrachte einige Jahre in Japan, um mehr über die dortige Barkunst zu erfahren. „Jedes Treffen ist einmalig“, erklärt Vadrna, „daher müssen wir dafür sorgen, dass jede Trinkerfahrung hier und jetzt die beste ist.“ Wie man das am besten umsetzt, will er in seinen Kursen lehren. Und das sieht dann eben so aus, dass sich zwei Barkeeper gegenüberstehen, einander in die Augen blicken und mehrere Minuten gar nichts sagen. „Ihr müsst dem Kunden zeigen, dass ihr wirklich für ihn da seid.“ Dafür solle man ihm nicht nur in die Augen schauen, sondern dabei versuchen, die Farben der Iris zu erkennen.

Vadrna schwört auf seine Techniken, sagt, man könne so das Charisma erlernen, das man im Barkeeper-Alltag brauche – nicht nur, damit die Gäste sich wohlfühlen, sondern auch, damit diese dem Mann hinter dem Tresen so sehr vertrauen, dass sie ihm die Auswahl des Cocktails überlassen. In Japan nennt man diese Praxis „Omakase“, was übersetzt so viel bedeutet wie „Ich übergebe es dir“. Als Beispiel für einen, der auch ein großartiger Barkeeper wäre, nennt Vadrna den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton. „Seine Präsenz ist einfach unglaublich. Wie er Augenkontakt hält, ist legendär“, schwärmt Vadrna.

Am Ende gibt es dann noch konkrete Tipps für den Abend in der Bar: Sitzt ein Paar am Tisch und er schiebt sein Handy immer weiter auf ihre Seite? Das zeigt dem Barkeeper, dass er Interesse an ihr hat, den Abend verlängern will – „der perfekte Anlass, den beiden eine Flasche Wein anzubieten“, sagt Vadrna. Überschlägt die Frau ihre Beine so, dass ihre Fußspitzen zur Tür zeigen? Sie könnte sich unwohl fühlen – und der Barkeeper ihr helfen, indem er die Rechnung anbietet. Beißt der Gast sich auf die Lippe? Er könnte angespannt sein und etwas Stärkeres zu trinken gebrauchen.